Kuscheln in der Gruft: Warm Graves im Blitz-Interview und auf Tour

Foto: Jan Kuča

Das Oxymoron steckt schon im Bandnamen. Die Musik der Leipziger Newcomer Warm Graves, die auf ihrem im Oktober erschienenen Debütalbum das jähe Ende prognostizieren, lebt vom Widersinn. Der Weltuntergang naht, und mit ihm die Schiffe, die uns in ein besseres Leben manövrieren. Warm Graves führen zusammen, was nicht zusammen gehört – das verspricht Clinch und ist vor allem: irrsinning spannend. Ob es Zeit ist, die weiße Fahne zu schwingen oder Hoffnung auf einen Boarding-Pass für Noahs Traumschiff besteht, verrät Sänger Jonas Wehner im SPEX.de-Blitzinterview.

SPEX.de: Was ich bewegend fand, war die Äußerung eines Bloggers, dass eure Musik ihn zum Schreiben inspiriert hätte. Was war die berührendste Publikumsreaktion, die ihr erfahren habt?

WG: Also die ist schonmal ganz weit oben. Abgesehen davon sind wir aber eigentlich vor allem davon überwältigt, wie viel Unterstützung wir aus unserem direktem Umfeld erfahren.

SPEX.de: Stichwort: Umfeld. Was hat euch an die Instrumente und vor allem dazu bewegt, genau diese musikalische Richtung einzuschlagen?

Warm Graves: Unsere musikalische Sozialisation hat eigentlich zu jeder Zeit und auf vielerlei Ebenen stattgefunden. Unsere gemeinsamen Wurzeln liegen weit verstreut zwischen Punk und Jazz, aber auch in klassischer sowie atonaler Musik und im Pop der frühen Stunde. Es gab bei uns aber zu keinem Zeitpunkt die bewusste Entscheidung, irgendeinen bestimmten Stil anzunehmen oder weiterzuführen. Eher das Gegenteil hat uns angetrieben: die Suche nach der Lücke.

SPEX.de: Ihr veröffentlicht auf This Charming Man Records in großer Gesellschaft von Messer, Kadavar, The Tidal Sleep, Die Nerven oder Centuries. Wie stark sind künstlerischer Austausch und Identifikationsgrad mit den Label-Kollegen?

WG: Da wir noch recht neu auf dem Label sind, haben bisher erst ein paar der Bands bei den This Charming Man-Festen in Münster und Esslingen und zuletzt die Jungs von Messer im SO36 kennengelernt. Dazu kommt, dass wir die einzige Band aus Leipzig sind und auch dort keiner homogenen Szene entspringen. Generell fühlen wir uns aber zwischen all diesen Bands sehr gut aufgehoben.

SPEX.de: Was machen Referenzen wie The Flaming Lips, The Soft Moon oder Arcade Fire mit euch? Schmeichelhaft oder überzogen – wie viel haben diese Bands tatsächlich mit eurem Sound zu tun?

WG: Wir sehen zum Teil schon, warum diese Vergleiche gezogen werden, und fühlen uns dabei auch durchaus geehrt. Diese Bands hatten, wie vieles andere auch, sicherlich Einfluss auf uns. Wir haben uns aber nie bewusst an irgend jemandem orientiert, sondern vielmehr darauf konzentriert, an unserer eigenen Formsprache zu feilen.

SPEX.de: Was haltet ihr von der Beschreibung eurer Musik als »halbschattigen Brainfuck«?

WG: Wenn damit eine Art bewusstseinserweiternder Impuls gemeint ist, nehmen wir das gerne als Kompliment. Ansonsten sind wir leider überfragt.

SPEX.de: Euer Debüt will als Konzeptalbum verstanden werden. Habt ihr während der Entstehung dennoch in Songs gedacht? Ein Soundtrack ist ja prinzipiell auch so aufgebaut, dass jedes Lied für sich selbst stehen kann und muss – ist es bei »Ships Will Come« ähnlich oder funktionieren die Tracks eurer Meinung nach nur im Ganzen?

WG: Nein, die Ideen für die einzelnen Songs sind zwar allesamt aus einer ähnlichen Stimmung und Intention heraus entstanden, wir haben aber schon darauf geachtet, dass sie auch ausserhalb des Albumkontextes für sich stehen können.

