Währung Quote: Diskussion über Vielfalt im Radio / Ticketverlosung

Rundfunk wegen Dudelei längst aufgegeben? Nur mehr auf Playlist-Algorithmen abonniert? Dann mal herhören: Anja Caspary, Klaus Walter und Jörg Heidemann diskutieren über ihre Vorstellung von gutem Radio.

Radio kann etwas, das Algorithmen noch nicht leisten. Davon sind viele Menschen überzeugt, was nicht zuletzt ein Blick auf aktuelle Statistiken belegt: 74 Prozent aller Deutschen hörten 2015 regelmäßig Radio, der Rundfunk ist vor Tonträgern und Streaming immer noch das beliebteste Musikmedium, erklärte zumindest der VUT Verband unabhängiger Musikunternehmen e.V. in einer Pressemeldung vom Mai 2016. Und doch könnte vieles besser laufen im Äther und gerade für ein musikinteressiertes Publikum deutlich aufregender klingen.

Vor einigen Wochen lancierte der VUT daher eine Kampagne für #mehrvielfaltimradio (SPEX berichtete). Im Rahmen der VUT Indie Days beim Reeperbahn Festival wird Ende September bei einem Panel über das Thema Radio vs. Playlists vs. Streaming gesprochen. Und für die im selben Rahmen stattfindenden VIA! VUT Indie Awards verlosen wir Tickets (alle Details am Ende dieses Artikels). Vorab haben wir zu einer Diskussionsrunde über die Malaisen und Möglichkeiten von gutem Musikradio gebeten: Anja Caspary, Musikchefin und Moderatorin bei Radio Eins vom Rundfunk Berlin-Brandenburg, Jörg Heidemann, Geschäftsführer des VUT, und Klaus Walter, mit der Sendung Der Ball ist rund lange Jahre beim Hessischen Rundfunk, aktuell mit Was ist Musik bei Byte FM und regelmäßiger SPEX-Autor sprechen über trostlos beschallte Autoreisen, Prekaritätsökonomie und den langen Atem, den man für gutes Radio braucht.

Anja, Klaus, Jörg, hört ihr privat viel Radio? Wie oft und zu welchen Anlässen?

Jörg Heidemann: Nein, eigentlich überhaupt nicht mehr. Der überwiegende Teil des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist für wirklich an Musik und gerade neuer Musik interessierte Hörer*innen nicht zumutbar. Allerdings gibt es spätabends oder nachts durchaus mal eine positive Überraschung. Ich höre höchstens noch beim Autofahren, da ich aber passionierter Fahrradfahrer bin, passiert das sehr selten. Zuhause überhaupt nicht. Allerdings hört meine Mitbewohnerin morgens Deutschlandradio Kultur, dem zufolge höre ich manchmal mit. Außerhalb von Berlin muss man eigentlich permanent den Sender wechseln, weil leider alles gleich und gleich langweilig klingt.

Anja Caspary: Ich höre privat viel Radio. Schon immer. Ich bin in den Siebzigern aufgewachsen, und wir hatten lange keinen Fernseher. Meine Lieblingssendungen als Kind und Jugendliche waren Charts, Wunschmusiksendungen und Hörspiele. Ich höre jeden Tag Radio Eins bei der Arbeit und bin begeistert über unsere Musikauswahl. »Fremd« höre ich auch manchmal, besonders im Auto, aber nur um zu sehen, ob ich bei anderen Sendern etwas entdecken kann. Meistens gelingt es mir nicht, und so skippe ich vergeblich durch all die Guettas, Jähns, Dittberners und Bendzkos. Bei einer mehrwöchigen Urlaubstour im Auto durch Deutschland (West, Ost und Süd) vor zwei Jahren war ich sehr enttäuscht über die Austauschbarkeit der Sender und die hohe Rotation der Chartshits. Mich dürstete förmlich nach einem unbekannten Song.

