Villagers {Awayland}

Villagers {Awayland}
Villagers
{Awayland}
Domino / Rough Trade — 11.01.2013

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Möglicherweise wird Conor J. O’Brien aus Dublin dasselbe Schicksal ereilen wie Patrick Wolf und Conor Oberst: nämlich auf alle Zeiten das »musikalische Wunderkind« zu bleiben, selbst wenn der betreffende Künstler das 30. Lebensjahr längst überschritten hat oder wie O’Brien gerade kurz vor dessen Vollendung steht. Es ist aber auch zu verlockend, in dieses schöne und, äh, reine Jünglingsgesicht die eigene Sehnsucht nach ewiger Jugend hineinzuprojizieren. Wenn das Wunderkind dann auch noch sagt, es habe versucht, für das neue Album die Sichtweise eines Neugeborenen einzunehmen, dann ist der romantische Peter-Pan-Komplex so gut wie besiegelt.

   Vielleicht hat Conor O’Brien aber auch Glück, und die Leute gucken nicht nur in seine großen, runden Augen, sondern hören ihm weiter aufmerksam zu. Becoming A Jackal, sein erstes Album als Villagers (unter diesem Namen tritt er mal allein, mal in Begleitung weiterer Musiker auf), war eine der großen Überraschungen des Jahres 2010 und half, das Ende seiner früheren Band The Immediate zu verschmerzen. Bei aller Schönheit war Jackal ein ziemlich autistisches Werk, O’Brien spielte alle Instrumente selbst und wollte niemanden im Studio dabei haben. Er sei glücklich mit einem Song, wenn »etwas von außen« einen Beitrag geleistet hätte, ließ O’Brien verlauten, und damit meinte er keine anderen Menschen, sondern etwas Unbeschreibbares, ein genialisches, aber auch einsames Je-ne-sais-quois.

   Das zweite Villagers-Album {Awayland} ist anders, in vielerlei Belangen. Villagers sind jetzt offiziell eine Band, zumindest für diese Platte. Nach langen gemeinsamen Konzertreisen war klar, dass {Awayland} kein Soloding werden kann. »I’m grateful for the company«, heißt es im »Grateful Song«, und O’Brien lässt Begleitung zu: Die Beteiligung von Cormac Curran, Danny Snow, James Byrne und Tommy McLaughlin ist deutlich spürbar, die Arrangements sind üppiger, intensiver, orchestraler als auf dem puristischen Debüt, und manchmal, bei »Nothing Arrived« zum Beispiel, gibt es sogar ein bisschen Indie-Rock.

   Erkennbar ist auch, dass O’Brien Inspiration bei den Lieblingsbands seiner Teenagerzeit suchte und in den zwei Jahren zwischen den beiden Villagers- Alben viel Portishead, Aphex Twin, Detroit-Techno und Krautrock hörte. Im Schlusstrack singt O’Brien: »I love how the rhythm composes you«, was ein echtes Statement ist für einen, der als Singer-Songwriter im Geiste Leonard Cohens, Elliot Smiths oder – ein wenig jünger beziehungsweise lebendiger – Paddy McAloons gilt. Stücke wie »Earthly Pleasure« und die mit Paul-Simonesken »Late In The Evening«-Rhythmustricksereien aufwartende Single »The Waves« sind schon fast a kind of Disco, nur eben mit sehr elaborierten Lyrics und dramatisch eingesetzten Stilelementen wie der fiependen Synthie-Techno-Fanfare zum atemlos wiederholten Satzfragment »approaching the shore, approaching the shore …«

   Wiederholungen, Schleifen, Loops in Text und Ton bestimmen auch »Passing A Message« und das in einem instrumentalen Rausch endende »Judgement Call«, aber sie stehen nicht für ein Kreisen um sich selbst, sondern sind Ausdruck des erweiterten Horizonts eines, äh, Wunderkinds.

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1 KOMMENTAR

  1. […] Villagers {Awayland} Domino »Das zweite Villagers-Album {Awayland} ist anders, in vielerlei Belangen. Villagers sind jetzt offiziell eine Band, zumindest für diese Platte. Nach langen gemeinsamen Konzertreisen war klar, dass {Awayland} kein Soloding werden kann. ›I’m grateful for the company‹, heißt es im ›Grateful Song‹, und O’Brien lässt Begleitung zu: Die Beteiligung von Cormac Curran, Danny Snow, James Byrne und Tommy McLaughlin ist deutlich spürbar, die Arrangements sind üppiger, intensiver, orchestraler als auf dem puristischen Debüt, und manchmal, bei ›Nothing Arrived‹ zum Beispiel, gibt es sogar …« — die gesamte Rezension zum Album der Woche findet sich hier. […]

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