Viva Mexico, hijos de la Chingada!

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Fotos — David Fischer & Francisco Mata Rosas

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El Principio

Mein erster Toter liegt zwischen Villahermosa und Veracruz am Straßenrand. Ich fahre mit hundertvierzig Sachen auf der zweispurigen Carretera Federal 180 gen Norden und starre in den Rückspiegel. Da liegt er. Ein Bündel Mensch, wie abgeknickt, daneben ein Fahrrad. Und niemand hält an, die fahren einfach alle weiter.

   Ich weiß nicht, was ich tun soll. Aber ich weiß, was ich nicht tun soll. »Du siehst nicht hin, hältst nicht an, fährst weiter und kümmerst dich um deinen eigenen Scheiß«, hat José in Mexiko City gesagt. Wir saßen in der Bar Florida und tranken Bier und Tequila, während sich die Straßennutten in ihre Arbeitskleidung zwängten und Pedro Infante in der Jukebox von der Liebe sang. Das war vor acht Wochen. Danach bin ich kreuz und quer durch dieses Land gereist, auf der Suche nach … ich weiß nicht. Abenteuer? Erkenntnis? Einer Nahtoderfahrung, um endlich wieder zu begreifen, wie schön es ist, am Leben zu sein?

   Seit sechs Jahren ist Mexiko in der Wahrnehmung der Welt eine Mördergrube, ein Horrorfilm, der immer härter wird, eine Nation in den Klauen eines Krieges ohne Front und Hoffnung. Aus der Ferne verschwimmt das alles in der Verdichtung der Zahlen und Bilder zu einem Kaleidoskop des Grauens. Aber wie ist es vor Ort? Wie leben die Menschen in einem Land, in dem Leichen von den Brücken baumeln? Und was macht man als gelangweilter Deutscher mit vorgezogener Midlifecrisis, wenn man neben einem Kaktus kniend in die Mündung einer Kalaschnikow guckt?

   »Du kackst dir in die Hosen und rufst nach deiner Mama«, sagte José, zeigte mir seine vernarbte Schusswunde am Bauch und erzählte ein paar Gruselgeschichten, als wolle er mir die Mühe der Selbsterfahrung ersparen. Mexiko ist voll von diesen Geschichten. Sie handeln von Entführungen, zerstückelten Leibern, korrupten Polizisten und Politikern, von wahnsinnigen Gangstern, von Folter, Frauenmorden, klimatisierten Schmuggeltunneln, zu Panzern umgebauten LKWs, kriminellen Heiligen, heiligen Kriminellen und unschuldigen Opfern, die zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Touristen kommen in diesen Geschichten, die übrigens fast alle wahr sind, eher selten vor. Die Regierung betont immer wieder, dass sich unter den seit 2006 offiziell gezählten 60.000 Toten des Drogenkrieges nicht ein ausländischer Urlauber befinde. »Klar«, krächzte José, »was sollen die auch sonst sagen? Flieg lieber nach Cancún in eines der Ressorts, besauf dich, such dir ne Chica und genieß das Leben, aber halt dich fern vom Hinterland. Mit Typen wie dir füttern die Narcos ihre Kinder, kapiert?« Nein.

   Nach zwei Kilometern wende ich an einer Kreuzung und rase die 180 zurück zu meinem ersten Toten. Vielleicht ist er ja noch zu retten.

La Historia

Wer dieses Land verstehen will, fängt am besten hinten an. Bei den Mayas, Olmeken und Azteken, diesen hoch entwickelten Urvölkern mit ihrer Mathematik, ihren Pyramiden und Kunstwerken. Als der spanische Konquistador Hernán Cortés 1519 in der Nähe von Veracruz an Land ging und seine Schiffe vernichten ließ, um sich und seinen Männern den Rückweg unmöglich zu machen, empfing der Aztekenherrscher Moctezuma den wie einen Gott verehrten Fremden mit Goldgeschenken. Zwei Jahre später waren die indigenen Völker versklavt oder vernichtet, den Rest erledigten die Pocken. In den Adern der meisten Mexikaner fließt indianisches und spanisches Blut. Die Kultur des Landes ist ein Mix aus indigener Tradition und europäischen Einflüssen. Die erste Zeile der mexikanischen Nationalhymne lautet: »Mexikaner zum Schrei des Krieges.« Das Nationalwappen zeigt einen Adler, der eine Schlange reißt. Die Frage ist, wer die Schlange ist und wer der Adler.

