Vorspiel für Bryan Ferry

Bryan Ferry by Robert Astley Sparke
FOTO: Robert Astley Sparke

Auch nach 40 Jahren immer noch das erste, worauf man achtet: das Outfit. Zum Interview trägt Bryan Ferry dunkelbraunes Cord zu blauem Hemd und – oha! – senfgelben Socken. Natürlich ist die Aufmachung bei diesem Mann viel mehr als nur äußere Hülle oder gar eine Konzession an das Alter, wie er im Interview versichert. Nein, bei Bryan Ferry, dem Ur-Dandy der britischen Popmusik, gingen Musik und Mode stets Hand in Hand. Kürzlich hat er ein etwas eigenwilliges Album mit Jazz-Interpretationen seiner größten Hits eingespielt, im Herbst kommt er nun auf größere Tour, spielt zudem im Juni bereits in Leipzig. Für SPEX reflektiert er wichtige Stationen seiner musikalischen Sozialisation.

ROXY MUSIC
»RE-MAKE/RE-MODEL«
VOM ALBUM ROXY MUSIC (1972)

Wir wollten eine echte Party-Atmosphäre kreieren. Mit Gesprächen, Gläserklirren, allem, was dazugehört. Es sollte sich so anfühlen, als sei man mitten im Getümmel. Soundeffekte auf Platten zu verwenden, macht großen Spaß, und hier haben wir das zum ersten Mal getan.

Der Grund, warum ich diesen Song ausgewählt habe, ist der Songtitel: »Re-Make/Re-Model«. Inwiefern ging es in den frühen Tagen darum, die Rockmusik und ihre Rollenklischees neu zu definieren, also gewisse Dinge gerade nicht zu tun?
Ich hatte damals wahnsinnig viele verschiedene Einflüsse, die ich erforschen wollte. Darum ging es bei diesem ersten Album: unsere mannigfaltige musikalische Inspiration zu einer Art Collage zu bündeln. Ein Vorgang, den dieser Titel perfekt veranschaulicht. Später haben die Leute gesagt, das sei der erste postmoderne Pop-Titel gewesen, aber daran habe ich gar nicht gedacht. Ich wollte eine interessante Neuversion von allem, was ich in meinem Leben gehört hatte, kreieren – mit großem Einfluss von Brian Eno, Andy Mackay und den anderen. Der Haupteinfluss für diesen Song waren übrigens The Velvet Underground.

THE VELVET UNDERGROUND
»WHAT GOES ON«
VOM ALBUM THE VELVET UNDERGROUND (1969)

Ich liebe Lou Reeds Stimme, besonders in den frühen Tagen. Dieses nervöse Flackern, das beinahe arrogante Bewusstsein für die Dinge, die er singt. Das war so aufregend! Und seine Texte waren sehr intelligent und cool. Faszinierend, gerade vergangene Woche spielte mir jemand ein frühes Velvet-Underground-Demo vor, auf dem Lou Reed ganz offensichtlich seine Stimme noch nicht gefunden hatte. Dort klang er wie ein schlechter Dylan-Imitator. (lacht) Ich mochte ihren Background, wo sie herkamen und wofür sie standen … dass sie mit Andy Warhol gearbeitet haben. Ich studierte damals Kunst bei Richard Hamilton, quasi dem britischen Äquivalent von Warhol, eine Schlüsselfigur der Pop-Art, weswegen mich das zusätzlich begeistert hat. Die Velvets haben alle wichtigen Codes definiert, die personifizierte Coolness und eine wunderbare Band.

Ein Role-Model für Roxy Music?
Allerdings. Obwohl wir natürlich ganz anders waren. Alleine schon, weil wir aus England kamen und nicht in New York lebten. Wir waren eindeutig eine europäische Band, auch wenn ich als Kind überwiegend amerikanische Musik gehört hatte, vor allem Jazz und Blues.

BILL HALEY
»(WE'RE GONNA) ROCK AROUND THE CLOCK«
VOM ALBUM ROCK AROUND THE CLOCK (1954)

Ich hab ihn live gesehen, als er seine erste England-Tour gespielt hat, ein Erweckungserlebnis.

Wie alt waren Sie damals?
Ungefähr zehn.

Durchaus ungewöhnlich für die Zeit, dass ein Zehnjähriger ins Rock’n’Roll-Konzert gehen durfte. Haben Ihre Eltern Ihnen das nicht verboten? So was galt ja damals vielerorts als die Musik des Teufels …
Ich hatte die Karten im Radio gewonnen. Und ich durfte gehen, weil meine ältere Schwester mitgekommen ist. Wir hatten zwei Tickets in der ersten Reihe. Es war, wie Sie sagen: die Musik des Teufels, so etwas hatten wir noch nie gehört. Überall diese Teddie-Boys, ein totaler riot. Das war der Beginn der elektrischen Musik, ich bin fast gestorben vor Aufregung.

