Klaus Walter, Byte FM
Klaus Walter, Byte FM

Heute wird durch Playlist-Algorithmen auf Spotify und anderen Portalen noch weiter optimiert, woran das Formatradio immer schon arbeitet: dass das Publikum nur zu hören bekommt, was es ohnehin gut findet oder schon kennt. Welche Rolle kann gutes Radio in einer solchen Musiklandschaft spielen?

AC: Erstens kann Radio reden: Wir spielen nicht nur die gute Musik, wir erzählen auch etwas dazu. Wir liefern die musikalische Einordnung und die Meinung zur Musik. Diese Personality-Moderation können die Streamingdienste nicht liefern. Noch nicht. Sie versuchen es ja schon: Spotify hat Radio-Eins-Moderatoren für viel Geld weggekauft (Böhmermann und Schulz), und ich weiß von Berliner »Szene-Stars«, die gefragt werden, ob sie kuratierte Sendungen für Spotify & Co. machen wollen, natürlich unentgeltlich. Danach kommen sie zu mir und fragen, ob sie so eine Show nicht bei Radio Eins machen können, denn wir zahlen wenigstens anständig. Schade, dass ein tag nur 24 stunden hat!
Zweitens hat gutes Radio Mut. Wir riskieren minütlich, dass Hörer*innen wegschalten, weil sie nicht kennen, was sie hören. Die Menschen sind zunehmend so konditioniert, dass sie Glücksgefühle nur beim Wiederhören von Altbekanntem haben und nicht bei schrägem Neuen. Das geht vielleicht einher mit der allgemeinen Manie nach sicherheit. Aber ganz offensichtlich hat die Neugierde nachgelassen.
Radio Eins hat ein dickes Fell: Wir haben schließlich auch einen Bildungsauftrag, und wenn wir fünf Musikredakteure in unserer Abhörsitzung einen Titel gut finden, spielen wir den auch, trotz Sperrigkeit. Wir machen keine Meinungsforschung wie die Privaten, wir spielen einfach, was uns gefällt. Das Persönliche, Handgemachte, die fehlenden Algorithmen in Kombination mit Selbstbewusstsein und Mut – das sind die Dinge, die das gute alte Radio auch in Zukunft bestehen lassen.

KW: Gegen Algorithmen kommt kein Mensch an, also muss der Mensch tun, was der Algorithmus nicht kann: reden, erzählen, beurteilen, kritisieren, Zusammenhänge herstellen, Zusammenhänge in Frage stellen, streiten, Formate brechen.

JH: Ich sehe gerade die Playlist-Algorithmen bei Spotify völlig anders. Ich muss sogar anerkennen, das gerade mein »New Release Radar« und meine »Mix der Woche« sehr gut funktionieren. Ich mag mindestens 60 Prozent davon und kenne erstaunlich viel nicht, obwohl ich mich für gut informiert halte. In der Hinsicht ersetzt der »New Release Radar« beinahe den regelmäßigen Besuch im Plattenladen und das Gespräch mit dem Plattenhändler meines Vertrauens. Gutes Radio macht aber noch mehr, die Redakteur*innen erzählen über das Spielen von noch unbekannter Musik hinaus Geschichten und Anekdoten über die Künstler*innen, verweisen auf Konzerte in der Region, bringen weiteren lokalen kulturellen Input, haben eine Meinung und sprechen sie auch aus. Wenn es das flächendeckend in Deutschland gäbe, hätten wir kein Problem, und auch die Youtube-Generation würde wieder Radio hören.

Der VUT hat vor einigen Wochen eine Kampagne für mehr Vielfalt im Radio lanciert. Was bedeutet für euch Vielfalt? Ist die schon ein Wert an sich?

