Vorspiel für Marshall Allen – „Der Sound war immer schon dort draußen“

Auf der Suche nach Musik, die klingt, als sei sie nicht von dieser Erde: Marshall Allen (Foto: Johann Clausen)
Auf der Suche nach Musik, die klingt, als sei sie nicht von dieser Erde: Marshall Allen (Foto: Johann Clausen)

Marshall Allen ist eine lebende Legende. Seit 1957 spielt er Altsaxofon im Free-Jazz-Kollektiv Sun Ra Arkestra und ist somit das älteste Mitglied der optisch genauso überdrehten wie musikalisch virtuosen Big Band. Fast 40 Jahre wohnte und tourte er zusammen mit Sun Ra, dem Free-Jazz-Avantgardisten und Kopf der Band. Nach dessen Tod übernahm Allen die Leitung des Arkestras, das bis heute zahlreiche Künstler beeinflusst. Mit einigen von ihnen hat Marshall Allen bereits zusammengearbeitet: Carl Craig, Sonic Youth, Primal Scream oder Caribou. Wir trafen den Musiker unmittelbar nach einem Auftritt in Berlin für ein Vorspiel – einen Tag nach seinem 90. Geburtstag.

Thelonious Monk
„Round Midnight“
Vom Album Genius Of Modern Music: Volume 1 (1951)

Marshall Allen: Ich kenne und liebe diesen Song. Ich finde es toll, wie Monk spielte. (macht wellenartige Bewegungen mit der Hand) Der ganze Song wird hauptsächlich von der Melodie getragen und ist sehr solide. Er erinnert mich an meine Zeit in Chicago. „Round Midnight“ ist ein Klassiker und daher eigentlich immer gut, egal, wer ihn interpretiert. Ich selbst habe mit Monk nie zusammen gespielt. Dazu hätte es auch gar nicht kommen können, denn ich spielte ja eigentlich die ganze Zeit mit Sun Ra.

Sie haben also erst später mit anderen Musikern und Bands zusammengearbeitet?
Ja, Sun Ra hat uns sehr vereinnahmt. Er wollte sieben Tage in der Woche proben, am liebsten das ganze Jahr über. Deshalb lebten und arbeiteten wir vom Arkestra auch fast alle zusammen in einem Haus in Philadelphia.

 
Arnold Schönberg
String Quartet No. 2 (1908)

Das kenne ich irgendwoher. Ich mag es, vor allem, weil es etwas ganz anderes ist als davor.

Das ist das zweite Streichquartett von Arnold Schönberg. Es war sein erstes atonales Stück, womit er sich radikal von der Dur/Moll-Tonalität abgrenzte, die für Orchestermusik damals noch üblich war. Zudem kommt im dritten und vierten Satz ein Sopran hinzu, was die Konvention eines Streichquartetts völlig missachtete. Mit dem Bruch der Konventionen und der Hinwendung zur Atonalität hat Schönberg auch den Free Jazz inspiriert.
Das ist interessant, auch wenn ich es nicht wichtig finde, wie man das jetzt bezeichnet. Aber ich mag seine Musik. Sie enthält alles, was Musik benötigt. Toll finde ich vor allem die unterschiedlichen Stimmungen, die diese Musik erzeugt. Ich mag schöne, ausschweifende Melodien, besonders wenn sie von Streichern gespielt werden.

Technisch gesehen ist es etwas ganz anderes als das, was Sie mit ihrem Arkestra machen. Schönbergs Musik ist notiert und muss daher exakt so gespielt werden, wie es in den Noten steht.
Ja, aber ich finde es dennoch toll, denn für mich macht es keinen Unterschied, ob ich vom Blatt spiele oder völlig frei. Es gibt ohnehin keine Musik, die ich nicht mag, denn für mich besteht Musik immer aus Stimmungen. Es geht immer um das, was man nicht sofort bemerkt, um das, was Musik unbewusst in einem auslöst.

Neue Musik gilt oft als sperrig und wird leider immer nur im intellektuellen Kontext gehört. Auch Sun Ra war stets sehr kryptisch, sowohl seine Musik als auch seine Visionen. Haben Sie Sun Ra und seine Musik eigentlich von Anfang an verstanden, als sie 1957 dem Arkestra beitraten?
Ich muss zugeben, dass das schon eine Weile gedauert hat. Sun Ra hat Songs geschrieben, die ich jahrelang nicht verstanden habe. Es dauerte stets eine gewisse Zeit, aber es gab immer den Moment, dass ich eines Tages aufwachte und plötzlich ein Song für mich zum Leben erwacht war. Es war jedes Mal ein tolles Gefühl, aber ich fragte mich dann immer: „Wie konnte ich diese Phrasierung oder diese Melodie vorher nur überhören?“ Ich hörte plötzlich Details, die mir zuvor einfach nicht aufgefallen waren. Aber das ist die Natur der Musik. Manchmal dringt sie nicht zu dir durch – und dann kommt plötzlich der Tag, an dem du einen bestimmten Song richtig verstehst. Denn jeder Tag ist anders im Vergleich zum Tag davor, deshalb musst du auch beim Live-Spielen ständig den Moment und die Vibes des Ortes miteinbeziehen.

