Waxahatchee machen jetzt Americana. Und Katie Crutchfield damit ihren Frieden mit ihrer Heimat. Im SPEX-Interview spricht die Musikerin über ihre Suchtprobleme, Punk-Gestus und ihre Angst vor zu viel Normalität.

 

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Mit kurzer Verzögerung nimmt Katie Crutchfield den Anruf entgegen. An einem ruhigen Dienstagvormittag sitzt sie mit einer Tasse Kaffee im Schoß im Haus ihrer Eltern. In Birmingham, Alabama, in der Nähe des Flüsschens Waxahatchee. Dem Rinnsal, das Crutchfields Projekt den Namen gegeben hat. Seit nunmehr zehn Jahren macht die US-Amerikanerin unter diesem Moniker Musik, die ähnlich wenig stringent und planbar ist, wie eine Dekade eines Menschenlebens. Ratterte American Weekend 2012 noch mit skelettalen Lo-Fi-Miniaturen vor sich hin, verteilte ihr bis dato jüngstes Album Out In The Storm schon veritable Grunge-Befreiungsschläge mit sicherem Gespür für große Gesten.

Das ist zwischenzeitlich drei Jahre her. Und wenn man die elf Songs auf Saint Cloud hört, bekommt man das Gefühl, dass sich in dieser Zeit auch in Crutchfields Leben vieles gewandelt hat. Klangliche Unwetter? Reminiszenzen an Verzweiflung der Marke Seattle 1992? Lyrische Selbstzerfleischung? Das alles sucht man auf dem fünften Waxahatchee-Album vergeblich. Stattdessen gibt es zurückgelehnte Americana zu hören, die ungefähr so bedrohlich klingt wie ein Sommerabend auf einer Terrasse im Süden der USA. Jene Musik, die man vielleicht auf einer Fahrt von Chattanooga, Tennessee nach Memphis im lokalen Radio erwartet, nicht aber von einer Alumni der örtliche D.I.Y.-Punk-Szene. Doch der erste Eindruck täuscht, ohne Katharsis läuft anscheinend nichts bei der 31-Jährigen. Also alles beim Alten? Crutchfield nimmt einen Schluck Kaffee. 

„Ein Wrack sein, chaotische Beziehungen führen, schlimme Erfahrungen machen, das alles war ein großer Teil meiner Identität als Künstlerin“: Katie Crutchfield (Foto: Molly Matalon).

SPEX: Katie Crutchfield, Sie sagten mal, dass auf eine besonders persönliche Platte immer eine abstrakte folgen müsse. Sehen Sie das weiterhin so und was bedeutet das nach dem tagebuchartigen Out In The Storm für Ihr neues Album Saint Cloud?

Katie Crutchfield: Ich denke, das stimmt immer noch. Obwohl die meisten meiner Alben sehr persönlich sind. Dennoch war ich bei Saint Cloud etwas zurückhaltender, verglichen mit der sehr autobiografischen Herangehensweise an Out In The Storm. Damals habe ich mir keine Zeit zum Nachdenken oder Wachsen gegeben. Ich habe in diesen Erfahrungen gelebt und sie direkt in Songs übersetzt. Bei Saint Cloud habe ich hingegen das Gefühl, dass ich im Vorfeld genug Zeit hatte, um an mir zu arbeiten. Also war meine Hypothese gar nicht so falsch.

Inwiefern haben Sie an sich selbst gearbeitet? Woher kam der Antrieb dazu?

Ich wollte Texte schreiben, die mir ein besseres Gefühl geben. Dazu musste ich mich aber zunächst einmal mit mir selbst auseinandersetzen. Normalerweise mache ich das nämlich nur in meinen Texten. Deshalb habe ich mich in Therapie begeben, um mich in einen besseren Zustand zu bringen. Und um eine große Veränderung in meinem Leben verarbeiten zu können – nämlich endlich trocken zu sein.

„Ich hatte Angst davor, das Bild der gequälten Künstlerin nicht mehr erfüllen zu können

Gab es einen bestimmten Anlass für diese Entscheidung? Und wie hat sie Ihr Songwriting beeinflusst? 

Sie hat alles beeinflusst! Zunächst einmal: Meine Fallhöhe war nicht sehr hoch. Ich habe mein Leben jetzt nicht auf eine besonders greifbare Weise ruiniert, ich fühlte mich einfach nur die ganze Zeit schlecht. Die Trinkerei nahm Schritt für Schritt mein ganzes Leben in Beschlag – körperlich wie emotional. Ein Freund von mir sagte, ich würde mich selbst nicht wiedererkennen, wenn ich aufhören würde. Und er hatte recht. Trocken zu sein hat mein Leben und mich in jedmöglicher Weise verändert, und da gehört das Songwriting natürlich auch dazu. Am Anfang meiner Nüchternheit hatte ich allerdings wirklich Angst. Angst davor, das Bild der gequälten Künstlerin nicht mehr erfüllen zu können. All diese Dinge, ein Wrack sein, chaotische Beziehungen führen, schlimme Erfahrungen machen. Das war ein großer Teil meiner Identität als Künstlerin.

Sie sorgten sich, dass Sie all das brauchen würden, um Songs zu schreiben?

Ja. Seltsam, oder? Ich hatte Angst, dass ich ohne das alles nicht in der Lage sein würde, etwas zu schreiben, das die Leute nachempfinden können. Geschweige denn hören wollen. Saint Cloud war deshalb eine ziemliche Aufgabe für mich: Eine Platte zu schreiben, die dunkel ist, auf der es Konflikte und Probleme gibt, die sich für die Menschen real anfühlen. Die funktioniert, ohne dass ich trinken, feiern und mein Leben komplett vergeigen muss. Und ich glaube, das habe ich geschafft.