JH: Der gute alte Duden sagt: »Fülle von verschiedenen Arten, Formen«, »große Mannigfaltigkeit«. Was wir als VUT meinen und uns wünschen: weniger Formatradio, mehr Abwechslung, mehr Mut zum Neuen und Sendungen, für die ja auch Klaus und Anja neben anderen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk exemplarisch stehen, oder das, was unter anderem Byte FM, Detektor FM und Flux FM inhaltlich leisten. Wir beziehen uns in unserer Kamapagne auf den Rundfunkstaatsvertrag, § 41 Programmgrundsätze, Abschnitt 2: »Die Rundfunkvollprogramme sollen zur Darstellung der Vielfalt im deutschsprachigen und europäischen Raum mit einem angemessenen Anteil an Information, Kultur und Bildung beitragen.« Die bundesweite Realität ist aber leider das genaue Gegenteil.
Die Relevanz der Independents auf dem Musikmarkt muss sich auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk widerspiegeln: Die von kleinen und mittelständischen Musikunternehmen produzierte Musik ist im Rundfunk massiv unterrepräsentiert. Einem Marktanteil von mehr als 30 Prozent der verkauften Musikaufnahmen steht lediglich ein Anteil von 5,5 Prozent der gespielten Songs im gesamten Radioprogramm gegenüber (vgl. hier, S. 48). Im Jahr 2014 waren lediglich 3 Prozent der Titel der deutschen Airplay-Charts unabhängigen Musikunternehmen zuzuschreiben. Somit geht das Radioprogramm am Musikgeschmack der Käufer*innen deutlich vorbei, ein beachtlicher Teil der Bevölkerung wird nicht erreicht. Teils ist dies der Programmpolitik der Privatsender geschuldet, doch auch die öffentlich-rechtlichen Anstalten erfüllen ihren Auftrag zur Darstellung kultureller Vielfalt aus unserer Sicht unzureichend.

»Außerhalb von Berlin muss man permanent den Sender wechseln, weil alles gleich und gleich langweilig klingt.« (Jörg Heidemann)

Jörg Heidemann, VUT
Jörg Heidemann, VUT

KW: »Rundfunkvollprogramm« ist das entscheidende Wort. Auf den Siegeszug der Privaten haben viele Öffentlich-Rechtliche panisch reagiert: mit Anpassung, Nachahmung und dem Kaninchen-auf-die-Schlange-Blick auf die Quote. Im Zuge dessen hat sich das Selbstverständnis der öffentlich-rechtlichen Radiomacher verändert. Viele von ihnen denken in erster Linie unternehmerisch in der Währung Quote. So kommt es zu der eigentlich absurden Situation, dass innerhalb einer ARD-Anstalt die verschiedenen Wellen miteinander konkurrieren. Es gibt den legendären Satz eines ARD-Wellenleiters – nennen wir sie XXR 1 –, der nach seinem Amtsantritt die interne Losung verkündete: »Wir müssen XXR 3 angreifen!« Und nicht etwa: »Wir als XXR müssen eine gemeinsame sogenannte Flottenstrategie entwickeln und auf diese Weise unserem öffentlich-rechtlichen Auftrag gerecht werden, die Vielfalt der kulturellen Entwicklungen abbilden« und so weiter.
Derzeit haben wir die Situation, dass viele öffentlich-rechtliche Häuser sich vier populäre Wellen leisten, die auf reine Durchhörbarkeit getrimmt sind und sich lediglich in den Zielgruppen unterscheiden. Diese werden entlang der Alterspyramide definiert, zum Beispiel beim Hessischen Rundfunk: HR 4 für die Älteren, HR 1 für die rund 40- bis 60-Jährigen, HR 3 für die rund 25- bis 40-Jährigen, darunter You FM mit einem eigenen Markennamen, um Unabhängigkeit vom öffentlich-rechtlichen Tanker zu signalisieren. Diese vier Wellen funktionieren alle nach dem Hitradio-Prinzip: schmales Repertoire, Computerrotation, keine Autorensendungen, keine Genresendungen. Die demografischen Veränderungen führen dazu, dass die Altersabgrenzungen nicht mehr funktionieren und große Hits dann in mehreren oder gar allen Wellen rotieren. Was nicht zum engsten Kern des populären Repertoires gehört, findet auf diesen Wellen nicht statt. Die Kulturwellen wiederum (beim HR ist das HR 2) haben für Popkultur wenig oder gar keinen Raum, Ähnliches gilt für die Infowellen.
So kommt es, dass ein ARD-Haus mit sechs Wellen nur einen kleinen Bruchteil der popkulturellen Vielfalt abbildet und selbst neue Musik von großen Stars – you name them: Björk, Neil Young, Radiohead, Frank Ocean – unter den Tisch fällt oder nach einem einzigen Beitrag nie mehr gespielt wird. Das gilt natürlich nicht für die quasi-Hauptstadt-orientierten Sender Deutschlandfunk / Deutschlandradio Kultur und Radio Eins, liebe Anja.

