Was ziehst du an heute Nacht?

Ein gefühltes Jahrzehnt nach dem Beginn des Achtziger-Revivals ist es zum Glück noch nicht vorbei. Das Duo Schwefelgelb aus dem Nichts der Nordeifel verschneidet die Spargelspitzen der Neuen Deutschen Welle und Elemente von Italo-Disco zu einem satten Kraftmahl. Palais Schaumburg, Deutsch Amerikanische Freundschaft und selbst die ungeliebten Ideal finden sich im halsbrecherischen Sound ihres Debütalbums »Alt und neu«. Zu keinem Zeitpunkt ist die Band dabei bloßes Plagiat: Die beiden Protagonisten Sid und Eddy bereichern die Trümmer- und Aufbauromantik der NDW um eine moderne Zweifelsbejahung.

Schwefelgelb

Strenge Beats und knappe Slogans, Körperlichkeit, Disziplin und Verausgabung – verschwende deine Jugend. Deutsch Amerikanische Freundschaft und Italo-House, Digital Hardcore und Scooter, dazwischen die Synthieflächen billiger NDW-Hits.

(Foto: © Yves Borghardt / SPEX)

Sie sind schön und jung und smart. Manche sehen in Schwefelgelb die Wiedergänger des heißesten Duos der deutschen Popgeschichte, Gabi Delgado-López und Robert Görl von der Deutsch Amerikanischen Freundschaft. Das ist nicht verkehrt, aber auch nicht die ganze Wahrheit. Nach einigen Minialben und einer 12” haben Schwefelgelb für das Hamburger Tapete-Label eine ultramoderne Platte mit dem Titel »Alt und neu« produziert. Der Einfluss von New Wave auf sie ist zwar nicht zu leugnen, trotzdem klingt das Album, als habe es vorher nichts gegeben. Rainald Goetz hat in seinem zeitgenössischen Punk-Tagebuch »Klage« einen Satz geschrieben, der sich als Kommentar zu »Alt und neu« lesen lässt. Goetz bemerkt, dass das romantische Punk-Programm von blinder Tat, Wahn, Sprache und Sieg, »egal wie krank erkämpft«, sich zwar selbst widerlegt habe mit der Zeit. Aber deswegen »muss man sich doch nicht dem elenden Gegenentwurf beugen und Ja sagen zur Macht des Faktischen«.

    Rainald Goetz’ Autoren-Ego schaut nach vorn, weil es nicht vergessen will. Sid und Eddy alias Schwefelgelb schauen dagegen zurück, indem sie vorangehen. Sid bringt zum Beispiel, wenn man mit ihm redet, dauernd alles durcheinander, was ihm die Gegenwart an Musik liefert. Seine Plattensammlung bestehe aus dreißig Funkplatten vom Flohmarkt, sagt er, ein Euro das Stück. Sid hat Eddy zwar mal das Grauzone-Album zum Geburtstag geschenkt, lässt aber auch auf Stevie Wonders harmonische Wendungen nichts kommen.

    Gabi Delgado fände ihre Platte gut, hat Sid gehört. Für solche Musik hätten DAF immer gekämpft, habe Gabi gesagt, aber neu sei das alles nicht gerade. Darüber lachen Sid und Eddy. Solange eine Idee noch nicht zu Ende gedacht ist, gibt es keinen Grund, sie nicht weiterzuverfolgen, sagt Eddy. »Ich mach die Augen auf / Und alles ist gut«, singt Sid im zweiten Stück von »Alt und neu«, dem er den Titel »Dann ist das gut« (siehe Spex-CD) gegeben hat. »Alles ist gut« hieß 1981 die erste DAF-Platte, bei der die Band nur noch aus Gabi Delgado und Robert Görl bestand. Das Artwork zeigte die jungen Männer mit sehr kurzen Haaren und nackten Oberkörpern. Auf ihnen glitzerten die Schweißperlen. Wenn man »Dann ist das gut« hört, kann man mit Sid und Eddy das funkelnde Morgen von gestern sehen, oder eben umgekehrt. Dabei kannten sie DAF gar nicht, als sie anfingen, Musik zu machen – sagt zumindest Sid. Inzwischen können sie ihnen aber einiges abgewinnen.

Schwefelgelb

»Sattle die Pferde und mach’ dich bereit / Ab jetzt beginnt eine bessere Zeit / Spieglein, Spieglein an der Wand / Alles liegt in deiner Hand…«

(Foto: © Yves Borghardt / SPEX)

    Sid redet mehr als Eddy und ist außerdem derjenige, der bei Schwefelgelb die Musik macht, die Texte schreibt und singt. Vor dem Rechner sei nun mal nur Platz für einen, sagt er lachend. Eddy liefert im Gespräch zwar weniger Text, aber bündige Statements. Wenn sie live auftreten, spielt er das elektronische Schlagzeug und schreit die Backing-Vocals ins Mikro. Ansonsten ist er für das Aussehen der Design-Oberflächen verantwortlich. So hat jeder seinen Arbeitsbereich, wobei sich der eine stets vom anderen inspirieren lässt. Live werden sie hin und wieder von zwei Tänzern unterstützt – auch sie Freunde, für die Aufgaben gefunden werden mussten. Sid und Eddy kommen aus der Nordeifel, also vom Ende der Welt, aus der hinterletzten Provinz, wo bekanntlich die meisten Bands herkommen, die einen eigenen Stil entwickeln.

