Villagers Darling Arithmetic

Conor O‘ Brien alias Villagers versucht sich mit Darling Arithmetic an der problematischsten aller musikhistorischen Kategorien: dem Trennungsalbum.

Die vor acht Jahren in Dublin gegründeten Villagers gelten als so etwas wie die europäischen Bright Eyes für Nachgeborene. Nicht nur teilt man sich mit der Band aus Omaha einen ähnlich Folk-geerdeten und von juvenilem Sturm-und-Drang-Duktus durchdrungenen Indierock, auch sorgen die in ihrer stilistischen Bipolarität zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt oszillierenden Songs dafür, dass sich die Emocore-Jugend bislang ganz gut auf beide Acts einigen konnte. Und schließlich handelt es sich in beiden Fällen um nur schlecht kaschierte Soloprojekte von zwei Leadsängern, die sich auch noch Stimmlage und Vornamen teilen.

Doch während Conor Oberst das System US-Folkrock immer schon aus sich selbst heraus transzendierte, war Conor O’Briens Zugriff auf die Formprinzipien des Folk immer schon ein externer. Als sicherlich auch territorial begründete Aneignung von außen loteten die Villagers auf bislang zwei Alben die Grenzen des Genres konsequent aus, indem sie es mit stilfremden Songstrukturen kollidieren ließen und sich im jugendlichen Übermut auf so herrliche Weise selbst überforderten, als hätten Radiohead ein Country-Album aufgenommen. Nun hat sich das Milchgesicht O’Brien einen verwegenen Vollbart wachsen lassen und zurückgezogen im eigenen Heimstudio im Alleingang das dritte Villagers-Album aufgenommen. Die visuelle Erwachsenwerdung des Eigenbrötlers deutet es bereits an: Darling Arithmetic ist ein sogenanntes »persönliches Album« geworden, mehr noch gehört es zur problematischsten aller musikhistorischen Kategorien: Es ist ein Trennungsalbum.

Diesem scheint ein Sound reserviert zu sein, der möglichst ernsthaft, intim und zurückgenommen – vulgo: unplugged – Authentizitätswille, künstlerischen Anspruch und persönliche Befindlichkeiten unter einen Hut bringen will und der damit die mitunter humorärmsten, selbstmitleidigsten Dokumente der jüngeren Musikgeschichte hervorgebracht hat. Nur wenige Ausnahmen – Marvin Gaye etwa tanzte auf seinem Scheidungsopus Here My Dear durch die (Gerichts-)Instanzen, Bob Dylan nahm einige zu wehleidige Songs von Blood On The Tracks in schmissigeren Versionen neu auf – bestätigen hier die Regel dieser sentimentalen Riege, in die sich Darling Arithmetic als hermetisch geschlossene Abhandlung über Schuld, Schmerz und Sühne einreiht.

Wiederum orientiert sich O’Brien eine Spur zu ehrfurchtsvoll an einem US-Kollegen: an Becks epochalem Herzschmerzepos Sea Change, dessen reduziertes Gesang-und-Gitarre-Setting nicht von ungefähr von Radiohead-Hausproduzent Nigel Godrich mit dem ökonomischen Einsatz von schwebenden Synthieflächen gezielt überhöht wurde und das Album letztendlich davor bewahrte, allzu sehr in die Niederungen des eigenen Gefühlshaushalts abzurutschen. Diesen jenseitigen Glanz versucht nun auch O’Brien zu simulieren, wenn er im zweiten Drittel von jedem der neun neuen Songs fast entfesselt den Hall-Knopf betätigt, um wie mit einem reduzierten Rave-Signal zu markieren, dass es jetzt um etwas wirklich Wichtiges geht. Das unterläuft in seinem reflexhaften Automatismus nicht nur jedwede vermeintlich aufrichtige Intention, es unterstreicht auch noch mal, warum Darling Arithmetic nicht die große Überraschung ist, als die es die Plattenfirma gerne vermarkten würde. Vielmehr schmiegt es sich wie eine zarte Zäsur an den noch jungen Villagers-Kanon. Doch wie man jeden Trennungsschmerz irgendwann wieder hinter sich lassen will, wird wohl auch Darling Arithmetic nur eine Momentaufnahme bleiben.

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