Wanda – Volkslieder für alle

Fotos: Irina Gavrich

Wanda sind nicht die letzte Rock’n’Roll-Band der Welt. Aber die erste, die die Welt mit Schönbrunnerdeutsch erobern will. Die den Jedermann mit Tschick, Schnaps und Schmäh von den Fesseln der Kontrollgesellschaft befreit – oder ihm zumindest bei den kleinen Grenzüberschreitungen behilflich ist. So besagt es der Mythos, den Wanda und ihr Umfeld um sich selbst geschaffen haben. Ein kleiner Lokalaugenschein bei dieser großen Schrammelsensation: im Brunnen und im Beisl in Wien.

Wie herzig! Die Fußgängerampeln im Zentrum von Wien blinken Liebe. Sie zeigen, in unterschiedlichen Paarkonstellationen, Männlein und Weiblein, wie sie mit pochenden roten Herzen nebeneinander stehen. Bei Grün spazieren sie Händchen haltend los, ein leuchtendes Herz zwischen ihnen. Der Wienreisende wundert sich: Ist in der Stadtverwaltung das Amore-Zeitalter angebrochen? Will der seit 1994 regierende und bei der nächsten Wahl im Oktober ernsthaft von rechts bedrängte SPÖ-Bürgermeister Michael Häupl mit einem rot-grünen Herzchenampelfestival auch den 30% FPÖ-Wählern zeigen, wofür er steht?

Denkbar wäre es. Die offizielle Version der Love-Story ist allerdings, dass Conchita Wurst die Liebe in die Stadt gebracht hat. Nach ihrem Sieg beim Eurovision Song Contest fand der Schlagerwettbewerb 2015 zum ersten Mal seit 48 Jahren (nach Udo Jürgens’ Erfolg mit »Merci, Chérie«) wieder in Österreich statt. Und in Wien wurde beschlossen, beim ESC Hetero-, Homo- und Cousinen-Liebende aller Länder mit Herz zu empfangen.

Die Hymne der Letzteren wurde wie Wursts »Rise Like A Phoenix« ebenfalls in Wien geschrieben. Sie geht los mit den Zeilen »Ich kann sicher nicht mit meiner Cousine schlafen / Obwohl ich gerne würde«, heißt »Bologna« und stammt von der Band Wanda. Mit diesem Lied und ihrem Debütalbum Amore wurden Wanda schnell zu einer musikalischen Sensation, auch wenn sie betont unsensationell klingen. Die fünf Endzwanziger aus Wien spielen Schrammel-Rock mit Lokalkolorit, lässig aus dem Bauch heraus, Kippe im Mundwinkel, Dosenbier in der Hand. Sänger Michael Marco Fitzthum alias Marco Michael Wanda ist vor allem bekannt dafür, selbst bei hitzigsten Bühneneinsätzen seine Lederjacke nicht abzulegen, zum Ausgleich aber das Hemd aufzuknöpfen.

Auf den Straßen Wiens hat es fast 40 Grad, es ist einer der heißesten Tage des Sommers. Fitzthum sitzt mit seinen Bandkollegen Manuel Poppe (Gitarre), Christian Hummer (Keyboard), Ray Weber (Bass) und Lukas Hasitschka (Schlagzeug) im Cafe Mary, einem typischen Wiener Beisl, dessen Namen man nennen darf, weil Wanda hier nicht regelmäßig zu Gast sind. Repräsentativer Einzeiler am Tisch: »Meine Tschick sind in deinem Sackerl.« Für einen der Wanda-Ohrwurmrefrains würde das vielleicht nicht reichen, als Strophenvers aber bestimmt durchgehen. Konstante Nikotinzufuhr als pars pro toto der Lebenseinstellung, kollektiver Zusammenhalt, Meins ist in Deinem – damit ist ein Großteil der Themen dieser Band benannt.

Fitzthum trägt seine Lederjacke. Er schwitzt nicht. Zumindest sieht man ihn nicht schwitzen, weil er sowieso platschnass ist, Gulaschsuppe löffelt und vor sich hin trocknet. Wandas neuestes Hobby: baden gehen. Nicht metaphorisch, sondern wörtlich verstanden. Auf dem Coverfoto ihres zweiten Albums steht die Band am und teilweise im Wasser und fischt nach dem titelgebenden Bussi. Im Video zum Song »Bussi Baby« taucht Fitzthum in voller Montur zwischen überlebensgroßen weiblichen Schenkeln ab, die, so wird kolportiert, Ronja von Rönne gehören, einer jungen Autorin, die sich nach eigenen Angaben vor dem Feminismus, offensichtlich aber nicht vor nassem Rindsleder ekelt. Und auch vor der Kamera der SPEX-Fotografin geht die Band in nullkommanichts ins Wasser, sie steigt nämlich kollektiv ins Brunnenbecken des prunkvollen Treppenaufgangs der Strudlhofstiege.