»Der Mensch muss tun, was der Algorithmus nicht kann: erzählen, beurteilen, streiten.« (Klaus Walter)

AC: Bingo! Du hast es genau auf den Punkt gebracht, Klaus. Die Misere begann mit den Privatradios. Ich kann aber den Konkurrenzgedanken der Öffentlich-Rechtlichen nachvollziehen. Wenn die Privaten den Massengeschmack so gut bedienen, dass die Öffentlich-Rechtlichen im selben Sendegebiet kaum mehr jemand hört, wird es gefährlich für die Öffentlich-Rechtlichen. Warum? Weil ihnen von politischer Seite die Existenzberechtigung abgesprochen wird. Dann heißt es: »Ihr bekommt Rundfunkgebühren, äh, -beiträge, sendet aber völlig am Geschmack der Bürger vorbei? Und tschüss!« Daher mussten sich die Öffentlich-Rechtlichen in den Kampf um die Quote begeben.
Ich frage mich natürlich auch, ob mehrere Wellen einer öffentlich-rechtlichen Anstalt ein ähnliches Programm haben müssen, und warum sich nicht mehr Öffentlich-Rechtliche eine Welle leisten, die »indie« ist. Ich spreche da von privilegierter Stelle. Durch den einmaligen Zusammenschluss von Ost und West hat es sich in meinem Sendegebiet ergeben, dass vor 19 Jahren aus dem alten Sender Freies Berlin und dem Rundfunk der DDR eine neue Anstalt konzipiert wurde. So konnte sich der RBB quasi am Reißbrett neu erfinden, und so konnte Radio Eins eben vom Start an anders sein.
Ich kann nachvollziehen, dass Wellen wie der BR oder HR Angst hätten, renommierte Namen wie Bayern 3 oder HR 3 total zu ändern. Diese Wellen haben altbekannte Namen, erfüllen Hörgewohnheiten, haben viele Hörer*innen. Die mit einem neuen Konzept zu überfahren – das braucht Mut. Das angestammte Publikum würde nämlich die Musikänderungen garantiert nicht mittragen. Ich weiß das, weil Radio Eins, als Vorreiter der unabhängigen Andersartigkeit, jahrelang nur sehr wenige Hörer*innen hatte. Das Damoklesschwert »Abschaltung oder Zusammenlegung mit einer anderen Welle« schwebte immer über uns. Es hat zehn Jahre gedauert, bis wir angekommen waren, bis wir die Sleeper wieder aufgeweckt hatten, also all jene, die Radiohören wegen Dudelei schon aufgegeben hatten. Heute haben wir »trotz« unseres anspruchsvollen Programms eine ansehnliche Stundenreichweite von 109.000 Hörer*innen mit der längsten Verweildauer von drei Stunden täglich. Das brauchte aber einen langen Atem, und den hatte der RBB zum Glück. Aber der RBB ist eben auch eine sehr junge Anstalt. Die »Alten« haben einfach Angst vor veränderungen. Ist ja sehr menschlich.

Bei den VUT Indie Days im Rahmens des Reeperbahn Festivals in Hamburg wird unter anderem auch über das Thema Let The Music Play – Wo die Musik spielt: Radio vs. Streaming vs. Playlist diskutiert.

Für die Verleihung der VIA! VUT Indie Awards 2016 (mit Nominierten wie Moderat, Nils Frahm, Die Nerven, Boy, u.v.a.) am Donnerstag, 22.09., in Schmidts Tivoli in Hamburg verlost SPEX 2×2 Tickets. Einfach eine Mail mit vollständigem Namen und dem Betreff »VIA! VUT Indie Awards« an gewinnen@spex.de schicken.