   Seit der Unabhängigkeit von Spanien ringen die Mexikaner mit sich selbst. Ungerechtigkeit führte zu Unruhen, die zu Revolutionen führten, deren Sieger das Land dann wieder gegen die Wand fuhren. Einigkeit war nie, und Stabilität herrschte erst nach 1929 unter der Partei der Institutionellen Revolution (PRI), die bis 2000 quasi diktatorisch das Land regierte und einen wirtschaftlichen Aufschwung ermöglichte, der heute als Mexikanisches Wunder gilt. Doch unter der PRI, die im Juli dieses Jahres wiedergewählt wurde, bildeten sich auch die Mechanismen der Korruption heraus, die Politik und Kriminalität nachhaltig ineinander verzahnten und dazu führten, dass die Narcos genannten Drogenbarone aus dem Innersten der Gesellschaft heraus nahezu ungestört agieren konnten, weswegen sie seit Jahren die eigentlichen Herrscher des Landes sind. Joaquín ›El Chapo‹ Guzmán, Sohn eines Viehzüchters, gilt als der mächtigste Drogenboss der Welt. Der Oligarch Carlos Slim ist der reichste Erdenbürger. Guzmán setzte auf Kokain & Co., Slim manifestierte seinen Reichtum 1990 mit dem Erwerb der staatlichen Telefongesellschaft Telmex.

   Trotz des Wirtschaftswachstums steigt die Armut, bedingt durch Privatisierungen, Ausbeutung, das Freihandelsabkommen und den Rückgang ausländischer Investitionen und Touristenzahlen als Folge der Gewalt. Derzeit gilt fast die Hälfte der 112 Millionen Menschen im Land als arm. Sieben Millionen Jugendliche haben weder Arbeit noch Ausbildung. Hier rekrutieren die Narcos den Nachwuchs. Die Geschichte dieses Landes ist auch eine Geschichte der Selbstzerstörung. Oder wie es der mexikanische Philosoph und Poet Octavio Paz in seinem Labyrinth der Einsamkeit genannten Essay zum Selbstverständnis seines Landes ausdrückte: »Die Geschichte des Mexikaners ist die eines Menschen, der nach seiner Herkunft, seinem Ursprung sucht. Von spanischer und französischer Kultur, von Indigenismo und Pochismo beeinflusst, durchzieht er die Geschichte wie ein dann und wann aufblitzender Komet aus Jade. Doch welches Ziel hat er in seinem exzentrischen Lauf? Er strebt seiner Katastrophe zu: Er möchte wieder Sonne werden und zum Zentrum des Lebens zurückkehren, von dem er eines Tages – durch Conquista und Independencia – getrennt wurde.«

El Presente

Es ist unmöglich, einen Tag in diesem Land zu verbringen, ohne eine Waffe zu sehen. Polizisten und Soldaten patrouillieren in den Straßen mit Sturmmasken über dem Gesicht und Maschinengewehren im Anschlag. Man gewöhnt sich daran. Auch an die Kontrollpunkte. Ohne die ständige Präsenz der Staatsmacht und die Fotos der Toten auf den Titelseiten der Tageszeitungen könnte man glatt vergessen, dass man sich in einem Land aufhält, das sich mit sich selbst im Krieg befindet. Mexiko City, Veracruz, Guadalajara – das sind auch auf den zweiten und dritten Blick ganz normale Metropolen. Im Zentrum wachsen neue Bürogebäude in den Himmel, Busse und Bahnen sind überfüllt, und nachts tanzen die Hipster kiffend und koksend zu Techno und Dubstep in den Clubs über den Dächern der Stadt, deren Außenbezirke hinter einem Smogschleier schimmern – dort, wo die Armen in Vierteln leben, deren Straßen keine Namen haben.

