»Weißt du, wie sie Louisiana nennen? Louisianistan!« – Kevin Gates im Interview

Alle Fotos: Jimmy Fontaine

Mitte Juli wurden in Baton Rouge, Louisiana, drei Polizisten erschossen, nachdem in den Wochen zuvor wiederholt Afroamerikaner durch die Kugeln amerikanischer Polizeibeamter starben. Der Rapper Kevin Gates, dessen zweites Album Islah Anfang des Jahres auf Platz zwei der US-Billboard-Charts landete, wuchs wiederum in der Bundeshauptstadt Louisianas auf. Seinem Background, diversen Gefängnisaufenthalten und eindeutigen Posen auf Promofotos zum Trotz will er dem Prototyp des stumpfsinnigen Gangbangers nicht entsprechen. SPEX traf einen etwas konfusen Kevin Gates zum Gespräch über Liebe, Glaube, Rassismus und den ganzen großen Rest – und entwirrte die Antworten.

Kevin Gates, wie hast du die letzten Monate nach dem Erfolg deines zweiten Albums wahrgenommen?
Bruder, das mag verrückt klingen, aber ich habe keinen blassen Schimmer, wieviel ich von dem Album verkauft habe. Ich werde es wahrscheinlich nie wissen, und es wird mich vermutlich auch nie interessieren. Das bedeutet mir nichts. Mein Ziel ist es, Europa mit »Soldier Love« zu infizieren. So etwas haben die Leute hier noch nie gesehen.

»Soldier Love«?
Ich bringe den Leuten bei, endlich wieder zu lieben. Wenn ich an früher zurückdenke … der hustle, die Drogen, die Gewalt. Aber in meinem tiefsten Inneren war das einzige, was ich jemals wollte, die Liebe.

»Als sie mich eingesperrt haben, ist eine entscheidende Sache passiert:
Mein Geist wurde geweckt.«

Du hast gesagt, dass dir nie etwas besseres hätte passieren können, als eingesperrt zu werden. Warum?
Ich fühlte mich beschmutzt und vergiftet durch die Medien, durch das Fernsehen und durch die Dinge, die um mich herum passiert sind. Als sie mich eingesperrt haben, ist eine entscheidende Sache passiert: Mein Geist wurde geweckt.

Noch während du in Haft warst, hast du deinen Master in Psychologie gemacht. War das schwierig?
Wieso schwierig? Ich bin der Herr meines Glaubens. Ich verstehe alles. Alles, was ich tun muss, ist meine Augen zu öffnen. Alles, was ich tun muss, ist hinzuhören. Ich kann mit meinen Ohren sehen und mit meinen Augen hören.

Hat das die Art verändert, wie du Leute siehst und behandelst?
Nein. Die Tatsache, dass ich Muslim geworden bin, hat verändert, wie ich den Menschen begegne.

Wieso bist du konvertiert?
Wenn ich in Amerika in eine Kirche gehe, spüre ich die Abneigung der Leute. Diamonds in my mouth, tattoos all over my skin – sie wollen mich dort nicht. Mein Großvater und mein Vater waren Muslime. Ich habe den Islam jedoch lange nicht richtig angenommen. Als ich aber irgendwann verstanden habe, was dahintersteckt und wofür all diese großen Männer stehen, hat das mein Leben verändert. Bei meinem ersten Besuch in Übersee war ich perplex: Ich sah blauäugige und blonde Muslime, chinesische Muslime, türkische Muslime, afrikanische Muslime. Menschen aller Rassen und Herkunft – alle vereint unter einem Gott. Das hat mich umgehauen. Diese Menschen haben mir nicht das Gefühl gegeben, dass ich hier nicht hingehöre. Stattdessen sagten sie: Willkommen zuhause!

Kevin-Gates-Jimmy-Fontaine2

Ist der Islam in deinen Augen toleranter als andere Religionen?
Mir geht es nicht um die Religion. Einer Religion nachzugehen bedeutet lediglich, etwas aus Gewohnheit zu tun. Ich bin nicht Muslim im Sinne der Religion. Ich bin Muslim als Einzelwesen. Und ich sage dir eins: Ein echter Muslim ist ein Jude und ein Christ gleichzeitig.

In Europa und in den USA wird über den Islam heftig diskutiert, viele assoziieren den Glauben mit Gewalt.
Es wird immer Kriege und Leid geben. Ich kann nur für mich sprechen. Und ich sage dir: Mich wird kein Unglück treffen, denn ich bin ein sehr friedfertiger Mensch. Ich habe keine Probleme, weil ich bete. Beten ist das Positivste auf der Welt – und ich will dabei nicht religiös klingen.

