Vor dem Vorhang Jerichos – Blick zurück auf OM & Dave Heumann in Leipzig

Foto: OM / Thomas Vorreyer

Göttliches Dröhnen: Dave Heumann von Arbouretum und das Stoner-Metal-Trio OM gastierten am Sonntag im Leipziger UT Connewitz – eine Rückblende.

Kaum etwas mehr als hundert Jahre ist es her, dass die ersten Lichtspielhäuser in Deutschland gebaut wurden. Bis heute steht ein solches Kino in der Leipziger Wolfgang-Heinze-Straße. 1912 eingeweiht, nach dem Ende der DDR bald geschlossen und nunmehr seit 14 Jahren wieder in Betrieb ist das UT Connewitz eine Ausnahmeerscheinung unter den Spielstätten: wulstig und merkwürdig gerundet der mächtige Gerippebau, romantisch abgesplittert seine einstige Farbhülle. Die ausladende Loge dient als schwebender Backstage, wenn unten auf der Bühne vor dem riesigen Säulentor wieder einmal Konzerte stattfinden. Das mit einem Vorhang geschlossene Tor ragt allerdings nur als täuschendes Relief einiger Zentimeter aus der glatten Wand.

Ein beinahe wieder schon sakraler Ort also, an dem das Stoner-Metal-Trio OM und Dave Heumann von Arbouretum am Sonntagabend gemeinsam das erste Deutschlandkonzert ihrer jeweiligen Touren gaben. »Musik ist unser Leben und das Leben ist unsere Musik«, hat Al Cisneros von OM mal in einem Interview gesagt. Das klingt erst mal hübsch nietzscheanisch befreiend (und wie gern würde man es in diesen aufwühlenden Tagen so verstehen), war aber exakt gegenteilig gemeint. Bei den seit 2003 aktiven OM ist schließlich mit dem Leben selbst auch die Musik mit der Last der Werte belegt. Cisneros, dieser Priester an Bass und Mikrofon, speist seine assoziativen Murmelgesang aus einem sich von Byzanz über die muslimischen Zentren bis nach Tibet spannenden Reigen religiöser Einflüsse. Die Gesänge der Sufis über Askese und Hingabe dienen dabei ebenso als Vorlage wie orthodoxe Ikonografie.

Von Frauen im Nebel, gefangenen Königen und Soldaten darf zu Beginn jedoch der scheue Mr. Heumann singen. Die Setliste noch schnell nervös wie Uni-Präsentationsnotizen notiert, die Augen weit aufgerissen und die Lippen nach vorn gestülpt, verbindet der Amerikaner Songs von seinem Soloalbum Here In The Deep mit einigen wenigen Stücken aus dem Fundus seiner Band Arbouretum. Ein in seiner Ausdehnung zwischen Waldrand und den eigenen vier Wänden räumlich beengtes Roadmovie entstand so, das schwindsüchtigen Psych-Folk, Balsam-Dream-Pop und kuschelige Americana zum Soundtrack hat. Die mitgebrachte Allstar-Band scheint etwas exaltierter spielen zu wollen als es Heumanns bedachtsame Art zulässt, dennoch fügt sich der Auftritt ganz ordentlich in den größeren Rahmen. Mit seinem langem Haar wischt Heumann wieder und wieder auch die Schwere aus dem Raum, fegt also noch mal gut durch, bevor die OM’sche Walze anrollt.

OM sind seit einigen Jahren zu dritt unterwegs. Zu Bandkopf Al Cisneros und Schlagzeuger Emil Amos, der 2008 Chris Hakius ersetzte, gesellt sich mittlerweile auch Robert Lowe, der auf der rechten Seite mit einer Tasse Tee seinen Platz findet, wo ihn auf seinem Experimentiertisch zahlreiche Effektgeräte, Synthesizer, diverse Schellentrommeln und eine Gitarre erwarten. In der ersten Reihe des ausverkauften Hauses werden schnell noch Pfeifen angezündet und böse Geister mit heiligen Glimmhölzern vertrieben. Verschenkte Liebesmüh allerdings. Welcher Geist sollte schließlich schon den dröhnenden Lärm der nächsten zwei Stunden aushalten können?

Fünf Alben haben OM bislang veröffentlicht, wenngleich das letzte, Advaitic Songs, nun auch schon drei Jahre zurückliegt. Es gibt jedenfalls genug Material für eine ausführliche Metall-Meditation. Cisneros spielt dabei den Bass mit zähem Nachdruck, der jedem einzelnen Ton nachspürt. Den dauerhängenden Kopf samt Hals scheinbar ohnehin nicht über, sondern am Brustbein verwachsen, nickt er mantrahaft in sich hinein, während Lowe gegenüber ein ganz gegensätzliches Bild der Energie abgibt: Er wirft sich auf seinem Stuhl hin und her, schmeißt die Gitarre um sich und prügelt die Tamburine auf die Handflächen. Den Unterleib wie ein Yogi unter Spannung presst er hochtönige sakrale Gesänge aus seiner Mitte, die Murmelbart Cisneros dann im Duett erwidert.

Die Musik von OM entwickelt sich nicht dynamisch, sondern wechselt zwischen einzelnen, über Minuten hinaus etablierten Zuständen hin und her. Das führt dazu, dass sich Schlagzeuger Amos in der Mitte auch mal lange Zeit abwenden und abtrocknen kann, seine stillen Becken klirren währenddessen unter Cisneros‘ mächtigem Bassbrummen. Dann wieder tritt Amos ohne Vorwarnung plötzlich eine ufermalmende Kaskade los, die die beschwingte Kopfnickerfraktion in Ekstase schleudert. Es ist Beschwörungsmusik. Hätte das falsche Theatertor des UT im Rücken der Band in Jericho gestanden, OM hätten es nicht mit ihren Amplituden einreißen wollen, sondern seine Wächter auf den Pfad der Erkenntnis hinausgelockt. Der Vorhang bleibt allerdings verschlossen und so besinnt sich Cisneros am Ende doch noch des Alten Testaments und stellt nacheinander seine drei Bässe, darunter ein Fünfsaiter, an den Verstärkerturm, um in den Saal in ein göttliches Dröhnen zu kleiden. Der Applaus der Zuschauer wird darin verschluckt. Und dennoch kehren OM für eine Zugabe zurück: Das zehnminütige »Pilgrimage« allerdings flirrt eigentümlich schwach vor sich her. Es ist, als hätte man längst einen neuen Zustand erreicht. Die Geister vertrieben, die Last der Werte endlos verstärkt.

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