 
Caribou (feat. Marshall Allen)
„Melody Day“
Vom Album Andorra (2007)

Klingt wie Chorgesang. Wer ist das?

Das ist „Melody Day“ vom kanadischen Produzenten Caribou. Sie haben bei dem Song selbst mitgewirkt. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Ah, jetzt erinnere ich mich. (lacht) Er kam eines Tages in New York auf mich zu und fragte, ob ich Lust hätte, ihn bei einem Song zu unterstützen. Kurz vor einer Europatour traf ich ihn dann in Kanada, wo ich als Gastmusiker einer von ihm zusammengestellten Big Band war. Es hat sehr viel Spaß gemacht. Caribou ist ein toller Musiker und Songschreiber.

Die Zusammenarbeit mit Caribou ist nur eine von sehr vielen. Wie gehen Sie vor, wenn Sie mit neuen Musikern spielen?
Das erste, was ich tue, ist herauszufinden, wer die Person eigentlich ist und was sie ausmacht. Dann versuche ich zu erfahren, um was es in der Musik geht. Ich höre sie mir intensiv an und beginne erst dann mit dem Spielen. Wenn jemand interessante Musik macht, gebe ich stets mein Bestes, dem Song das zu geben, was er benötigt. Das mache ich immer so. In meinem Orchester würde ich niemandem befehlen, was er spielen soll. Ich bin musikalisch sehr offen, weshalb ich auch gerne mit vielen unterschiedlichen Künstlern zusammenarbeite. Sei es Rock, Mop, Top oder was auch immer. (lacht) Manchmal funktioniert das sehr gut, manchmal kann es aber auch chaotisch sein. Aber so ist das Leben: Das Schöne steht neben dem Hässlichen und die Ordnung neben dem Chaos.

 
Carl Craig
„At Les“
Vom Album More Songs Of Fruits And Revolutionary Art (1997)

Das klingt ähnlich wie das, was ich mit meinem EWI mache. (singt die Melodie nach) Ich spiele einen Ton, füge ein Echo hinzu und verdopple ihn damit.

Das ist ein früher Track des Detroiter Techno-Produzenten Carl Craig.
Das bedeutet, er erzeugt die Klänge alle mit dem PC. Das ist ein grundlegender Unterschied zu meiner Arbeitsweise. Ich verwende ja auch elektronische Klänge, aber im Gegensatz zu einem Produzenten folgen die Klänge stets mir. Hier war es wahrscheinlich andersherum, der Produzent ist der Maschine gefolgt.

Sie haben mal mit Craig zusammen gespielt, im Rahmen des Outerzone-Projekts des mexikanischen Drummers Francisco Mora Catlett.
Wissen Sie, ich habe schon mit so vielen Leuten gespielt und kann mich ehrlich gesagt oft nicht mehr richtig daran erinnern. Selbst wenn ich mir Songs anhöre, weiß ich oft nicht, ob ich mitgewirkt habe oder nicht. Es ist absurd. Da steckst du deine ganze Leidenschaft in etwas und hörst es dann ein paar Jahre später, ohne dass du dich erinnerst. Und plötzlich sagt dir jemand, dass du da mitgewirkt hast. Aber es ist jedes Mal ein schönes Gefühl. (lacht)

Warum spielen Sie gerne mit anderen Musikern und Bands zusammen?
Ich liebe es einfach, Teil von etwas zu sein. Ich möchte nicht als Solokünstler wahrgenommen werden. Ich bin immer Teil von etwas, ganz egal, ob es ein kleiner oder großer Beitrag ist. Das wichtigste ist dabei, seinen eigenen Platz innerhalb eines Raums zu finden. Es geht überhaupt immer darum – und das gilt für alles, was du tust –, herauszufinden, wo dein Platz in der Welt ist, und dabei immer im Auge zu behalten, was du selbst möchtest. Das ist die wichtigste Voraussetzung, um wirklich kreativ zu sein.

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