Was sagt uns dieser Code?

Der Quick-Response-Code verlinkt den öffentlichen Raum mit dem Internet und ist damit genauso ein Zeichen unserer Zeit wie die Diskussion um Vorratsdatenspeicherung und Online-Durchsuchungen, in deren Zeichen die vergangenen Wochen standen. Das Titelbild von Spex #311 – ab Freitag, den 19.10. am Kiosk – reflektiert diese Phänomene unseres digitalen Alltages. Spex-Chefredakteur Max Dax fasst die übergeordneten Themen der November/Dezember-Ausgabe im Editorial der Print-Ausgabe zusammen, in den nächsten Tagen werden weitere ausgewählte Artikel aus Spex #311 vorab auf spex.de zu lesen sein.

QRCodeEr begegnet uns ständig, bald wird er den guten, alten Strichcode abgelöst haben. Der Code birgt eine verschlüsselte Botschaft. Je mehr Buchstaben, desto feingliedriger wird das Raster. Die Handys der neuen Generation besitzen bereits einen Scanner, mit dem der Code gelesen werden kann, andere kann man nachrüsten: Man scannt das Code-Quadrat und liest eine Nachricht – oder wird direkt mit einer Webseite verlinkt.

    Die Folgen für die Kunst, die Literatur, das Kino, die Musik und die digitale Interaktion sind absehbar. Man schlendert, an nichts Böses denkend, die Straße hinab, an einen Laternenpfahl geklebt: ein Zettel, der auf irgendetwas hinweist, außerdem der Code. Klick. Das Telefon verbindet mich – mit einer Textbotschaft, einem Song, einem neuen Film.

    Alleine, dass der Code als Verzierung, als Schmuck durchgeht, hat bereits etwas ebenso Subversives wie Beunruhigendes. So schön und streng und elegant hat die Digitalisierung des öffentlichen Raums bisher noch nicht ausgesehen. Andererseits: Handelt man sich einen Bundestrojaner ein, wenn man über einen solchen QR Code (das »QR« steht für »Quick Response«) auf eine Al-Qaida-Seite gelangt?

    Für die tribalisierten Szenen der Subkultur wird das schicke Überquadrat auf alle Fälle zu einem ähnlich universalen Zeichen werden wie zuvor der Smiley, das Peace-Zeichen, das Kreuz, das Herz, der Halbmond, der Hammer und die Sichel. Damit ist der QR Code ein Zeichen unserer Zeit. Und vermutlich ist dies erst der Anfang, beginnt man doch angesichts der Funktionsweise dieser Maschinenkommunikation schlagartig zu verstehen, wie biometrische Überwachung von Menschen im öffentlichen Raum funktionieren wird.

    Mehrfach dockt diese Entwicklung an popkulturelle Strategien und vor allem an die Themen der neuen Spex an. Im zweiten Teil unserer großen Serie »Digitale Evolution« sprechen wir mit Protagonisten über Bedingungen und Möglichkeiten der digitalen Kunstproduktion. Wir trafen uns mit der Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Kathrin Passig, die auch Mitbegründerin des mit dem Grimme Online Award prämierten Weblogs »Riesenmaschine« ist, und mit Andy Müller-Maguhn, dem Sprecher des Chaos Computer Clubs. Tomas Roope schließlich drehte das neue Video der Pet Shop Boys zu dem Song »Integral«, in welchem wiederholt QR Codes im Bild auftauchen – und die der Betrachter wiederum mit seinem Handy in URL-Links umwandeln kann, die ihn schließlich zu Tageszeitungsartikeln, Wikipedia-Einträgen und Weblogs zum Thema Überwachung und CCTV verlinken – die Inspiration zu unserem Titelbild der November/Dezember-Ausgabe.

    Über die Einstürzenden Neubauten wurde in der Spex in vergangenen Jahren viel geschwiegen und gelegentlich gelästert. Davon unbeeindruckt, programmierte die US-Chinesin Erin Zhu, Webmasterin der Berliner Band und Ehefrau Blixa Bargelds, eine von den Quellcodes kommerzieller Pornoseiten inspirierte Monster-Website mit der Adresse neubauten.org. Über diese Schnittstelle zwischen Band und Fans finanzierten die Neubauten ihr neues, großes Album »Alles wieder offen« – und liefern den Beweis, dass es Sinn ergeben kann, sich in den unübersichtlichen Zeiten des digitalen Umbruchs selbst zu organisieren und Banken, Produzenten und Plattenfirmen einfach wegzukürzen. In unserer Oral History »Fünf Farben Schwarz« sprachen wir mit allen fünf Neubauten über Fluch und Segen eines Konzepts, das die künstlerische und wirtschaftliche Selbstbestimmung in allen Details durchdekliniert.

    Noch deutscher als die Einstürzenden Neubauten ist in der internationalen Wahrnehmung nur der Deutsche Herbst, der sich diesen Oktober zum 30. Male jährt. Kleiner Schönheitsfehler? Andreas Baader hörte ein unbedeutendes Soloalbum von Eric Clapton, bevor er sich in Stammheim erschoss. Der Revolver war versteckt im Schallplattenspieler. Eine interessante Frage, bezogen auf die Rezeption: Wäre Andreas Baader cooler gewesen, wenn auf seinem Plattenspieler, sagen wir: »Low« von David Bowie, Karlheinz Stockhausens »Am Himmel wandre ich… (Indianerlieder)« oder »On The Corner« von Miles Davis als letzte Schallplatte aufgelegt gewesen wäre?

    Andreas Ammer schreibt in dieser Ausgabe in seinem Stück »Musik in Stammheim« über die Verknüpfung von Copyrights, Geschichtsschreibung und dem Sound of Terror, festgehalten in den Audioprotokollen der pünktlich zum Jubiläum wieder veröffentlichten RAF-Gerichtsprozesse. Der Text erscheint in der gleichen Rubrik, in der in den letzten Ausgaben die Folgen »Musik im OP« und »Musik auf der Baustelle« zu lesen waren.

    Natürlich konnten wir es uns nicht verkneifen, unsere diesmalige Modestrecke mit Herbstmode angesagter deutscher Designer in Anlehnung an den gleichnamigen Episodenfilm u.a. von Alexander Kluge (siehe Interview im letzten Heft) »Deutschland im Herbst« zu betiteln.

Die zur Dekodierung des Videos auf dem Handy notwendige Software gibt es z.B. hier als kostenfreien Download.

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