Review und Video: Virginia Wing Measures of Joy

Öffnen die Ghost Box ohne hineinzufallen: Virginia Wing liefern auf ihrem Debüt Measures Of Joy Zeitloses im Retro-Gewand. Schon vor der Veröffentlichung am 7. November gibt’s jetzt das Video zum Song »Marnie«.

Hände hoch, wer Broadcast vermisst! Es gibt gute Neuigkeiten, liebe Leser: Eine gespenstische Wiederauferstehung hat sich vollzogen. Als Trish Keenan 2011 an den Folgen einer Lungenentzündung unzeitig verstarb, nahm sie ein nicht unwichtiges Kapitel der jüngeren Psychedelia-Geschichte mit sich ins Grab. Das Debüt der Süd-Londoner Band Virginia Wing knüpft genau da an, wo das poppig-verwunschene The Noise Made By People anno 2000 aufhörte. Sängerin Alice Merida Richards klettert mit gleicher Nico-artiger Apathie die Akkordleitern rauf und runter, schafft ebenso ätherische wie einprägsame Hooks, während die Tomtoms über galaktische Synth-Leuchtstreifen galoppieren. Mal gibt Richards das Unschuldslämmchen mit Mädchenstimme, mal die psychotische Sektenführerin mit Spoken-word-Litaneien und singt Lieder wie LSD-Träume: »You dreamt yourself as a tree / Without stretched arms.« Das alles ist so sehr Broadcast, dass es einem kalt den Rücken runterlaufen könnte. Optisch passend trägt Richards sogar den Keenan-Gedächtnispony.

Doch frei nach der »Besser gut geklaut …«-Weisheit stößt diese Tatsache kein Stück sauer auf. Denn Virginia Wing, die sich aus Mitgliedern der Bands La La Vasquez, Dirty Money und Let’s Wrestle zusammensetzen, bezeugen auf Measures Of Joy bemerkenswertes Songwriting-Talent. Immer wenn die »Ah-aahs« sich selbstverliebt im endlosen Hallraum zu verlieren drohen, werden sie in wunderbaren Popmelodien wieder aufgefangen. Auf instrumentale Interludes mit SciFi-Gewaber folgt eine vorwärts gewandte Gitarrenwand. Nichts ist unentschlossen, alles gut ausbalanciert. Virginia Wing verneigen sich vor dem obskuren Sound der Sechziger, sind sich aber hörbar des Jahres 2014 bewusst. Gegen Ende des Albums durchbrechen sie sogar immer öfter die Klangnebelwand, klingen direkter und spielerischer und zeigen mit dem an Warpaint erinnernden »Read The Rules«, wohin es zukünftig noch gehen könnte.

Das ist retro, ja. Virginia Wings Debütsingle erschien konsequent nur auf Kassette, seinen ersten Gig spielte das Trio in einem Vinyl-Plattenladen, benannt wurde die Band außerdem nach der Mutter von Grace Slick, ihres Zeichens Sängerin von Jefferson Airplane. Aber gleichzeitig klingt das Album zeitlos, im Sinne von: keiner Zeit definitiv zugeordnet. Virginia Wing haben die Ghost Box geöffnet, sind aber glücklicherweise nicht reingefallen, und ihre Songs klingen noch lange nach. Broadcast, wir werden euch immer vermissen, aber mit Virginia Wing habt ihr würdige Erben gefunden.

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