Fitzthum hatte die im neunten Wiener Gemeindebezirk zwischen Universität, Sigmund-Freud-Museum und Franz-Josefs-Bahnhof gelegene Sehenswürdigkeit als Treffpunkt vorgeschlagen. Heimito von Doderer, einer der erfolgreichsten österreichischen Schriftsteller der Nachkriegszeit, großer Chronist der Stadt Wien und des Untergangs der K.u.K-Monarchie, besang die Treppe in seinem bekanntesten Werk, dem 900-Seiten-Wälzer Die Strudlhofstiege oder Melzer und die Tiefe der Jahre. In einem Land, das innerhalb von weniger als 30 Jahren zwei Mal vom Teil eines Riesenreichs auf Kompaktgröße zusammengeschrumpft war, erzählte Doderer vom Glanz und den in süßer Verwesung befindlichen Werten von einst. Neben dem Brunnen, der ab sofort nur mehr Wanda-Badewanne heißen wird, hängt eine Tafel mit Doderer-Versen. »Viel ist hingesunken uns zur Trauer / Und das Schöne zeigt die kleinste Dauer«, steht da in Stein gemeißelt. Es könnte gleich mit einem Wanda-Refrain weitergehen: »1, 2, 3, 4 / Es ist so schön bei dir.«

»Hier ist nichts passiert,
was nicht genau geplant war.«

Die Ortswahl ist, so wie das neue Band-Hobby, nicht symbolisch zu verstehen. Fitzthum hat einfach einige Jahre lang direkt an der Strudlhofstiege gewohnt, trauert dem Viertel seither nach und wollte dort immer schon Bandfotos machen lassen. »Ich habe alle Lieder da oben in dieser Wohnung geschrieben«, erzählt er wenig später im Beisl um die Ecke, während er löffelt und trocknet und alles, was er mit Ende 20 an Haupthaar verliert, doppelt und dreifach an Charisma dazuzugewinnen scheint.

Fitzthum ist voller Nostalgie für den neunten Bezirk, hasst hingegen seine aktuelle Wohngegend, obwohl er seit seinem Umzug vor einem Jahr kaum zu Hause, sondern ständig auf Tour ist. Er ist auch voller Nostalgie für die Zukunft, malt sich aus, wie er in einem kleinen Ort eine Stunde von Wien entfernt zwischen Weinbergen unbehelligt von den Wanda-Fans das Eremitenleben führt, von dem er immer geträumt habe. Die Gegenwart kommt bei ihm hauptsächlich als eine Idee vor, die er schon vor Jahren hatte und jetzt endlich verwirklicht sieht. Und als ein konstanter Fluss von Arbeit, in dem man sich rund um die Uhr abstrampelt und alles gibt, um der Bedrohung eines 9-to-5-Lebens zu entgehen.

»Gundsätzlich kann man sagen: Hier ist nichts passiert, was nicht genau geplant war«, stellt Fitzthum in Bezug auf seine Band klar. »Wir wussten, dass das groß wird, weil das in den Liedern angelegt war, ganz fundamental. Wir sind keine Truppe von fünf Wiener Alkoholikerstrizzis, die zufällig die österreichischen Charts stürmen. Wir sind alle Profis, wir wollen davon leben, wir wollen arbeiten. Die Alternative kennen wir, das wären Brotberufe gewesen, und darauf hat keiner Lust. Wir haben immer gewusst: Die Lieder sind so gut, dass das Publikum sie selbst entdecken wird.«