Klaus Walter: HR-Info im Radio in der Küche, 20-Minutentakt, keine Musik. Am Schreibtisch bei Routinearbeiten Byte FM, Grimme-Preis-gekrönt. Für den Laden arbeite ich selbst, they call it Ehrenamt. Oft interessante, mir unbekannte Musik, aus naheliegenden Gründen nicht immer so interessant präsentiert, verpackt, gestaltet, wie es angemessen wäre. Dazu ein Selbstzitat aus meinem regelmäßigen Byte-FM-Newsletter:
»Zu den Besonderheiten der digitalen Marktwirtschaft gehört der Umstand, dass immer mehr qualifizierte Popkulturarbeit im Internet stattfindet – für immer weniger Geld. Das gilt für schreibende Kritiker wie für Radiomacher. Byte FM hat 2009 den Grimme Online Award bekommen. In der Begründung erinnert die Jury an alte Zeiten: ›… bevor der kommerzielle Umbruch der Radiosender den geschmacksbildenden Radio-DJ durch den chartgesteuerten Computer ersetzte. Dass erst ein neues Medium genau das auferstehen lässt, was viele mit Wehmut an die früher vor dem alten Medium verbrachten Stunden zurückdenken lässt, mag Ironie des Schicksals sein. Doch ist Byte FM kein verklärter Blick in die Vergangenheit, sondern eine von Musikliebhabern für Musikliebhaber gestaltete Plattform …‹ Die niedlichen ›Musikliebhaber‹ sind zum großen Teil Musikjournalisten mit viel Erfahrung beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Deren qualifizierte popkulturelle Arbeit ist im Zuge des nun schon drei Jahrzehnte andauernden ›kommerziellen Umbruchs‹ immer weniger gefragt. Mit dem Siegeszug des kommerziellen Privatradios, der übrigens mit dem Fall der Berliner Mauer zusammenfällt, hat sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland von der Popkritik weitgehend verabschiedet – ruhmreiche Ausnahmen bestätigen die Regel … Die Folge dieser Entwicklung: Popkritik-Profis reamateurisieren sich zwangsfreiwillig und senden unter Praktikantenbedingungen bei einem Internetradio wie Byte FM. Selbstverwirklichung gegen Selbstausbeutung – die Tauschformel der Prekaritätsökonomie.«

»Die Menschen sind zunehmend so konditioniert, dass sie Glücksgefühle nur beim Wiederhören von Altbekanntem haben.« (Anja Caspary)

Anja Caspary, Radio Eins
Anja Caspary, Radio Eins

AC: Klaus, was du schreibst, ist falsch: »Dass erst ein neues Medium genau das auferstehen lässt, was viele mit Wehmut an die früher vor dem alten Medium verbrachten Stunden zurückdenken lässt, mag Ironie des Schicksals sein.« Byte FM wurde elf jahre nach Radio Eins gegründet. Genau wie Motor FM, heute Flux FM, die auch Nachahmer unseres Konzepts sind, das genau so ist, wie du es bei Byte FM vermeintlich neu entdeckt hast: Unsere Welle ging vor genau 19 Jahren an den Start mit Helmut Lehnerts Losung: »Die Zukunft des Radios liegt in seiner Vergangenheit.« Deshalb machen wir Magazinsendungen mit fundierten, gut recherchierten Wortbeiträgen, die von personalities präsentiert werden und spielen dazu einen Mix aus Rock, Elektro, Pop, Indie, Punk, Soul, Folk, whatever – alles, was gut ist und uns gefällt. Im letzten jahr haben wir 14.803 unterschiedliche Titel gesendet (ermittelt von der GEMA), damit sind wir das abwechslungsreichste deutsche Radioprogramm und schon zweimal Grimme-Preis-gekrönt. Du siehst also, es gibt eine öffentlich-rechtliche Anstalt, die vor fast 20 Jahren den Mut hatte, sich so was Ambitioniertes, Altmodisches, qualitativ Hochwertiges wie Radio Eins zu leisten. Mit Erfolg.

KW: Die von dir zitierte Passage stammt nicht von mir, Anja, sondern aus der Begründung der Grimme-Jury und wird ja von mir genau deswegen kritisiert. Die im öffentlich-rechtlichen Radio ziemlich einsamen Qualitäten von Radio Eins kenne ich unter anderem aus Erzählungen von Peter Radszuhn, der mir vor ein paar Jahren eine Sendung angeboten hatte, zu der es dann doch nicht gekommen ist.

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