Kamen Sie damals auf die Idee, selbst Musiker werden zu wollen?
Nein, das kam erst später. Eine Platte zu kaufen, war in jenen Tagen übrigens ein totales Bekenntnis. Einfach, weil es so teuer war. Fünf Schilling hatte man nicht einfach so übrig, man musste genau überlegen, wofür man das Geld ausgab. Das Taschengeld einer ganzen Woche für eine Single! Und wenn man dann zu Hause angekommen war, die Tür schloss und diese Platte auflegte, war das magisch. Das hat dazu geführt, dass meine Generation ein extrem enges Verhältnis zur Musik aufgebaut hat. Ich kaufte damals Fats Domino, Little Richard, all diese großen Künstler. Und weil man nur so wenige Sachen kaufen konnte, brannten sich diese Songs natürlich detailliert ins Gedächtnis ein. Was mir bis heute zugute kommt, ich kann mich sehr gut an Melodien und sogar Soli erinnern. An die Texte leider weniger gut. (lacht)

CHARLIE PARKER
»BILLIE'S BOUNCE«
VOM ALBUM THE CHARLIE PARKER STORY (1945)

Die erste Platte, die ich mir überhaupt gekauft habe, war eine EP des Charlie Parker Quintett mit vier Songs. Miles Davis hat, glaube ich, auch mitgespielt. Ich kann mich bis heute an jede einzelne Note dieser vier Songs erinnern und könnte Ihnen aus dem Stand alle Soli vorsingen.

Jazz war generell sehr wichtig für Sie, oder?
Allerdings, bis in die frühen 60er-Jahre, als ich begann, mich auf Rock’n’Roll zu konzentrieren und den Jazz zu vernachlässigen. Zehn oder 15 Jahre später gab es dann aber ein großes Comeback, aus irgendeinem Grund war Jazz plötzlich wieder cool für mich. Billie Holiday und vor allem ganz viel instrumentale Musik. Meine neue Platte mit Jazz-Versionen einiger meiner älteren Songs ist insofern ein Tribut an meine frühere Jazz-Leidenschaft.

Empfinden Sie diese starke Verbindung zur goldenen Ära des Jazz auch in ästhetischer und kultureller Hinsicht?
Eine faszinierende Periode, das war der Beginn des Modernismus. Repräsentativ für diese Ära ist natürlich Der große Gatsby von Scott Fitzgerald. Ich liebe diese Geschichte und kann mich voll und ganz mit der coolen mysteriösen Aura dieser Zeit identifizieren. Fitzgeralds Romantizismus übte zudem einen riesengroßen Einfluss auf mich als Texter aus. Die 1920er-Jahre müssen eine wahnsinnig aufregende Zeit gewesen sein, da ist so viel passiert. Plötzlich konnte man von Paris nach New York fliegen. Es gab diese neue Musik, die Partys, Drogen, Drinks.

BRIAN ENO
»HERE COME THE WARM JETS«
VOM ALBUM HERE COME THE WARM JETS (1974)

(guckt ratlos) Bin ich das? So klingt es, wenn ich Gitarre spiele … simpel und mit viel Vibrato.

Nicht ganz, es ist Ihr alter Mitstreiter, Brian Eno.
(lacht) Dann war ich immerhin nah dran. Der Song klingt toll! Aber ich kenne ihn nicht.

Erstaunlich. Das ist der Titeltrack seines ersten Soloalbums, nachdem er Roxy Music verlassen hatte und wohl eine seiner bekanntesten Aufnahmen. Die Geschichte mit Brian Eno … Sie sind damals im Streit auseinandergegangen, hatten danach sporadisch Kontakt sowie kleinere gemeinsame Projekte und sind vor einigen Jahren anlässlich einer Aufnahme für Ihr Album Olympia wieder zusammengekommen …
Richtig zerstritten hatten wir uns eigentlich nicht. Wir hatten eine Meinungsverschiedenheit, das ist etwas anderes. Für große Streitereien haben wir einander zu sehr respektiert. Ich kann heute sehr gut verstehen, warum er nach dem zweiten Roxy-Music-Album frustriert war. Er wollte am Songwriting partizipieren, was ich nicht zugelassen habe. Für ihn und seine Entwicklung war es aus heutiger Sicht gut, die Band zu verlassen. Für mich allerdings nicht: So habe ich einen sehr wichtigen musikalischen Mitstreiter verloren. Wenn ich heute einige meiner Roxy-Songs der Post-Eno-Phase höre, denke ich oft, dass der entscheidende Twist fehlt, den Brian ihnen hätte geben können und der sie auf eine andere Ebene befördert hätte. Seitdem haben wir hier und da ein bisschen miteinander gearbeitet, aber nicht genug.