»Wenn ich Donald Trump morgen treffe, würde ich auf ihn zugehen und sagen: Salem aleikum, Bruder.«

Wieso ist das Image des Islams trotzdem so umstritten? Der Präsidentschaftskandidat der Republikaner hetzt beispielsweise öffentlich gegen Muslime.
Sie hassen Muslime in den USA. Die Menschen sind ignorant. Sie glauben nur, was man ihnen zeigt. Wenn ich Donald Trump morgen treffe, würde ich auf ihn zugehen und sagen: »Salem aleikum, Bruder.«

Er würde umgekehrt vermutlich anders reagieren.
Weil er keinen von uns kennt! Donald Trump ist ein guter Mensch, er kennt den Islam nur nicht. So geht es vielen Leuten. Manche Leute hassen mich, obwohl ich ihnen nie etwas getan habe. Sie hassen mich dafür, dass ich Liebe predige. Diese Leute wird es immer geben – Friede sei mit ihnen. Ich will an dieser Ignoranz nicht teilnehmen. Das Beste aus mir rauszuholen ist alles, was ich tun kann. Ich kann mich nicht mit anderen beschäftigen.

Kannst du diese Leute verstehen?
Ich war selbst mal so. Vor einigen Jahren hättest du dich mir nicht mal nähern, geschweige denn mit mir sprechen können. Jeder hier im Raum kann das bestätigen. Ich machte mir früher nichts aus dem Leben, es hatte keine Bedeutung für mich. Ich wurde in die Gewalt hineingeboren. Ich bin in der Hölle, im Krieg aufgewachsen. Weißt du, wie sie Louisiana nennen? Louisianistan. It’s the bloodiest state in the US. Und dabei rede ich nicht von Gangkämpfen oder ähnlichem – ich rede lediglich von der Anzahl an Morden, die dort tagtäglich passieren. Morde – sinnlose Gewalttaten! Damit bin ich groß geworden. Ich kannte nichts anderes. Aber die Gefahr, in den USA von einem Polizeibeamten ermordet zu werden, ist 90 Mal höher als die, von einem islamistischen Attentäter getötet zu werden.

Das zeigt, dass die USA nach wie vor ein Problem mit Rassismus und Polizeigewalt haben.
Noch mal: Ich will mich damit nicht beschäftigen. Solange eine Sache mich nicht besser macht und meinen Geist nicht stimuliert, existiert sie für mich nicht. Ich lasse diese Negativität nicht an mich heran, ich sauge sie nicht auf. Wenn du den ganzen Tag Negativität erlebst, verkörperst du sie letztendlich selbst.

Kevin-Gates-Jimmy-Fontaine

Hat sich durch den Glauben auch dein Wertesystem verschoben? Was ist dir inzwischen wichtig?
Auf jeden Fall nicht die materiellen Dinge. Ich bekomme Autos, Uhren und allen möglichen Kram von Leuten geschenkt. Aber diese Dinge haben keinen Wert für mich. Das einzige, was mir wichtig ist, ist das hier. (Holt einen kleinen Koran aus seiner Tasche und küsst ihn.)

Auf deinen Social-Media-Kanälen lässt du tief blicken, teilst beispielsweise deine Gedanken zu Depression und Ängsten mit deinen Followern. Wo liegt für dich die Grenze zwischen Künstler und Privatmensch?
What you see is what you get. Ich werde allerdings nie zu viel über mich verraten. Ich gebe ihnen kleine Appetithäppchen, die sie dann für sich selbst zusammenfügen können. Sie können drüber nachdenken, sich wundern oder meine Musik hören. Aber kennen werden sie mich niemals.

Hat diese Strategie zum Erfolg beigetragen?
Definitiv nicht. Sie stand mir am Anfang sogar im Weg. Ich hatte kein Ventil für meine Gedanken, also habe ich die sozialen Netzwerke dafür instrumentalisiert. Vielleicht ist das auch ein Grund, wieso mich niemand im Rap-game wollte. Alle Labels, an die ich herangetreten bin, wollten mich abwimmeln.

»Die Gefahr, in den USA von einem Polizeibeamten ermordet zu werden, ist 90 Mal höher als die, von einem islamistischen Attentäter getötet zu werden.«

Mit Atlantic Records hast du dennoch ein Label gefunden. Was hat sich dadurch verändert?
Ich habe deren Denkweise geändert. Sie haben zwar an etwas geglaubt, aber nicht zu 100 Prozent. Sie waren skeptisch – und ich bin immer noch dabei, mich zu beweisen. Aber ich bin es nicht, der all das macht. All praise to the most high god, Allah. Die Leute verstehen das nicht. Sie sagen: »Kevin, mach dies, mach das«, aber ich bin nicht wie sie. Was ich mache, mache ich aus Leidenschaft. Ich bin mehr als wohlhabend, das sage ich dir.

Nicht im materialistischen Sinn, versteht sich.
Reichtum definiert sich nicht über das Volumen deines Bankkontos, sondern über das deines Herzens und deines Verstandes. Ich bin reich – sowohl an Geld als auch an Liebe. Meine Leute wissen das. Sie sagen: »Wenn ich sehe, dass du es schaffst, weiß ich, dass ich es auch schaffen kann.« Aber du musst wegkommen von dem Begriff der Religion – das ist bullshit. Religionen gibt es nicht. Ich bin Moslem. Und ich liebe jeden Menschen.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here