Waxahatchee – Auf einem Auge Hoffnung

Fotos: Maximilian Mouson

Katie Crutchfield hat ein Projekt. Das heißt Selbstbestimmung und gestaltet sich schwierig. Auf ihrem dritten Album unter dem Künstlernamen Waxahatchee singt sie zu nostalgischem Indierock über und gegen das Erwachsenwerden, jerks und jocks und andere Dinge, von denen ihr schlecht wird. Aus Crutchfields Liedern sprechen Präzision, Geduld und Beobachtungsgabe, aus ihrem Mund kommt viel Kontra aus Prinzip.

Katie Crutchfield ist inzwischen ein kleiner Star. Sagen zumindest manche Kritiker. Die Songwriterin hinter dem Künstlernamen Waxahatchee kontert solche Phrasen aus Prinzip: »Das Ziel war nie, mit der Musik Karriere zu machen«, sagt sie. »Oder reich zu werden. Meine Träume sind kreative Träume.« Vermutlich muss man so was sagen, wenn man eine Tätowierung spazieren trägt, die das Cover von The Execution Of All Things zeigt, dem zweiten Album der unter Punk- und Emokids bis heute kultisch verehrten Band Rilo Kiley. Und dann muss man hinzufügen: »Ich bin ein Punk-Mädchen. Ich denke nicht über Erfolg nach.«

Ob das kokett ist, naiv oder aufrichtig – es ist zumindest eine Sache weniger, über die sich Crutchfield den Kopf zerbrechen muss. Bleibt schließlich immer noch der ganze verdammte Rest. Gedankenwälzen – die 26-Jährige hat eine Profession daraus gemacht. Katie Crutchfield leidet Vollzeit, und Rilo Kiley sind schuld daran. »You say I choose sadness / That it never once has chosen me«, sang Jenny Lewis, die Sängerin der kalifornischen Band, auf der mittlerweile in die Crutchfield-Haut geritzten Platte The Execution Of All Things, die der Geradeso-Teenagerin bei ihrem ersten New York-Besuch in die Hände fiel. 13 Jahre später könnte man mutmaßen, sie leiste sich einen Therapeuten von dem Geld, das sie damit verdient, ihren Weltschmerz in Strophenform zu gießen.

Das Gegenteil ist der Fall. »Ich liebe den Klang meiner Stimme, wenn sie traurig ist«, sagt Crutchfield. »Meinem Unbehagen Ausdruck zu verleihen, macht mich glücklich. Das ist doch etwas von Grund auf Positives.« Als optimistischsten Song auf dem dritten Waxahatchee-Album Ivy Tripp nennt sie »Summer Of Love«. Im Refrain singt sie in der traurigen Stimmlage, die sie so beglückt: »I can’t make out a face in the picture of palm trees / The Summer of love is a photo of us.« Alles eine Frage der Perspektive? Unter den blinden Pessimistinnen ist Crutchfield vielleicht die hoffnungsvolle Einäugige. In Tagen, in denen  Sleater-Kinney mit einem Reunion-Album nahtlos an Neunzigerjahre-Erfolge anknüpfen, ist Waxahatchees stirnfaltiger Nostalgierock plötzlich erstaunlich up to date. Es ist diese Ambivalenz, die Crutchfields Schaffen brandmarkt wie der Rilo-Kiley-Stempel ihren Arm. Palmen im Wind? Jenny Lewis kann ein Lied davon singen.

Crutchfields Geschichte als die einer jungen Frau zu erzählen, die den Morgen vor lauter Möglichkeiten nicht sieht, wird ihr jedoch nicht gerecht. Es ist davon auszugehen, dass ein Post-Nineties-Gitarrengrrrl wie sie, das aus Birmingham, Alabama stammt, in den dortigen, bis in die letzte Ritze mit Testosteron verfugten Underground-Schuppen nicht viel zu lachen hatte. Wenn das, was Trübsal heute in Crutchfield freisetzt, damals auch für zügellose Wut galt, dürfte sie die glücklichste Teenagerin im DIY-Kosmos gewesen sein. Sure, she wasn’t.

Mit der Periode kam das Songschreiben kam das Bewusstsein. Wie viele Frauen empfindet Katie Crutchfield vier geschlechtsspezifische Merkmale als Problem: zwei oberhalb und zwei unterhalb des Bauchnabels. Die wird sie nicht los – ihren Zorn schon. Und weil jerks und jocks, die nur Football im Kopf und Hormone in der Hose haben, nicht begreifen wollen, dass sich auch Mädchen schlicht und einfach ihres Shirts entledigen können, wenn ihnen im Club zu heiß wird, zieht sie blank – auf Blogs wie The B9 gegen Sexismus in Punk-Communities und in den Songs, die sie gemeinsam mit Zwillingsschwester Allison für beinah inflationär wechselnde Bandprojekte schreibt. The Ackleys sind tot, es lebe Bad Banana; bis die tot sind und P.S. Eliott leben – bis wiederum zu deren Tod 2011, als die Crutchfield-Schwestern mit ihren Sort-of-Boyfriends Kyle Gilbride und Keith Spencer nach Philadelphia ziehen, weil noch etwas anderes gestorben ist: ihr Glaube daran, dass man sich als Frau auf Hardcore-Gigs in Alabama irgendwann sicher fühlen könnte.