Werden Sie irgendwann auch im größeren Rahmen wieder zusammenfinden?
Ich bin mir nicht sicher. Brian mag den Druck nicht, der dadurch ausgelöst wird, wenn er immer nur an seiner Vergangenheit gemessen wird, das interessiert ihn nicht. Es wäre schön, mal ganz ohne die Last unserer gemeinsamen Geschichte zusammen arbeiten zu können. Tatsächlich haben wir aber gerade vorige Woche erst miteinander gesprochen: Er hat mich eingeladen, aber ich konnte nicht kommen, weil ich nach Moskau musste.

DAVID BOWIE
»ZIGGY STARDUST«
VOM ALBUM THE RISE AND FALL OF ZIGGY STARDUST AND THE SPIDERS FROM MARS (1972)

Wie war das in den frühen Tagen mit Ihnen und Bowie, würden Sie von einer Konkurrenz sprechen?
Bis zu einem gewissen Grad. Das ging aber weniger von uns aus, als vielmehr von den Kritikern und Fans. Ich denke, wir waren sehr unterschiedlich, was den Sound betrifft. Er war viel erfahrener als wir, weil er damals schon fünf oder sechs Jahre dabei war. Wir sind zwar gleich alt, aber ich war vorher noch auf der Universität gewesen, während er bereits Alben aufnahm. Wir waren noch sehr naiv und grün hinter den Ohren in diesen Tagen. Ich habe seine Band geliebt, vor allem den Gitarristen Mick Ronson, ein sehr wichtiger Bestandteil seines damaligen Sounds. Wir haben zwei Konzerte zusammen gespielt, er hatte uns eingeladen, weil er unsere Musik mochte. Das war sehr nett von ihm. Bowie wusste ganz genau, was er wollte, während wir, teilweise unentschlossen, in alle möglichen Richtungen experimentierten. Er hat den Durchbruch in Amerika geschafft, was uns nie vergönnt war. Eine wahnsinnige Karriere, so weit sind wir nicht gekommen.

Inzwischen lebt er zurückgezogen in New York und meidet öffentliche Auftritte, sehen Sie einander?
Nein, ich habe keine Ahnung, was er macht. (Das Gespräch wurde vor der Bekanntgabe von David Bowies überraschendem Comeback geführt.) Ich führe mein Leben nicht innerhalb des Musikgeschäfts und hänge nicht mit Musikern ab. Ich kenne Johnny Marr, den Gitarristen. Und kürzlich habe ich Prince getroffen. Er war zufällig bei meiner Hochzeit zu Gast. Wir haben auf einer Insel in der Karibik gefeiert, mein Sohn hatte eine tolle Playlist zusammengestellt, ein sehr schöner Abend, und Prince war auch da. Aber sonst? Natürlich arbeite ich mit Musikern, aber ich stehe nicht in privatem Kontakt zu ihnen. Es war mir immer wichtig, dieser Szene zu entfliehen und ein anderes Leben zu haben. Mit Andy Mackay war ich natürlich befreundet, überhaupt war es bei Roxy Music noch anders, wir haben quasi alles geteilt, dieses Boys-in-the-band-Ding. Aber dann hat man eine Freundin, eine Familie und führt sein eigenes Leben. Später hatte ich nie wieder so engen privaten Kontakt mit Musikern.

BOB DYLAN
»A HARD RAIN'S A-GONNA FALL«
VOM ALBUM THE FREEWHEELIN' BOB DYLAN (1962)

Dylan habe ich auch noch nie getroffen.

Würden Sie denn wollen?
Eigentlich nicht. Bei manchen Leuten ist es besser, wenn das Bild bestehen bleibt, das man von ihnen aufgrund ihrer Arbeit hat. Was nicht bedeutet, dass ich von ihm besessen bin. Er ist einfach nur ein großartiger Künstler, ich mag all seine Sachen, habe nichts zu kritisieren.

Sie haben zu jeder Zeit viel gecovert, aber Dylan ist der einzige Künstler, dem sie sogar ein komplettes Album gewidmet haben.
Ich liebe ihn und habe eine wahnsinnige Affinität zu seiner Arbeit. Seine Texte sind gigantisch, und es macht großen Spaß, sie zu singen. Manchmal findet man keinen Zugang zu Sachen, die man covern will, aber bei ihm ist es leicht, weil er diese großartigen Texte hat. Tolle Bilder und ein fantastisches Vokabular.

