Foto: Erik Weiß

Patti Smith
„Gloria“
vom Album Horses (1975)

Ihr Manager hatte angerufen und gefragt, ob ich mir vorstellen könne, sie zu produzieren. Ich war damals nach einer längeren Zeit in London zum ersten Mal wieder in New York und traf Patti auf einem typischen New Yorker Poetry Meeting. Sie stand in Flammen! Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch gar nicht, dass sie auch eine richtige Band hat und schon auf Tour gewesen war. Was mich an ihrem Vortrag und ihrer Art zunächst begeisterte, war vor allem ihre sprühende Energie und diese wahnsinnig interessante Art, wie sie
mit Sprache umgeht. Ich hörte Pattis Sachen und erkannte erst so richtig, wie reich die englische Sprache sein kann.

Wie erinnern Sie sich generell an die sogenannte New Yorker Punkszene der Siebziger?
Oh Mann, das war ein einziges verdammtes Chaos! Nicht zu kontrollieren. Viel Energie, aber keiner wusste so richtig, was er tut. Trotzdem ist irgendwie was dabei rumgekommen. (lacht)

The Velvet Underground gelten zu Recht als Vorreiter dieser Szene, fühlten Sie sich bisweilen wie eine Art Mentor, wenn Sie mit Leuten wie Jonathan Richman oder Patti Smith gearbeitet haben?
Keineswegs, das versuche ich bis heute um jeden Preis zu vermeiden. Weil es die Atmosphäre ruiniert. Wenn man jemanden produziert, muss man ihm die Selbstsicherheit und das Gefühl geben, dass es nur um ihn und seine Arbeit geht.

Ein guter Produzent muss auch ein guter Psychologe sein?
Absolut, Psychologie ist in der Produktionsarbeit wichtiger als alles andere, da darf man sich nichts vormachen.

Iggy And The Stooges
„I Wanna Be Your Dog“
vom Album The Stooges (1969)

(Feedbackgeheul erklingt, Cale hört mit schmerzverzerrtem Gesicht zu, sagt zunächst nichts.)

Wie sehr waren Ihre psychologischen Fähigkeiten während der Arbeit mit Iggy Pop und den Stooges gefragt? Wie wild war Iggy damals wirklich?
Das muss man trennen. Auf der Bühne war er ein völlig anderer Typ: Extrem wild, das Publikum kontrollierend, anbetungswürdig. Er hatte alles, was ein guter Performer braucht, und konnte nur aus sich selbst heraus eine einmalige Stimmung kreieren. Im Studio hingegen war er total fokussiert, ein hochprofessionell arbeitender maniac. Wir hatten nur zehn Tage Zeit für die Platte und gleich am ersten gab er mir ein Stück Notenpapier in die Hand. Ich fragte, was das sei und er meinte: „die Notationen für unsere Songs«. Das war neu, so was hatte ich noch nie erlebt. Den Gesang für einen Song mit ihm aufzunehmen, hat stets nur Sekunden gedauert, immer alles im ersten Take fertig.

Element Of Crime
„Don’t You Smile“
vom Album Try To Be Mensch (1987)

(hört lange zu) Ist das Siouxsie? Nein, eine deutsche Band. Oh, Elements Of Fear?

Fast, Element Of Crime. Sie haben Try To Be Mensch, die Platte, auf der dieser Song ist, produziert, erinnern Sie sich noch daran?
Absolut. Allerdings weiß ich nicht mehr genau, wie der Kontakt zustande gekommen ist. Aber ich weiß, dass der Sänger in späteren Jahren ein überaus erfolgreicher Romanautor mit internationalen Übersetzungen geworden ist. Außerdem hat er sich meinen Gitarristen für seine Band geklaut – David Young. Der übrigens mein Engineer war, als wir die Happy Mondays produzierten und dieser ganze Wahnsinn passierte. Die Mondays hatten das einmalige Talent, alleine durch ihr Erscheinen überall sofort ein Chaos anzurichten. Dabei haben sie meistens noch nicht mal besonders viel getan. Ich erinnere mich etwa an eine Preisverleihung des Q-Magazins. Shaun und Bez gingen auf die Bühne und alles brach völlig zusammen und flog in tausend Stücke. Der Moderator verlor die Kontrolle, Sachen flogen durch die Gegend. Sehr lustig. So was passierte nur bei den Happy Mondays.

„New York ist für mich nachhaltig vergiftet.“

LCD Soundsystem
„All My Friends“
vom Album Sound Of Silver (2007)

James Murphy war auf der Suche nach Coverversionen seiner Songs. Wir trafen einander und ich nahm den Song auf. Es war sehr leicht, mit ihm zusammenzuarbeiten.

James Murphy ist Teil einer weiteren New Yorker Szene – über 40 Jahre, nachdem Sie eine mitbegründet hatten. Wie erleben Sie die Stadt heute, wenn Sie mal da sind?
Heute sind alle nach Williamsburg gezogen. Ich habe immer noch sehr viele Freunde da und vermisse sie sehr, aber einige der Dinge, die in New York geschehen sind, haben ein sehr schlechtes Gefühl bei mir hinterlassen. Es ist eine Schande, weil die Stadt immer noch eine gewaltige Energie hat, aber für mich ist New York nachhaltig vergiftet.

John Cale
„I Wanna Talk To You“
vom Album Shifty Adventures In Nookie Wood (2012)

Ich wollte dringend noch eine Nummer mit einer etwas anderen Stimmung für das Album haben, als ich zufällig mit Danger Mouse über eine seiner Produktionen sprach. Wir saßen also im Studio und begannen dabei spontan, gemeinsam an diesem Song zu arbeiten. Er ist wahnsinnig schnell und intuitiv, ein totaler Instinktmusiker. Jede kleine Idee, die ich ins Mikro sang, hat er irgendwie aufgenommen und daraus etwas gemacht, mit dem man arbeiten konnte. Wir hatten auf jeden Fall zwei Tage Spaß.

Ihre Stimme klingt sehr frisch auf dem Album, und auch sonst sind Sie in bester Verfassung, wie halten Sie sich fit?
Erst musste ich natürlich mit der Sauferei und dem ganzen anderen Kram aufhören. Meine gute stimmliche Verfassung liegt aber in der Tatsache begründet, dass ich vor einigen Jahren damit angefangen habe, den Leuten bei meinen Konzerten das Rauchen zu verbieten. Was in den meisten Clubs nicht leicht war, weil die Betreiber Angst hatten, dass dann keiner mehr Bier trinkt. In Holland spielte ich damals auf einem Festival
des Tabakherstellers Drum. Das gab vielleicht einen Ärger, sie konnten gar nicht fassen, dass ich den Leuten tatsächlich auf ihrer eigenen Tabakparty das Rauchen verboten habe. (lacht) Mit der Zeit kamen aber auch immer Leute und haben sich bedankt, da ich ihnen so viel Wäsche erspart hätte, weil die Klamotten nach meinen Konzerten nicht stinken.

Dieses Vorspiel erschien in unserer Printausgabe SPEX No. 340, die weiterhin versandkostenfrei im Shop erhältlich ist.