    Sid hat ein Ohr für griffige Texte und zündende Melodien. Er emuliert Synthiesounds, sampelt dieses und jenes, Musik von anderen, aber auch, wie Eddy und er in der Küche auf Töpfen herumtrommeln. Schließlich türmt er Kompressionsvorgänge übereinander, die einen supersauberen, zugleich aber extrem dichten und energetischen Sound entstehen lassen. Am Anfang des Albums stehen für einen Moment seltsam einsame Synthieklänge im Raum, die man schon mal auf einer Drexciya-Platte gehört haben könnte. Zeit, lange darüber nachzudenken, bleibt aber nicht, bevor es mit geschätzten 160 Bumms pro Minute zur Sache geht: strenge Beats und knappe Slogans, Körperlichkeit, Disziplin und Verausgabung – verschwende deine Jugend. Deutsch Amerikanische Freundschaft und Italo-House, Digital Hardcore und Scooter, dazwischen die Synthieflächen billiger NDW-Hits. Ein ähnlich euphorisierender Effekt wie beim Hören des Justice-Debüts stellt sich ein.

Ikeagläser, Neonröhren, TV-Geräte: das Abrisskommando Schwefelgelb geht die Dinge im Video zu »Stein auf Stein« mit Clockwork-Orange-aliker Destruktiv-Energie an.

VIDEO: Schwefelgelb – Stein auf Stein
Regie: Christian Weidner

    Im Video zu »Stein auf Stein« sieht man Sid und Eddy in weißen Unterhemden in ihrer Wohnung sitzen. Dann werden sie von ihren wild tanzenden Bühnen-Alter-Egos wie Zombies in Gang gesetzt und hauen die Einrichtung kurz und klein. Nach und nach geht alles in die Brüche, die Regale, der Spiegel und auch die Ikea-Gläser. Am Ende liegen sie zusammen auf einem Bett, als sei die gemeinsam ausagierte Aggression gegen das eigene Heim besser gewesen als jeder Sex. »Die Trümmer deiner Stadt sind endlich verbrannt«, singt Sid dazu: »Wir fangen wieder an / Wir machen aus der Asche einen Diamant«. Palais Schaumburgs »Wir bauen eine neue Stadt« und DAFs lustige Stiefel, die über Polen marschieren, sind da als Idee von Kontroverse und Affirmation nicht weit. Schwefelgelb entwerfen hier die neueste Version moderner Romantik, die die alten Geschichten von Jugend und Homoerotik, von Utopie und Verschwendung erzählt. Zugleich weiß man nicht so recht, was daran ironisch und was daran ernst zu nehmen ist, wofür oder wogegen Schwefelgelb wirklich sind. Eindeutigkeiten langweilen sie, intellektuelle Musik auch. Sie stellen an ihre Texte eine Forderung, die sie bei »jedem künstlerischen Output« für angebracht halten: strikte Ambivalenz. »Sag mir warum / Sag mir warum nicht«, heißt es in »Schwer zu verstehen«. Sid sagt dazu: »Das ist eine generelle Aussage, die wir transportieren wollen: dass es kein Richtig und kein Falsch gibt. Das soll jeder für sich selbst herausfinden. Bei vielen Texten deutet sich an, dass wir etwas Bestimmtes sagen wollen, dann kommt aber eine Phrase, die das Gegenteil behauptet.« Eddy fasst es noch knapper: »Wir haben keinen Bock auf ernst gemeinte Parolen.« Wie hieß es noch beim guten Walter Benjamin? »Der destruktive Charakter lässt sich missverstehen.« Die Betonung liegt dabei auf dem aktiv gedachten ›Lassen‹.

    Trotzdem stellen die Texte von Schwefelgelb auch das radikal Neue in Aussicht. In »Spieglein Spieglein« singen sie: »Komm her, kleiner Freund / Du hast im Leben vielleicht zuviel versäumt / Sattle die Pferde und mach dich bereit / Ab jetzt beginnt eine bessere Zeit / Spieglein, Spieglein an der Wand / Alles liegt in deiner Hand / Zeig mir den Weg in ein besseres Land«. Diese widersprüchliche Trümmer-und-Aufbau-Romantik lässt sich als Antithese zur konservativen Verkrustung einer verängstigten Mittelklasse lesen und gleichzeitig als Umarmung eines Zweifels, den die neuen Reaktionäre mit ihren Verschwörungstheorien säen, um dahinter doch nur die alten Ideologien zu pflegen. Das leise Unbehagen, das mit der Form der Affirmation einhergeht, ist vielleicht die eigentliche Provokation Schwefelgelbs. Aber umgekehrt auch der Grund für die szeneübergreifende Beliebtheit dieser Band und ihrer Idee von Pop, den jeder lesen kann, wie er will.

Das Album »Alt und Neu« von Schwefelgelb ist bereits erschienen (Tapete Records / Indigo). Am 07. Januar spielen Schwefelgelb als Support von DAF im Berliner Club K17, von Ende Januar bis März 2009 sind sie in ganz Europa Live zu sehen – alle Termine finden sich hier.

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