Was reizt sie generell an Interpretationen fremden Materials? Sie sind sowohl Autor als auch Interpret, eine seltene Melange …
Das Tolle daran, fremdes Material zu interpretieren, ist, dass der ganze Druck des Songschreibens von einem abfällt. Ist diese Melodie gut genug? Passt der Text? Mit all diesen Fragen braucht man sich nicht zu beschäftigen. (lacht) Es ist wichtig, dass man sich das Material aneignet. Für meine Version von »A Hard Rain’s A-Gonna Fall« habe ich einen Zugang gefunden, was dazu führte, dass der Song genauso sehr von mir handelte, wie er von Dylan handelt. Eine Variation, wie im Jazz.

THE KINKS
»DANDY«
VOM ALBUM FACE TO FACE (1966)

Ich liebe »Waterloo Sunset« und »Lola«, tolle Songs.

Der Grund, weshalb ich Ihnen das vorspiele, ist natürlich der Titel. Sind Sie einverstanden mit Ihrem Image des klassischen britischen Dandys?
Ach Gott, das ist komisch. Ich mag Kleidung. Insbesondere zu Beginn meiner Karriere war mir dieser Aspekt enorm wichtig. Mit den Jahren ließ das allerdings nach, Kleidung und Auftreten, mein öffentliches Image wurden mir fast egal. Und jetzt, da ich alt bin, gewinnt es wieder an Bedeutung. Je älter ich werde, desto aufwendiger gestalte ich mein Auftreten, um überhaupt noch irgendwas herzumachen. (lacht) Es ist gut, Kleidung zu tragen, in der man sich wohl fühlt. Aber ich will das auch nicht zu hoch hängen. Ich mag die Kinks, sie waren die wahren Dandys, immer genau die richtigen Klamotten an. Und Ray Davies ist ein sehr guter Songschreiber.

DJ HELL/BRYAN FERRY
»U CAN DANCE«
REMIX DER FERRY-SINGLE VOM ALBUM OLYMPIA (2009)

Mein Sohn Isaac steckt in der Dance-Szene und kennt DJ Hell. Er legt auf und so weiter, außerdem hilft er mir bei den Album-Covers und dokumentiert unsere Arbeit. Er vermittelte den Kontakt, und Hell fragte, ob wir etwas machen wollen. Wir hatten einen Song, der noch nicht einmal fertig war, sehr untypisch für mich, ich bin eigentlich ein sehr kontrollbesessener Mensch, aber in diesem Fall gab ich ihm einen unfertigen Titel, und er hat wirklich etwas Tolles daraus gemacht.

JAKE BUGG
»SIMPLE AS THIS«
VOM ALBUM JAKE BUGG (2012)

Wie alt ist der Kerl, 18? Ich hab noch nie von ihm gehört, aber er hat eine gute Stimme. Es ist toll, wenn man sich einfach mit einer Akustikgitarre auf die Bühne stellen und loslegen kann. Das war mir nie vergönnt, ich brauchte immer zig verschiedene Sounds und zwölf Leute auf der Bühne. Kommendes Jahr hoffe ich, mit einem großen Jazz-Ensemble auftreten zu können.

RADIOHEAD
»LOTUS FLOWER«
VOM ALBUM KING OF THE LIMBS (2011)

Thom Yorke hat Sie einmal als großen Einfluss bezeichnet, beschäftigen Sie sich Ihrerseits mit neuerer Musik?
Ich fürchte, zu wenig. Überwiegend höre ich wohl leider Musik von Leuten, die bereits tot sind. Zuletzt habe ich das neue Dylan-Album gekauft, der lebt immerhin noch. (lacht)

Der Vorverkauf für die Herbsttour startet am Samstag, dem 3. Mai. Zuvor spielt Bryan Ferry zusammen mit einem Orchester noch zwei Konzerte im Juni in Leipzig.

Bryan Ferry live
08.06. Leipzig – 
Gewandhaus mit dem Leipziger Symphonieorchester
09.06. Leipzig – Gewandhaus mit dem Leipziger Symphonieorchester, zweites Konzert
06.08. Zofingen – Heitere-Platz
​24.11. Düsseldorf – Mitsubishi Electric Halle
26.11. Berlin – Tempodrom
29.11. Hamburg – CCH1 
30.11. Hannover – Swiss Life Hall
02.12. Bielefeld – Stadthalle
03.12. Frankfurt – Alte Oper
06.12. Stuttgart – Porsche-Arena
08.12. München – Kesselhaus
09.12. Nürnberg – Meistersingerhalle