   Wer sich blöd anstellt, wird vielleicht ausgeraubt, aber das kann einem auch in Bochum passieren, also ab ins Hinterland, Nahtoderfahrungen sammeln.

   Erste Station: Culiacan, die Hauptstadt des von El Chapo angeführten Sinaloa-Kartells im Nordwesten des Landes und Heimat der mächtigsten Drogenbarone. Zur Einstimmung ein Sprichwort: »Ich kam nach La Paz, und sie haben mir die Stadt gezeigt. Ich kam nach Villahermosa, und sie haben mich schön gemacht. Ich kam nach Culiacan, und sie haben mich gefickt.«

   Die Stadt liegt in einer Ebene, umgeben von den Ausläufern der Sierra Madre, der riesigen Gebirgskette Mexikos. Auf den Feldern wachsen Tomaten, Bohnen, Mais und Kartoffeln, in den Bergen Marihuana und Opium. Ich hatte Straßen voller Nobelkarossen erwartet, Luxusläden und Paläste, aber die Häuser sind klein, die Verkehrsschilder rostig, die Straßen rissig. Dass hier irgendwas anders ist, merkt man an den Blicken der Menschen. Sie wirken verstohlen, skeptisch, und nach ein paar Stunden begreife ich auch warum. Ich bin der einzige Tourist in dieser Stadt und daher verdächtig. Nur: Warum überfällt mich niemand? Entführt mich, raubt mich aus, rammt mir eine Knarre in den Mund! Selbst nachts in den dunkelsten Gassen beäugen mich die Halbstarken lediglich, als sei ich ein armer Irrer, der sich verlaufen hat. Vielleicht liegt’s daran, dass ich mager bin und schäbig gekleidet. Wichtigste Regel für gefahrlosen Gefahrentourismus: Sieh aus wie ein Lump, dann will dich auch niemand.

   Am nächsten Tag besuche ich die Capilla de Malverde – eine Baracke, die in Spuckweite zum Gouverneurspalast liegt, und in der die Menschen zum mexikanischen Schutzheiligen aller Banditen beten: Jesus Malverde. Die Wände sind voller Familien- fotos, Dollarnoten und Danksagungen. Es riecht nach Räucherstäbchen. Ein paar zwielichtige Gestalten lungern herum, ein Mann mit Akkordeon besingt für Geld in sogenannten Narcorridos die Taten verstorbener Gangster, und alte Frauen verkaufen Mützen, T-Shirts und Schlüsselanhänger, auf denen das Konterfei des Heiligen prangt, von dem niemand weiß, ob er wirklich gelebt hat. Später hält eine schwarze Großraumlimousine, ein Mann im Anzug steigt aus, geht vor dem Schrein in die Knie und verschwindet wieder. Könnte ein Narco gewesen sein, ein Banker, ein Politiker oder alles zusammen. Die Kartelle haben sich in den vergangenen Jahren zu international operierenden Unternehmen entwickelt, die enorme Umsätze machen – laut einer Studie 64 Milliarden Dollar im Jahr 2011 allein mit dem Verkauf von Drogen in die USA. Von den Bossen trägt niemand mehr Cowboyboots aus Schlangenleder, wie die Prolls in den Musikvideos der Narco-Bands oder die durchgeknallten Klischee-Banditos aus dem mexikanischen Kultfilm El Infierno. »Die machen Business und sehen auch so aus«, sagt zumindest Esteban Ramirez, der Taxifahrer, der mich dahin fahren soll, wo Typen wie ich normalerweise nichts zu suchen haben. »Die gehen auch nicht mehr in die Kapelle, die haben ihren eigenen Schrein, und El Chapo ist sowieso nicht mehr hier, der ist in Guatemala.« Esteban lebt seit 54 Jahren in Culiacan und freut sich, dass mal jemand von außerhalb vorbeigekommen ist. Wir schlendern durch die Jardines del Humaya, den Friedhof der Narcos, in dem in protzigen Mausoleen die Toten ruhen.

   In jeder der irrwitzig geschmacklosen Minivillen steht ein Foto des Verstorbenen; die meisten von ihnen waren dickliche junge Männer, kaum älter als 30.