Spielte da auch die Angst eine Rolle, vom Klischee der gequälten Künstlerin direkt ins Klischee der Spaßbremse zu wechseln? Den Vorwurf sehen sich Menschen, die mit dem Trinken aufhören wollen, ja immer wieder ausgesetzt. Haben Sie sich vielleicht sogar geschämt?

Genau das Gegenteil, um ehrlich zu sein. Ich habe mich ja schon wegen des Trinkens furchtbar geschämt. Die Sache ist die: Ich bin 31. Nicht mehr Anfang 20, wo das mit der Feierei noch irgendwie süß ist. Wenn Leute in meinem Alter richtig viel feiern und trinken, finde ich das ziemlich düster. Ich will hier keinen verurteilen, aber ich habe mich wirklich extrem geschämt und gedacht: „Ich bin zu alt für sowas.“ Mein Verhalten fühlte sich problematisch an.

Hatten Sie Unterstützung in dieser Phase?

Ja, ich hatte vor allem großartige Vorbilder um mich herum: Meine besten Freund_innen waren alle trocken. Ihr Verstand war so scharf und sie waren enorm produktiv. Sie lasen eifrig, schrieben, machten großartige Musik und hatten viel mehr Energie als ich für all die guten Dinge im Leben. Deshalb hatte ich nie Angst, am Ende des Prozesses ein langweiliger Mensch zu sein.

Passend zu Ihrer persönlichen Transformation hat sich auch der Sound von Waxahatchee gewandelt. Vom Punk Ihrer Anfangstage über den Grunge auf Out In The Storm hat es Sie jetzt zu geschmeidiger Americana geführt. 

Meine Triebfeder für Waxahatchee ist, dass ich mir musikalisch keinerlei Grenzen setze. Wenn ich mich in meinen früheren Bands zu sehr mit einem bestimmten Genre beschäftigt habe, bin ich meistens in einer kreativen Sackgasse gelandet. Ich konnte mich dann nicht mehr für die Songs begeistern. Nehmen wir Out In The Storm: Der Sound war perfekt für das, was ich zu dem Zeitpunkt ausdrücken wollte. Als ich dann mit dem Album tourte und die Songs in diesem Rock-Sound spielte, dachte ich: „Oh, das ist cool, das ist großartig, aber das reicht dann auch wieder.” Als vielseitiger Mensch war mir da schon klar, dass ich klanglich weg vom Rock, hin zu etwas Neuem wollte.

Wie kam es dann zum Americana-Sound?

Relativ organisch. Americana war die Musik, die zu mir gesprochen hat – schon während Out In The Storm. Ich begann, Country-Songs zu covern, und sang auch immer öfter in diesem Stil. Dabei fiel mir auf, dass meine Stimme besser klang als je zuvor. Und das fanden meine Freund_innen auch. Anfang 2019 war ich dann mit der Band Bonny Doon aus Detroit auf Tour. Die Jungs waren als Support- und Backingband gebucht. Als wir das erste Mal zusammen gespielt haben, spürte ich: „Das ist der Sound für die neue Platte.“ Bobby Colombo und Bill Lennox, die beiden Gitarristen, sind jetzt auch auf Saint Cloud zu hören. Die beiden kommen aus der Punk-Szene, sind mit dem Ethos sozialisiert und verstehen meine musikalischen Einflüsse bei Waxahatchee. Aber sie kennen eben auch die eher klassischen Americana-Einflüsse, die für Saint Cloud so wichtig waren.

Also sind Americana und Punk gar nicht so weit voneinander entfernt in diesem Fall? 

Genau. Americana ist meiner Meinung nach aus einer rebellischen Haltung heraus entstanden. Leute wie Lucinda Williams oder Jason Isbell. Das sind Leute, die nicht in die Radio-Country-Schublade reinpassen. Weder musikalisch noch politisch. An sich ist das ja auch Punk.

„Ich hatte das erste Mal das Gefühl, nicht gegen irgendetwas ankämpfen zu müssen“ (Foto: Christopher Good).

Wohnt Americana eigentlich eine Art nostalgischer Trost inne, der Ihnen das Genre so sympathisch macht?

Ja, ich denke schon. Ich bin im Süden der USA aufgewachsen, und das ist die Musik, die mich in meiner Kindheit begleitet hat. Ich bin mit Country von Loretta Lynn aufgewachsen. Dann kamen teenage angst, Punk-Ethos und -Musik und ich begann viele Dinge am Süden zu verachten. Unter anderem Country. Aber irgendwie ist sogar das Fundament meines Gesangs mit dieser Musik verbunden. Meine Stimme klingt eigentlich sehr traditionell. Dennoch habe ich bisher gegen meine Anlagen gekämpft, sie sozusagen durch den Filter meiner Punk-Einflüsse gepresst. Das hat zwar zu echt cooler Musik geführt, aber ehrlich gesagt: Ich hatte bei Saint Cloud das erste Mal das Gefühl, nicht gegen irgendetwas ankämpfen zu müssen. Das war eine gewisse Rückkehr zur Ursprungsform. 

Dennoch kämpfen Sie auf der Platte ja mit sich selbst, oder etwa nicht?

Klar, die vorherrschenden Themen von Saint Cloud sind schließlich Co-Abhängigkeit und Sucht. Sicher auch ein Grund, warum es mir in dem Kontext auch so wichtig ist, über das Trockenwerden zu sprechen. Die Sache mit Co-Abhängigkeit und Sucht ist die, dass du das eine so gut wie nie ohne das andere bekommst. Das ist so, als wären die beiden Konzepte unglücklich miteinander verheiratet. Deshalb handeln die meisten Songs auf Saint Cloud auch von beiden. Oder sagen wir: Co-Abhängigkeit, die direkt aus der Sucht entsteht.