SPEX.de: Sind die Songtitel quasi als Akte eines Schauspiels zu verstehen, als Teile eines Spannungsbogens?

WG: Als Akte könnte man sie schon verstehen, aber nicht als Teil eines stringenten Schauspiels. Die Spannungsbögen vollziehen sich innerhalb der einzelnen Stücke. Wir erzählen auf dem Album keine lineare Geschichte, die eine chronologische Anordnung erzwingt und spielen die Songs live ja auch nicht immer in der gleichen Reihenfolge. Es geht uns vielmehr darum, eine geschlossene Atmosphäre aufzubauen und aufrecht zu erhalten.

SPEX.de: Das Album wird vom Gros der Kritiker als dystopische Platte wahrgenommen. Was waren die maßgeblichen Einflüsse oder Schlüsselmomente, die zu »Ships Will Come« geführt haben, und inwieweit ist eure Musik auch ein Stück weit als Gesellschafts- und Generations-Spiegel zu verstehen?

WG: Wirkliche Schlüsselmomente hat es für uns in der Form nicht gegeben. Vielmehr haben wir unsere Ideen im Verlauf von drei Jahren wie ein Mosaik zusammengesetzt. Die Stimmungen des frühen »Sciencefiction« hatten dabei aber stets den größten Einfluss auf uns und haben uns im Geiste auch zusammen gebracht. Vor allem, weil der Sciencefiction von vor etwa 50 oder 60 Jahren aus unserer Sicht gerade heute eine noch wichtigere und zugleich skurrilere Bedeutung gewinnt. Ähnlich wie vieles aus dieser Epoche versuchen auch wir eine Art Spiegel zu sein, nur dass wir heute näher dran sind und sehen können, wie einstige Zukunftsvisionen mittlerweile bereits stattfinden. Aus all dem haben wir letztendlich den Kosmos gesponnen, in dem wir unsere Musik stattfinden lassen.

SPEX.de: Ist das Ende nah oder habt ihr Hoffnung?

WG: Wir haben Hoffnung in das, was danach kommt.

SPEX.de: Hat der Albumtitel sinnbildlich etwas damit zu tun?

WG: An sich finden wir die Aussicht auf Schiffe und Veränderung schon sehr Trost spendend, haben uns aber bewusst für einen Albumtitel mit weitem Interpretationsrahmen entschieden und mögen vor allem die Ambivalenz, die er mit sich bringt.

SPEX.de: Die Platte wird neben euch als Trio maßgeblich vom Gesang eines kompletten Chors geprägt. Wie habt ihr das bei den Aufnahmen organisiert und wie hat sich die Arbeit mit dem Chor, also außerhalb des gewohnten Band-Kollektivs, gestaltet?

WG: Wir haben als Band zunächst die Songs eingespielt und währenddessen Leute für unseren Chor rekrutiert. Am Ende hatten wir eine 17-köpfige Truppe zusammen, ohne deren Unterstützung und Zusammenhalt wir das ganze auch niemals hätten umsetzen können. Wir haben dann im Verlauf einer Woche im Chor zu den rohen Spuren geprobt und das komplette Album an einem Tag in einer kleinen Friedhofskirche außerhalb der Stadt eingesungen. Mehr Zeit hatten wir nicht. Aber die war auch nicht notwendig, weil sich alle unglaublich reingehängt haben und es uns bei all dem ohnehin vor allem um die Attitüde ging.

SPEX.de: Was ist eure Utopie?

WG: Wir schreiben zusammen mit zwei Freunden derzeit an einer Sciencefiction-Novelle, in welcher die Erde von der Menschheit befreit wird… fällt das unter Utopie?


SPEX präsentiert Warm Graves live
28.01. Bremen – Spedition
30.01. Darmstadt – Oettinger Villa
31.01. Baden (Schweiz) – One Of A Million Festival
03.02. Karlsruhe – Jubez
04.02. München – Feierwerk
01.03. Köln – Tsunami
02.03. Hamburg – Uebel und Gefährlich Turm
03.03. Berlin – Berghain Kantine
04.03. Dresden – Beatpol
05.03. Würzburg – Cairo
06.03. Schorndorf – Manufaktur
07.03 Basel (Schweiz) – Goldenes Fass

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here