   »Die leben schnell und sterben jung«, sagt Esteban anerkennend, aber ansonsten sei Culiacan sicher, das möge ich doch bitte all meinen Freunden sagen. Und was ist mit den 50 bis 60 Menschen, die jeden Monat in Sinaloa ermordet werden? »Berufsrisiko«, meint Esteban. »Wer sich aus den Geschäften des Kartells raushält, hat auch nichts zu befürchten.«

   Das ist das, was man als Ausländer in Mexiko von Leuten zu hören bekommt, die Angst davor haben, dass keine Ausländer mehr ins Land kommen. Nun gibt es aber Dutzende Berichte über die Leiden jener Mexikaner, die unfreiwillig zwischen die Fronten der sich bekriegenden Gruppen geraten sind. Allein im vergangenen Jahr flüchteten mehr als 160.000 Menschen aus ihren Heimatorten. Und was ist mit den Frauenmorden von Ciudad Juárez und den Massengräbern voller Migranten aus Honduras und Guatemala, die sich weiger- ten, Drogen in die USA zu schmuggeln? Was ist mit den ermordeten Journalisten, Bürgerrechtlern und Eltern verschwundener Kinder, mit denen, die zu viele Fragen stellten? Esteban seufzt.

   Wir fahren zur Gated Community Culiacans, einer Stadt in der Stadt, in der sich die Reichen verschanzen – Eintritt nur gegen Bestechung des Wachpostens. Zwischen Geländewagen, protzigen Villen US-amerikanischen Stils und einem künstlich angelegten See rückt der Taxifahrer mit der Sprache raus: »Weißt du, früher war alles in Ordnung. Die Narcos machten ihr Ding, Polizei und Politik machten mit, und wir hatten unsere Ruhe. Das Problem waren nicht Leute wie El Chapo, die haben viel für diese Stadt getan. Die Probleme begannen, als Präsident Calderon vor sechs Jahren den Kartellen den Krieg erklärte. Schlägst du einen Kopf ab, wachsen drei neue nach und kämpfen mit allen Mitteln um die Macht. Früher haben die Narcos mit Drogen gehandelt, in die Wirtschaft investiert und dafür gesorgt, dass sich alle an die Regeln halten. Heute fühlt sich jeder Idiot zum Banditen berufen und mordet ohne Anstand und Moral. Die Kriminalität hat sich in alle Bereiche des Lebens ausgebreitet, und es gibt keinen starken Mann mehr, der das verhindern könnte. Stattdessen schickt der Staat als Polizisten verkleidete Bauern aus dem Süden, die wild um sich ballern und für ein iPhone ihre Großmutter verkaufen würden. Wenn es in Culiacan einigermaßen sicher ist, dann deswegen, weil das Sinaloa- Kartell hier noch das Sagen hat.«

   Ich weiß nicht, was ich von seinen Ausführungen halten soll, weil ich nämlich nichts weiß, also rauche ich ein bisschen. Esteban fährt mich in die Armensiedlung und bittet um eine Zigarette; die erste seit fünf Jahren, wie er sagt. Die Häuser sind aus Stein, es gibt Strom und fließend Wasser. Keine Ahnung, ob das an den Tomaten liegt oder am Kokain. Esteban weiß es auch nicht. Vielleicht will er es nicht wissen. Er wirkt plötzlich traurig, als habe er sich diese Stadtführung anders vorgestellt. Zum Abschied stelle ich ihm noch zwei Fragen. Wann wird dieser Krieg enden? Er lacht, es ist eher ein Bellen, und bittet um eine letzte Zigarette. »Wenn die Nordamerikaner die Drogen legalisieren und unser Land all seine Söhne und Töchter aus eigener Kraft ernähren kann – also nie.« Und wohin soll ich auf keinen Fall fahren, wenn mir mein Leben lieb ist? »In die Berge. Hüte dich vor den Bergen!«

La Sierra

Um das gleich mal vorweg zu nehmen: In den Bergen ging’s mir auch nicht an den Kragen. Irgendwann habe ich einem besoffenen Farmer eine Flasche Tequila spendiert, damit er mich mal in den Lauf seiner Knarre gucken lässt. Ja, das klingt wie Hohn in Anbetracht der Gräuel, die sich tagtäglich in Mexiko ereignen. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur anbringen, dass ich im Dienste der Leser keine Gefahren scheute und außerdem so dermaßen voll war mit reinstem Kokain, dass mir allein beim Gedanken daran die Schädeldecke wegfliegt. (Das Koks schmeckte übrigens nach Blut, aber das kann auch Einbildung gewesen sein.)

