»Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.« (Mt 25,40)

Foto: Schwerpunktausgabe SPEX N° 364 Deutschland, mach Platz! / Jonas Lindstroem

Oumar ist 28, kommt aus Niger und lebt in Berlin. Seit seinem 15. Lebensjahr befindet er sich beinahe durchgehend auf der Flucht oder in unsicheren Lebensumständen. Hier erzählt er seine Geschichte – online veröffentlichen wir exklusiv die ungekürzte Version des in SPEX N° 364 abgedruckten Protokolls von Torsten Groß.

Ich komme aus einem Dorf in Niger, einem islamisch geprägten Binnenstaat in Westafrika. Die Amtssprache ist seit der Kolonialzeit französisch, obwohl kaum jemand französisch spricht. Stattdessen gib es über zehn Nationalsprachen. zwischen den Angehörigen der verschiedenen Sprachgruppen gibt es immer wieder Konflikte. So auch 2002, als mein Dorf im Rahmen einer solchen Auseinandersetzung von Angehörigen der dominierenden Sprachgruppe der Hausa niedergebrannt wurde und ich über Nacht meine Heimat verlassen musste. Ich hatte das Glück, eine Schule besuchen zu dürfen, aber durch das Feuer verlor ich sämtliche Papiere und Zeugnisse. Ich flüchtete mit nicht viel mehr als dem, was ich am Leib hatte.

Gemeinsam mit einigen anderen ging es in Richtung Wüste. Dort begaben wir uns in die Hände von Schleppern, deren Dienste wir so gerade noch bezahlen konnten. Diese Leute brachten uns über die algerische Grenze und führten uns durch die Wüste Richtung Libyen. Wir marschierten zwei Tage lang, es gab kaum Wasser, viele haben es nicht geschafft und sind verdurstet. Wir mussten sie zurücklassen, da wir selbst kaum noch die Kraft zum Laufen hatten.

Hinter der Wüste in den algerischen Bergen standen ebenfalls Schlepper bereit. Sie brachten mich in einem Toyota-Pick-up in die libysche Ortschaft Ghat. Von dort aus ging es am nächsten Tag weiter durch die libysche Wüste, wo ich in einem Dorf hängenblieb, um dort zu arbeiten und Geld für die Weiterreise verdienen zu können. Nach einiger Zeit hatte ich genug zusammen und fuhr nach Tripolis. Dort wohnte ein Cousin von mir, der im Rahmen eines libysch-französischen Abkommens zur Zusammenarbeit im zivilen Atombereich für den französischen Energiekonzern Areva arbeitete. Über ihn fand ich einen Job als Gärtner. Der Job war okay, ich hatte ein erkleckliches Auskommen, mein Cousin half mir, über die Botschaft von Niger an neue Papiere zu kommen. Nach ungefähr einem Jahr kam ich ebenfalls bei Areva unter, die Franzosen gaben mir einen Job als Lagerarbeiter. Das habe ich fünf Jahre lang gemacht, dann kam der Krieg.

Die Nato unterstützte den Vormarsch der Rebellen 2011 mit Bombenangriffen, Tripolis versank im Chaos. Nachdem alle französischen Mitarbeiter von Areva evakuiert worden waren, verblieb ich alleine in der Firma. Zwei Tage versteckte ich mich in einer Halle, dann trieb mich der Hunger vor die Tür. Ich war bekannt in der Gegend und wurde von Nachbarn bei der libyschen Polizei gemeldet, die mich festnahm. Um sich an den Franzosen, die neben den Amerikanern die aktivste Kraft während der Bombardements waren, zu rächen, wie sie mir sagten, sollte ich zwangsausgewiesen werden.

Gemeinsam mit 214 anderen Leuten wurde ich ohne Vorräte auf ein völlig überfülltes Fischerboot geschleppt, das unmittelbar darauf Richtung Europa in See stach. Ich hatte Glück im Unglück, da ich auf dem Oberdeck untergebracht worden war. Im Unterdeck starben während der Überfahrt zahlreiche Leute an einer Abgasvergiftung. Zwei Tage trieben wir übers Meer, es gab nichts zu essen oder zu trinken, wir »ernährten« uns von Salzwasser. Einige Kilometer vor Lampedusa, das Boot war inzwischen havariert, entdeckten wir einen Hubschrauber. Wir riefen um Hilfe und wurden in letzter Sekunde von der italienischen Küstenwache gerettet.

»Wir marschierten zwei Tage lang, es gab kaum Wasser, viele haben es nicht geschafft und sind verdurstet.«

Lampedusa war die totale Hoffnungslosigkeit. Überall lagen Kranke, Halbtote, das Elend war greifbar. Ich weiß, dass die französische Regierung für Leute wie mich Gelder zur Soforthilfe bereitgestellt hatte, aber mein Eindruck war, dass die Italiener dieses Geld lieber für sich behielten. Ich habe jedenfalls nichts davon gesehen und wurde stattdessen in ein Flüchtlingslager in Bari gebracht. Von dort aus schlug ich mich einen Monat später nach Florenz durch, wo ich tatsächlich Asyl beantragen durfte und gültige Papiere bekam.