Wanda ist ein Masterplan. Hier wird nicht weniger überlegt agiert als bei, sagen wir, FKA Twigs, nur ist das mit dem Hairstyling nicht so kompliziert, und auch die Nagelstudiorechnungen fallen bei den Gesamtproduktionskosten weniger ins Gewicht. Nachdem Fitzthum jahrelang in Wiener Musikkneipen herumgejammt hatte, fing er an, Songs auf Schönbrunnerdeutsch zu texten, einem vor allem in seinen dunklen Vokalen und derben Diphthongen Wienerisch gefärbten Idiom, das ansonsten der Schriftsprache näher steht als dem Wiener Dialekt. Fitzthum hatte schnell die Gewissheit, damit etwas Großes geschaffen zu haben. Noch bevor sich Wanda formierten, kam 2011 Paul Gallister als Produzent ins Spiel. »Die Kurzfassung ist: Marco hat mir sieben Lieder vorgespielt. Und ich hatte den ganzen Tag Ohrwürmer von allen sieben, obwohl ich sie nur einmal gehört habe«, erzählt Gallister morgens in einem Wanda-Stammbeisl, dessen Namen man also nicht nennen darf, über einer Tasse Kaffee.

Gallister ist als Komponist für Film und Fernsehen und als Arrangeur gut im Geschäft. Für Conchita Wursts »Rise Like A Phoenix« hat er die dramatischen Streicher orchestriert, für Michael Marco Fitzthum nimmt er sich seit jenem Ohrwurmtag der rohen Songskizzen an und überlegt, wie sie musikalisch am besten umzusetzen sind. »Ich erinnere mich an ein Gespräch in meiner Küche vor ungefähr vier Jahren, bei dem Marco gesagt hat: ›Fünf Typen in Lederjacke und Männerchöre.‹ Ich bin ziemlich sicher, dass die Idee sehr alt ist«, sagt Gallister über die Vision, mit der er als Produzent von Anfang an arbeitete. »Es darf keine Schnörksel geben. Die Musik muss klingen, als würden fünf Jungs mit ihren Zigaretten im Proberaum stehen.«

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In der Tat, der Wanda-Sound wirkt dünn, wie mit Absicht zugespitzt. Der Gesang steht weit im Vordergrund, angezerrt und verschludert, bei den betonten Silben breit schönbrunnerlnd hingerotzt, in den Refrains gegrölt. Die Gitarre darf auch mal solieren, das Schlagzeug poltert, der Rest ist Begleitband. Wichtiger als die Musik sind allerdings die weichen Faktoren, aus denen im Pop seit jeher die Stars gemacht werden: Bauchgefühl, Hüftschwung, Koketterie, Scheißmichnix. Von keinem dieser Faktoren zeigen Wanda auffallend viel, aber eben immer gerade genug. Man könnte sagen: Wanda machen es einem einfach zu einfach. Aber genau darum geht es ihnen. An die Qualität der Band, sich sofort und unmittelbar zu vermitteln – schon nach einem Blick auf das Albumcover oder nach drei im Chor gegrölten Worten kapiert man, worum es geht –, darf man glauben.

»Wir wollen in der Musikgeschichte so alt und würdevoll dastehen wie ein kubanisches Auto«, erklärt Fitzthum, »wir wollen kein Rennwagen sein, wir wollen kein Trend sein.« Eine kleine Spitze gegen die Maschin der Wiener Band Bilderbuch, mit deren künstlichem Oberflächenpop Wanda wegen der gemeinsamen Heimatstadt immer wieder in Verbindung gebracht werden. Aber es nützt nix. Ein Trend sind Wanda trotzdem.

2012, kurz nachdem die Besetzung komplett war, ließ die Band im Bekanntenkreis ein Demo zirkulieren, auf dem das Debüt fast komplett enthalten war. Schon bei den ersten Konzerten sang das Publikum jede Zeile mit, heißt es. Stefan Redelsteiner, zu jener Zeit eine Art Indierock-Papst in Wien (mittlerweile kann man die Vorsilbe weglassen), nahm die Band, nicht ohne kleinere Anlaufschwierigkeiten, auf seinem Label Problembär Records unter Vertrag, im Oktober 2014 erschien dort Amore. Das Album erreichte in Österreich Platinstatus, verkaufte sich in Deutschland über 20.000 Mal und rund weitere 5000 Mal in der Schweiz.

