Was noch erzählt werden musste – Shumona Sinha

Author Shumona Sinha / Photo: Patrice Normand.

In ihrer Familienerzählung Kalkutta beschreibt Shumona Sinha die brutale Geschichte Indiens – und füllt damit eine Leerstelle, die ihr letzter Roman Erschlagt die Armen! hinterlassen hat.

Shumona Sinha hat ihren Roman nicht Kolkata genannt. Für ein Buch, dessen Handlung sich größtenteils aus Analepsen speist, hätte das schließlich den reinsten Anachronismus bedeutet. Der Titel Calcutta, wie die Stadt bis 2001 im englischen Sprachgebrauch offiziell genannt wurde und der Roman im Original heißt, ist aber auch ein Statement: »Die Geschichte Indiens ist die von Aborigines, Hindus, Mogulen, Muslimen, Briten und Postkolonialisten. Das zu verleugnen, kommt übertriebenem Nationalismus gleich«, sagt die bengalisch-französische Autorin.

Als ihr Vater stirbt, reist die Protagonistin Trisha aus dem Pariser Exil zurück in ihre Heimatstadt Kalkutta. Im leeren Elternhaus angekommen, entwirrt sich die Familiengeschichte anhand von Erinnerungsstücken wie dem Revolver des Vaters, den das Mitglied der kommunistischen Partei als Schutz gegen das Regime immer im Haus hatte. Von den Unruhen im Land, den Spannungen zwischen Muslimen und Hindus, der gewaltsamen Teilung 1947 und der daraus resultierende Armut in Westbengalen erfahren die Leser durch die sich verselbstständigende Handlung ebenso wie von den Klassenunterschieden, die die Familie trennen, und dem verzweifelten politischen Kampf des Vaters – manchmal nicht ohne zu stolpern: »Es passt wahrscheinlich nicht in das Klischee über Indien, dass ein gebildeter Marxist aus der Mittelschicht dort nicht als privilegiert gilt. Die Indische Gesellschaft ist komplex.«

»Es war meine Pflicht, mit Kalkutta die Leerstellen der persönlichen und kollektiven Erinnerung zu füllen.«

Geboren und aufgewachsen in Kalkutta, wanderte Sinha 2001 nach Paris aus. Bevor sie Romane veröffentlichte, schrieb sie vor allem Lyrik auf Französisch und Bengalisch. Die unsentimentale, harte, bildgewaltige Sprache ihrer Prosa zeugt noch davon und löste mit Erscheinen ihres halbautobiografischen Wut-Romans Erschlagt die Armen! 2011 in Frankreich einen Skandal aus. Über ihren Job als Dolmetscherin für eine Asylbehörde lässt sie ihre Protagonistin darin urteilen: Das Asylsystem Frankreichs sei eine »Lügenfabrik«, die nur Angst und Wut hervorbringen könne. Es zwinge die Geflüchteten, so zu tun, als seien sie politisch verfolgt, dabei suchten sie einfach ein besseres Leben. Sinhas Arbeitgeber missverstand die Freiheit der Fiktion und die Komplexität des Romans, warf der Autorin mangelnde Empathie vor und entließ sie.

Viel relevanter jedoch als die Frage, ob Sinha ihre eigenen oder fiktive Einschätzungen aufgeschrieben hat, ist die danach, ob die Protagonistinnen der Romane dieselben sind. Zumindest teilen beide Frauen Erfahrungen, die in Erschlagt die Armen! keinen Platz haben, von denen sich die Protagonistin so weit entfremdet hat, dass ihre Vergangenheit in Trümmern liegt. Mit Kalkutta die Leerstellen nicht nur der persönlichen, sondern der kollektiven Erinnerung zu füllen, sei insofern ihre Pflicht gewesen, sagt Sinha. »Es gibt noch immer so viele Klischees über Indien, Westbengalen und Kalkutta, so viele Fehlinformationen und Missverständnisse. Es war also meine Verantwortung, die Geschichte meines Landes zu erzählen.«

Dieser Text ist in der Printausgabe SPEX N° 370 erschienen. Das Heft kann versandkostenfrei online bestellt werden.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.