„Waldheims Walzer“ – Filmfeature zum Kinostart

Trotz seiner Karriere bei der Wehrmacht wurde Kurt Waldheim 1986 Österreichischer Bundespräsident. Hatte man von nichts gewusst? In Waldheims Walzer rekonstruiert die Filmemacherin Ruth Beckermann anhand von Aufnahmen des ORF, Material aus interna­tionalen Archiven und eigenen Bildern den Verlauf der Waldheimaffäre. Und schließt eine Lücke der österreichischen Mediengeschichte.

„Dokumentieren oder demonstrieren?“, fragt sich die österreichische Filmema­cherin Ruth Beckermann, als der Präsi­dentschaftswahlkampf 1986 von der so genannten Waldheimaffäre eingeholt wird. Sie entscheidet sich fürs Filmen. Andern­falls würde es die einzigen nichtoffiziellen Bilder der Abschlusskundgebung auf dem Wiener Stephansplatz heute nicht geben: Sympathisant_innen von Kurt Waldheim beschimpfen Gegendemonstrant_innen und lassen ihren rasenden Antisemitismus von der Leine. Dabei wissen sie sich von einem politischen Klima beschützt, das mit „österreichischer Geschmeidigkeit“ um die Geschichtsaufarbeitung herumlaviert. Man solle keine „Gefühle wachrufen, die wir alle nicht wollen“, heißt es von Seiten der ÖVP, als die öffentliche Diskussion um die nicht mehr wegzulügende NS-­Vergangenheit Waldheims immer weitere Kreise zieht.

Mehr als 30 Jahre später stößt Be­ckermann erneut auf die selbstgedrehten Videobilder. Sie rekonstruiert anhand von Aufnahmen des ORF, Material aus interna­tionalen Archiven und den eigenen Bildern den Verlauf der Affäre, durch die die staat­liche Lüge, wonach Österreich das „erste Opfer Adolf Hitlers“ gewesen sei, in sich zusammenfiel. Waldheims Walzer schreibt dabei auch ein Kapitel über die Lücken der Mediengeschichte. Denn während Groß­britannien und Frankreich Reporter_innen nach Saloniki schickten, wo Waldheim ab 1942 stationiert war (und wo ein Jahr spä­ter nahezu alle dort lebenden Juden nach Auschwitz deportiert wurden), findet sich in den eigenen Fernseharchiven kein Hinweis auf Recherchen. Waldheims Walzer ragt tief in die Jetztzeit hinein – und na­türlich weit hinaus über die gegenwärtig wieder vermehrt kontrollierten österrei­chischen Grenzen. In ihren „Notizen aus dem Schneideraum“ schreibt Beckermann: „Vielleicht war der Waldheimwahlkampf postfaktische Avantgarde.“

Waldheims Walzer
Österreich 2018
Regie — Ruth Beckermann

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