Nachdem mittlerweile so ziemlich jeder die frohe Amore-Botschaft vernommen hat, gibt es jetzt für alle ein Bussi. »Textlich ist es praktisch ein Evangelium mehr«, sagt Fitzthum. »Und dann kommt noch eines dazu. Ich glaube, ich werde mein Leben lang nur über Dinge schreiben, die mich wirklich beschäftigen. Und das ist eh immer dasselbe.« Bussi entstand zu einem Großteil noch vor der Veröffentlichung des ersten Albums. Reizworte wie »Amore« und »Bologna«, Themenfelder wie die leeren Flaschen vom Vortag und das Gefühl, zum Sterben in Wien verdammt zu sein, legen ein Netz von Beziehungen über beide Alben und vermitteln das Gefühl, in eine Welt aus versoffenen Charakteren in hoffnungslos romantischer Szenerie eintauchen zu können. Besser natürlich: durch sie zu torkeln. Die gossenpoetischen Verkürzungen in Fitzthums Texten schaffen Andeutungsräume, die vom Publikum leicht selbst zu füllen sind. Die niederschwelligen Angebote von Ausbruch und Exzess – Tschick, Schnaps, zerriss’ne Jeans – werden dankbar, ja geradezu euphorisch angenommen.

Fitzthum versteht seine Songs als Volkslieder: »Ich habe mir Volkslieder gewünscht. Für mich ist Ganz Wien von Falco ein Volkslied, der ›Zentralfriedhof‹ vom Ambros ist ein Volkslied, und ›Macht kaputt, was euch kaputt macht‹ von Rio Reiser ist auch ein Volkslied. Das ist der Anspruch, den ich an meine Arbeit als Liedermacher stelle: etwas zum Kanon des europäischen Liedguts beizutragen.« Von Austropop will im Cafe Mary keiner reden, das machen höchstens die Medien in Deutschland. Im Gespräch fallen ein paar obligatorische Namen aus dem Kanon der Popmusik österreichischer Provenienz (nicht genannt werden: Ostbahn-Kurti, Peter Cornelius, Stefanie Werger, Soap & Skin, Kreisky, Crack Ignaz), aber mit selbst gezogenen Vergleichen hält man sich zurück. Was die wenigen Ausnahmen umso gewichtiger macht.

Die ins Spiel gebrachten Bezugsgrößen sind nicht schüchtern gewählt: »Wanda ist für mich persönlich mehr John Lennon und Yoko Ono als Gunter Sachs und Brigitte Bardot«, erklärt Fitzthum. Die Beatles werden mehrfach genannt, die Heilige Schrift kommt ins Spiel und als jüngste Referenz eine Basslinie, von der Ray Weber an der Strudelhofstiege minutenlang schwärmt. Sie stammt aus einem Song von Michael Jacksons Album Off The Wall von 1979.

Wanda wären die Letzten, die diesem Eindruck des Hoch-hinaus-Wollens und der Nicht-gerade-Vorwärtsgewandtheit ihrer Musik widersprechen würden. Fitzthum sagt: »Wir machen es so, wie es alle Großen früher gemacht haben. Die haben einfach Lieder geschrieben und diese Lieder gespielt, und wenn das vier Akkorde waren, waren das vier Akkorde. Es geht um die Stimme und den Text, das ist Popmusik. Kein Mensch braucht etwas anderes.«

Die Markierungen zum Zwecke der Distinktion sind auch eindeutig: Helene Fischer, Hansi Hinterseer, Ja, Panik, Tocotronic. Gegen die letzteren beiden grenzen Wanda sich ab, weil die sich wiederum gegen bestimmte Dinge abgrenzen, und vielleicht auch weil sie mit ihrer ausgestellten Schlauheit irgendwie nerven. »Intellektuell rüberkommen« wäre ein ziemlich übler Diss gegen Wanda. Aber Fitzthum und seine Band agieren viel zu clever und lässig, als dass das passieren könnte. Wanda machen Musik, die gegen nichts sein will. Höchstens gegen das Dagegen-Sein. Und die umso lieber behauptet, für alles zu sein, vor allem für das Dafür-Sein. Was mitunter problematisch wird, wie Manager Stefan Redelsteiner vorführt, wenn er sich ohne Not in der von ihm angestimmten Verbrüderungsrhetorik verheddert.

»Wir wollen in der Musikgeschichte so alt und würdevoll dastehen wie ein kubanisches Auto.«

»Die Zielgruppe von Wanda ist jeder«, erklärt Redelsteiner. »Man will jeden erreichen, weil man eine verbrüdernde Botschaft aussendet. Das kann ein Hipster sein, ein Nerd, ein Plattensammler, das kann ein 15-jähriges Schulkind sein, es kann aber auch eine Putzfrau sein, es kann auch ein FPÖ- oder, auf Deutschland übertragen, ein CSU-Wähler sein. In dem Moment, in dem man Leute ausschließt, wird man nie eine Verständigung erreichen. Wenn ein FPÖ-Wähler Wanda hört, hat er zumindest diese eine gute Eigenschaft in seinem Leben: dass er sich Lieder über die Liebe anhört. Das ist ja das Schönste, was es gibt.«