   Jedenfalls fuhr ich ins Gebirge und zwar mit der Bahn. Die Bahn war alt, hieß El Chepe und ratterte mitten rein in den Barracua del Cobre, den Kupfercanyon, ins Herz der Sierra Madre Occidental. Auf einer Plattform zwischen zwei Waggons lernte ich meinen ersten Narco kennen. Er hieß Cruz Horacio und befand sich auf dem Weg zu einer Marihuanaplantage in den Bergen, auf der er seit dem Winter arbeitet, nachdem er nach achtjähriger Haft wegen Drogen- handels aus dem Knast in Tucson/Arizona entlassen wurde. Ach, die USA – Todfeind, Tropf, gelobtes Land. Während des Zweiten Weltkrieges förderten sie den Opiumanbau in Sinaloa, weil sie das Zeug für die Produktion von Schmerzmitteln brauchten, da aus Asien nichts mehr kam. Das Opium machte aus Bauern Millionäre, in manchen Regionen wurde nichts anderes mehr gepflanzt, und als die USA nach dem Krieg Anbau und Handel verbieten ließen, verlegten sich die Mexikaner eben auf die illegale Produktion und das Schmuggelgeschäft. Noch immer sind die Amerikaner Hauptabnehmer für Marihuana, Koks, Heroin, Crystal Meth und Ecstasy. Im Gegenzug verkaufen sie Waffen, Autos und Luxusgüter nach Mexiko, und wie viele Milliarden Dollar Drogengeld auf den Konten US-amerikanischer und Schweizer Banken lagern, lässt sich nur ahnen. »Für meine Generation gibt es drei Möglichkeiten«, sagte der 28-jährige Cruz, während er mir seine Graspfeife reichte. »In Mexiko arbeiten und arm bleiben, illegal in den USA arbeiten und Geld verdienen oder irgendwas mit Drogen machen und reich werden.«

   Dann hielt der Zug auf offener Strecke, Cruz sprang ab und verschwand in der Nacht. »Mexiko ist so einsam wie jeder seiner Söhne«, schrieb Octavio Paz. So langsam fühlte ich mich wie einer von ihnen.

   Drei Wochen blieb ich in den Bergen, ritt mit einem Indio namens Geronimo in den Canyon, lebte bei Familie Diaz auf einer Ranch bei Divisadero, die angeblich einst der Bandit, Revolutionsführer und Nationalheld Pancho Villa gegründet hat, und verbrachte ein paar Tage als einziger Gast in einem Luxushotel mit sechzig Zimmern und einem atemberaubenden Blick in die Schlucht. Je mehr ich über diese Nation erfuhr, desto weniger verstand ich sie. Die Mexikaner lieben ihr Land und verachten ihre Herkunft. Sie hassen die USA, kopieren aber deren Lebensstil und trinken Coca Cola wie Wasser. Die Gesellschaft ist durchdrungen von einem archaischen Machismo, aber selbst in den entlegensten Regionen begegnen einem Schwule, die derart offensiv flamboyant sind, dass man in Deutschland um ihre Sicherheit fürchten müsste. Die Nationalheilige ist die Jungfrau von Guadalupe, Symbol für Reinheit und Güte, ihr Gegenstück ist die Chingada, die geschändete Mutter, und auf jeder Fiesta brüllen früher oder später die besoffenen Männer: »Viva Mexico, hijos de la Chingada!« Hijos heißt Söhne …