Wahrscheinlich auch deswegen hat Crutchfield vor vier Jahren mit Waxahatchee ihre eigene Komfortzone geschaffen. Dieses Projekt, benannt nach einem See in Alabama, in dem sie bis heute Ideen angelt, ist Crutchfields persönliche Sicherheitszelle. Hier kommt nur rein, wer das Passwort kennt, es spielt nur mit, wer ihre Regeln befolgt. Das ist in erster Linie eine, auf die stets Verlass war. Und in zweiter Linie auch. »Das Tolle an der Gitarre ist, dass sich die Technologie nie wesentlich verändert hat – wir kennen uns gut, es ist unkompliziert. Eine Zwillingsschwester zu haben, ist hingegen die größte Herausforderung meines Lebens. Diese Beziehung ist Arbeit. Ich habe sie mir nicht ausgesucht.«

Noch etwas also, das Crutchfield nicht loswird. Nachdem sie sich zunächst vom Bandballast und vor allem von den »musikalischen Machtkämpfen« mit ihrer Schwester befreit hatte, ist nun wieder alles wie immer? »Nein« – was zu erwarten war –, »ich habe Waxahatchee maßgeschneidert. Ich schreibe die Songs, sie repräsentieren meine Weltsicht. Ich habe die finale Kontrolle.« Dass die Crutchfield-Clique jetzt erneut mit Gilbride am Bass und Spencer an den Drums auf der Bühne steht, ist weniger schicksalhaftes Familientreffen als kalkuliertes Businessmeeting. »Ich weiß genau, welche Menschen ich in der Band haben möchte und welche Rolle sie einnehmen sollen«, sagt Crutchfield. Klare Worte für jemanden, der mit seinen Comme-ci-comme-ça-Texten zum Schalltrichter der Generation Planlos wurde.

Crutchfield brillierte lange im Eremitinnenkostüm. Für die Arbeit an ihren ersten beiden Solo-Alben American Weekend (2012) und Cerulean Salt (2013) kehrte sie ins Haus der Eltern und damit ganz bewusst in die Ödnis ihrer Kindheit zurück. Schon damals galt für sie: X-Beine sind auch eine Haltung. Wenn Crutchfield davon sang, dass ein Typ ihr nicht zurückschreibt, dann mit der Rigorosität einer Richterin beim Urteilsspruch. »Ich habe triviale Probleme auf sehr tiefschürfende Weise beschrieben«, sagt sie. »Wahrscheinlich identifizieren sich die Leute deswegen mit meinen Songs. Sie sind wie ein Liveticker, da ist man auch ganz nah dran.«

waxahatchee
Von Berufs wegen skeptisch: Katie Crutchfield.

Crutchfield oszilliert zwar auch auf ihrem dritten Album Ivy Tripp zwischen textlichen buts und maybes. Vermeintliche Lollipopzeilen wie »Our love tastes like sugar« lalalat sie aber nicht bloß dahin. Sie lutscht den Drops zu Ende, bis ihr schlecht davon wird: »But it pulls all the life out of me.« Überhaupt ist Ivy Tripp eine Platte voller Ergänzungen. Gute 15 Minuten länger als ihre Vorgänger, aufgenommen in einem Keller auf Long Island und in der Turnhalle einer örtlichen Grundschule, werden die Atemlöcher zwischen den Akkorden mit Keyboardklimperei und Gastsoli zwitschernder Vögel gestopft. Man hört also vergleichsweise viel, nur keine Entschuldigungen. Für nichts. Und während die Gitarre tut, was sie immer tat, verhökert Crutchfield die Erkenntnisse ihres hormonellen Harakiri mit steigendem Selbstbewusstsein.

Endlich erwachsen also? »Man rutscht so rein in seine Zwanziger«, sagt sie, »und plötzlich meint man, alles vorschriftsmäßig machen zu müssen: heiraten, Kinder kriegen, in einem Job arbeiten, den man nicht mag.« Doch dann blitzt er wieder auf, der Zorn in den Augen, der Stoff für das nächste roughe Riff: »Es gibt aber auch Menschen, die herummäandern, Risiken eingehen, lernen wollen, vor allem über sich selbst.« Beide existieren in Crutchfields Abgesängen auf alles Definitive: die wurzelnschlagende Palme und der wildwuchernde Efeu. »Und beide sind unglücklich. Manchmal.« Erwachsen? »Nein.« Ivy Tripp heißt nicht umsonst wie der Punk unter den Pflanzen.

Dieser Text ist neben vielen anderen Interviews und Features in der Printausgabe SPEX N° 360 erschienen, die versandkostenfrei im Online-Shop bestellt werden kann.

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