Volkslieder für alle! Wer das als Programm ausgibt, muss sich eben auch irgendwie zurechtlegen, wie er sich zu 30 Prozent seiner potenziellen Hörerschaft verhalten will. In Zeiten, in denen Stillschweigen, Verharmlosung und partielle Blindheit zur alltäglichen Routine von Politik und Staatsgewalt gehören, schätzt man immerhin die klar definierte Haltung des Wanda-Managers. Die Band selbst hält es eher mit den Gepflogenheiten vieler im Rampenlicht stehender Künstler: bloß nicht zu eindeutig werden. »Politik dürfen wir eh nicht reden«, sagt Fitzthum einmal nebenbei.

Dafür müssen Wanda bei jeder Gelegenheit beweisen, was für Spitzbuben sie sind. »Warum kenn ich mich nicht besser in dir aus?«, singt Fitzthum, wenn es mit einer Frau, der im Songtitel genannten »Mona Lisa der Lobau«, nicht so recht klappen will. Bei aller Schludrigkeit geht es in dieser Sprache doch um die Nuancen, die in ihrer Beiläufigkeit immer prominent genug sind, um Signalwirkung zu haben. Man kann sich darauf verlassen, dass keine Gelegenheit für eine wohlfeile charmant-sexistische Provokation ausgelassen wird. Wenn hinterher wer nachfragt, war’s im Zweifelsfall halt nur ein Schmäh, wie der Wiener sagt.

Schmäh führen ist uneigentliches Sprechen, reden im Als-ob-Modus. Was bedeuten kann, dass auch das Als-Ob nur Als-Ob ist und man die Dinge genau so meint, wie man sie sagt, nur halt nicht wirklich. Man lässt die Zwischentöne schillern, legt sich nicht fest, das Gegenüber wird’s schon so verstehen, wie man es vielleicht gemeint haben könnte oder wie es das Gegenüber halt selber verstehen will. Provokation, Augenzwinkern, Verkumpelung und So-war’s-doch-nicht-gemeint-Versicherung – beim Schmäh-Führen ist all das auf einen Schlag zu haben.

Man darf Wanda also nicht ernst nehmen. Man kann sich diese Band ohne Schmäh gar nicht vorstellen. Ohne die mehr oder weniger schillernden Zwischentöne ihrer »Baby«-Verse, ohne ihre mehr oder weniger eindeutigen Macho-Posen, ohne ihre in Szene gesetzte Koketterie mit Grenzüberschreitungen genau dort, wo es nicht die geringste Mühe macht, Grenzen zu überschreiten.

Vielleicht muss man es daher als einen der besten Wanda-Scherze verstehen, wenn Fitzthum im Duktus größter Ernsthaftigkeit erklärt, es ginge ihm als Songwriter darum, »wahre Sätze« zu erfinden. »Ich glaube, ein Dichter oder ein Liedtexter versucht sein ganzes Leben lang, einen wahren Satz aufzuschreiben. Und ein wahrer Satz ist es dann, wenn ganz viele Menschen auf diesen Satz zeigen und sagen: Du bist wahr. Das versuche ich jeden Tag meines Lebens.«

Paul Gallister versucht hingegen, seinen Arbeitstag endlich zu beginnen. Er hat seinen Kaffee im Wanda-Stammbeisl ausgetrunken und will zurück in sein Studio auf der anderen Straßenseite. Am Vortag hat er dort die letzten Arbeiten an Bussi abgeschossen, er ist höchst zufrieden und gespannt, ob sich seine klaren Erwartungen erfüllen: »Nummer eins in drei Ländern.« Für den Rest der Woche beschäftigt Gallister sich mit dem Soundtrack zu einem Film, von dem er fast ebenso begeistert erzählt wie von seiner Arbeit mit Wanda. Titel: Attack Of The Lederhosenzombies, kein Schmäh. Was einen auf einen herzigen Gedanken bringt: Sind Wanda einfach eine Bande von Lederjackenzombies? Rock’n’Roll-Untote mit Lokalkolorit, auf deren Charme-Attacke offensichtlich sehr viele Opfer nur gewartet haben? Aber geh, nur ein Schmäh.

Dieser Text stammt aus der Printausgabe SPEX N° 364. Diese ist nach wie vor online versandkostenfrei bestellbar.

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