   Die Menschen sind höflich, oft herzlich, sobald sie merken, dass man kein Amerikaner ist, doch sie öffnen sich nicht, bleiben verschlossen, auch untereinander, man schweigt – bis zur nächsten Fiesta, wenn sich alles in einer überbordenden Lebensbejahung entlädt, und der Mexikaner »die Mauer seiner Einsamkeit übersteigt, die das ganze Jahr über ihn umschließt.« (Octavio Paz) Die Verschwendung macht stark, man lacht dem Jenseits ins Gesicht, denn »unser Totenkult ist ein Lebenskult, wie die lebenshungrige Liebe Sehnsucht nach dem Tod.« (Schon wieder Paz) Und dann: die Angst. Wer nicht unmittelbar betroffen ist, verleugnet sie, und auch die Betroffenen schweigen meist – auch aus Ohnmacht, denn niemand weiß, wer morgen der Herrscher im Dorf ist, wer in wessen Diensten steht, wo die Front verläuft zwischen den Kartellen, die überall um Einfluss kämpfen. Maria Palma Medina, die Besitzerin des verwaisten Luxushotels, drückt es so aus: »Ja, wir haben Probleme. Aber dieses Land ist groß. Die meisten von uns leben in Frieden. Ist dir auf deiner Reise Böses widerfahren?« Nein, im schlimmsten Fall Gleichgültigkeit. Maria hebt die Hände zum Himmel, als hätte sie’s schon immer gewusst. Nur die Köchin des Hotels, die ihren Namen nicht nennen will, lässt tiefer blicken: »Natürlich haben wir Angst, dass der Krieg auch irgendwann zu uns kommt. Nicht in dieses Hotel, die Narcos interessieren sich nicht für Touristen. Aber in unser Dorf, in die Viertel, in unsere Familien. Wir sind machtlos, ganz Mexiko ist machtlos. Gegen Männer, die Milliarden machen, gibt es keine Waffen.«

   Sie reicht mir einen mit Salsa und Bohnen- mus gefüllten Burrito. »Vor drei Jahren haben sie in Chihuahua meinen Vetter erschossen. Er hat mit den falschen Leuten getrunken.«

El Final

In den Bergdörfern lassen die Menschen die Türen unverschlossen, in der Bundeshauptstadt Chihuahua, auf der Hochebene, haben sie ihre Häuser mit Gittern verrammelt; sie sehen aus wie Gefängnisse. Hier ist die Angst wie Gift in die Gesellschaft gesickert, und trotzdem lachen die Leute zurück, wenn man sie anlacht. Ich fühle mich dumm und albern in meiner Suche nach Gefahr, nehme mir einen Mietwagen und fahre gen Süden, genieße die Natur, die Kultur, das Essen und die Herzlichkeit der Menschen dieses riesigen Landes, das zwischen den Extremen bebt und lebt und zerrissen wird von der ungebremsten Gier nach Macht und Geld.

   Auf der Straße zurück nach Norden, nach Veracruz, wo die Reise enden soll, dann mein erster Toter. Als ich endlich bei ihm bin, liegt er immer noch genau so da, und die Autos zischen an uns vorbei. Warum ruft denn niemand einen Krankenwagen? Oder die Polizei? Was ist denn los mit euch? Der Tote ist mager, trägt zerschlissene Kleidung, sein Körper ist verdreht. Zitternd beuge ich mich hinab und taste ohne Hoffnung nach seinem Herzschlag. Als ich ihn spüre, springe ich zurück. Mein erster Toter – er lebt! Ich schütte ihm Wasser ins Gesicht, verpasse ihm ein paar Ohrfeigen; irgendwann schlägt er die Augen auf. Ich helfe ihm hoch. Schwankend steht er da und stiert mich an. Dann kotzt er mir auf die Schuhe, grinst und fällt wieder um.

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Diane Kennedy
The Art Of Mexican Cooking
Clarkson Potter

John Reed
Eine Revolutionsballade: Mexiko 1914
Eichborn

Don Winslow
Tage der Toten
Suhrkamp

Octavio Paz
Das Labyrinth der Einsamkeit
Suhrkamp

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www.hellonearthblog.com
www.borderlandbeat.com
www.visitmexico.com

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