Zunächst machte ich dort ein Praktikum in einem Kindergarten. Die Arbeit mit den Kindern machte mir Spaß, ich wurde übernommen und bekam einen Zweijahresvertrag. Allerdings ist Florenz eine teure Stadt: Ich verdiente 460 bis 500 Euro für eine volle Stelle, aber allein mein Zimmer kostete 350 Euro. Hinzu kamen 70 Euro für die Monatskarte, am Ende blieben maximal 80 Euro zum Leben. Meist arbeitete ich hungrig.

Ich beschloss, mein Glück in Deutschland zu versuchen. Im Dezember 2013 kam ich nach Berlin und landete dort im Refugee-Camp auf dem Kreuzberger Oranienplatz (siehe Kasten auf den Seiten 34/35). Ich habe mich dort wohlgefühlt und lernte eine Menge Leute kennen, doch bald sollte der Platz geräumt werden. Zuvor nahm ich an einigen Gesprächen mit der Integrationssenatorin Dilek Kolat teil, die angeblich eine Einigung mit den Leuten vom Oranienplatz erzielen wollte. Allerdings hatten viele von uns das Gefühl, dass diese sogenannte Einigung vor allem dazu dienen sollte, unseren Widerstand zu brechen. Sie hat uns eine Arbeitserlaubnis, Wohnungen, die Möglichkeit zum Schulbesuch versprochen –davon ist nichts übriggeblieben. Da ich zu den Gegnern der Einigung gehörte, wurde ich nach drei Terminen nicht mehr eingeladen. Das Papier wurde schließlich in unserer Abwesenheit stellvertretend für alle von wenigen unterschrieben. Um das Ganze plausibel zu machen, wurden Namen von »Unterzeichnern« erfunden, die eigentlich nicht dafür waren oder sogar niemals am Oranienplatz gelebt hatten.

Danach bekamen wir vom Senat gestellte Zimmer für 370 Euro Miete im Monat. Das war eigentlich okay, aber nach kurzer Zeit wurden wir bis auf drei Leute vom einen auf den anderen Tag auf die Straße gesetzt. Um die Räumung durchzusetzen, wurde die Polizei eingeschaltet. Einer meiner Freunde hatte Magenprobleme und wand sich vor Schmerzen. Er bat die Polizei um Medikamente, doch die sagten nur, er solle sich nicht so anstellen.

In dieser Situation entschieden wir uns, die Thomaskirche am Mariannenplatz zu besetzen. Die Polizei unternahm abermals einen Versuch, zu räumen, aber da es das Haus Gottes ist, genossen wir den Schutz der Kirche. Wir wollten nicht aufgeben, ohne eine echte Lösung gefunden zu haben. Mit 65 Leuten sind wir damals da reingegangen, inzwischen sind wir 120. Jeder bekommt von der Kirche fünf Euro pro Tag und BVG-Tickets. Immerhin verhungert man so nicht.

Da ich in Berlin nicht arbeiten darf, habe ich entschieden, auf unser Schicksal aufmerksam zu machen, indem ich mich politisch engagiere. Gemeinsam mit der evangelischen Kirche haben wir im Mai eine Arche gebaut – direkt gegenüber des Amtssitzes von Innensenator Henkel –, um der Öffentlichkeit zu zeigen, dass Henkel sein Versprechen an uns gebrochen hat. Zudem habe ich gemeinsam mit Freunden einen Dokumentarfilm gedreht, der demnächst fertig wird: Lampedusa Berlin. Und dann mache ich noch politisches Theater. Vor zwei Monaten sind wir am Halleschen Tor aufgetreten, da kamen 600 Leute. »Grenzen fallen« heißt das Stück. Außer der Kirche hilft uns kaum jemand. Es reicht hinten und vorne nicht.

Anmerkung: Wir haben die Geschichte von Oumar so aufgeschrieben, wie er sie uns erzählt hat. Zur Vertiefung insbesondere des Konflikts um das Einigungspapier mit dem Berliner Senat empfehlen wir unter anderem den Artikel »Eine Arche für Henkel« aus der taz vom 17.5.2015. Aufgrund der ungeklärten Situation vieler Refugees vom Oranienplatz verzichten wir auf den Abdruck von Oumars komplettem Namen sowie einiger Ortsangaben. Die Details sind der Redaktion bekannt, die Geschichte wurde soweit wie möglich überprüft. Sie wiederholt sich jeden Tag Abertausende Male. Mitten in Europa, mitten in Deutschland.

Eine gekürzte Version des Textes ist in der Schwerpunktausgabe SPEX N° 364 erschienen. Das Heft ist hier zu haben.

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