Waxahatchee-Album Cerulean Salt

Waxahatchee Cerulean Salt
WAXAHATCHEE
CERULEAN SALT
PIAS / ROUGH TRADE – 28.06.2013

Tegan And Saras aktuelles, elektrifiziertes Powerpopalbum Heartthrob hat einige enttäuschte Folkfundamentalisten hinterlassen. Einer davon behauptet online in einer Forumsdiskussion, dass die Quin-Zwillinge Katie Crutchfield alias Waxahatchee als Support für ihre Tour lediglich engagiert hätten, um ihre frühere Fanbase nicht völlig zu verprellen. Auch wenn diese Unterstellung möglicherweise ein Fünkchen Wahrheit beinhaltet, rückt sie die aus Alabama stammende Crutchfield, die übrigens ebenfalls eine Zwillingsschwester hat, in ein falsches Licht: Waxahatchees zweites vollwertiges Album erfüllt durchaus die Erwartungen, die Verfechter »handgemachter«, »ehrlicher« Musik so haben können, ist aber ziemlich weit vom verträumten, tendenziell verjammerten Lo-Fi-Akustik-Folk entfernt, der die Vorgängerplatte American Weekend bestimmte.
   Für Cerulean Salt hat die Gitarristin und Singer/Songwriterin auch mal die Verzerrer aufgedreht und klingt, abgesehen von den Lyrics, die ihre beunruhigende Dimension meist erst beim zweiten oder dritten Hinhören entfalten, kaum noch wie die schüchterne Zweiflerin von 2011, die zwar dringend gehört und verstanden werden wollte, aber gleichzeitig Angst vor allzu großer Öffentlichkeit zu haben schien. Die neuen Songs erinnern in ihrem Selbstbewusstsein an Throwing Muses, an The Breeders zwischen Pod und Last Splash, an Musikerinnen wie Barbara Manning, Juliana Hatfield, Liz Phair und überhaupt an den spirit der späten 1980er- und frühen 1990er-Jahre; an die weibliche Seite der Prä- und Post-Grunge-Ära, die die 24-jährige Crutchfield allerhöchstens als Baby mitbekommen haben kann.
   Bei einem älteren Publikum mag Cerulean Salt unweigerlich nostalgische Gefühle auslösen: »Dixie Cups And Jars« ist ein Update von Mannings Lately I Keep Scissors; »Brother Bryan« mit seinem träge lauernden Schlagzeug und das euphorisch losrauschende »Coast To Coast« mit dem mehrstimmigen Girl-Chorus könnten verschollene Stücke von Belly sein. Trotzdem ist Cerulean Salt kein rückwärtsgewandtes Trompe-l’oeil/l’oreille-Album. Die Songs wirken vielmehr wie die notwendige Befreiung der jugendlich-drängenden Punkmusikerin, die Katie Crutchfield in den gemeinsamen Bandprojekten mit Schwester Allison schon mal war (P.S. Eliot, The Ackleys, Bad Banana), bevor sie sich nach dem See benannte, an dem die beiden als Kinder gespielt hatten. »We are late, we are loud, we remain connected as you’re reading out loud«, singt Waxahatchee im Opener »Hollow Bedroom«. Und das ist very 2013, mit den Mitteln von 1991.

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