Vill Vill Vest: Die Kleinstadt mit der Großstadtszene / Rückblende

Misty Coast von Kristoffer Øen

Am Wochenende fand im norwegischen Bergen zum ersten Mal das Branchenfestival Vill Vill Vest statt. SPEX reiste hin kam mit einer Handvoll musikalischer Entdeckungen und einer Liebeserklärung von Thurston Moore zurück.

Eigens für unser aller Lebenszeitknappheit haben die Entscheidungsträger der Musikbranche das Showcase-Festival erfunden. Es ist die Batteriehühnerhaltung unter den Festivalkonzepten: Jede Band spielt nur eine halbe Stunde, und schon beginnt im nächsten Club das nächste Konzert. So sah man auch auf dem Vill Vill Vest im norwegischen Bergen vergangenes Wochenende die modisch beflissene Branchen-Crowd durch die spätkapitalistische Idylle hasten. Es gab schließlich einiges zu verpassen: Fast fünfzig Bands vornehmlich von der norwegischen Westküste spielten an zwei Abenden in den Clubs der zweitgrößten Stadt des Landes.

Gelesen wurde zwischendurch auch: Thurston Moore war eingeladen, die von ihm herausgegebene englische Übersetzung der Memoiren des Mayhem-Bassisten Jørn »Necrobutcher« Stubberud The Death Archives: Mayhem 1984-94 zu präsentieren. In plauderhafter Großzügigkeit erzählt Moore von seinem Verhältnis zum norwegischen Black Metal: Er sei mit dem Heavy Metal der Siebzigerjahre aufgewachsen und über Bands von der US-Westküste zum Speed Metal gekommen. »Mir fehlte dort aber der Kontrollverlust des Punks.« Zum norwegischen Black Metal kam er über Mayhem. Anfang der Neunziger explodierte dort die Szene: Mord, Selbstmord und Kirchenbrandstiftungen. »Vieles an Metal war so corny. Aber wenn Black Metal corny war, war das entschuldbar, weil er so kaputt klang.« Zu rechten Tendenzen im Black Metal meint Moore: »Ich merkte, das hat nichts mit Menschen zu tun, es geht nur um Hass.« Und Moore beantwortet in der Großzügigkeit eines Märchenonkels gar fragen zu Kurt Cobain: »Nirvana versuchte anders als die meisten anderen Bands, in der Szene damals nicht den Gesang hinter den Gitarren zu verstecken. Das ist Kurt Cobains unglaublicher Stimme zu verdanken. Ohne diese Stimme würden wir jetzt nicht über Nirvana sprechen.«

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Thurston Moore von Morten Pedersen

Die erste Band des Abends, Chain Wallet, beginnt mit Zugkraft. Die Amps sind auf luftigen Dreampop-Sound getrimmt und die Gitarren stets von Delay umweht. Im Großen und Ganzen ist ihr am 80er-Postpunk orientierter Sound zwar einnehmend, verliert aber auf die Dauer deutlich an Dringlichkeit. Vielleicht ist das am Ende dann doch ein ornamentiertes Hemd zu brav. Im angesagten Club Landmark hingegen beginnt der Abend deutlich düsterer. Misty Coast stacheln sich im repetitiven Anschlag des Schlagzeugs gegenseitig an. Die Gitarre verfällt immer wieder in noisiges Rauschen, doch der Kopfnick-Beat blieb. Manchmal klingt das wie von No Wave angeschwemmt, doch zwischen der Liebe zum Krach wird eine Xylophon-Nummer von verkorkster Wärme eingeschoben. Misty Coast – die erste Entdeckung des Abends.

Wenig später spielen Junk Machine ein namensprogrammatisches Konzert: laut, psychedelisch, kaputt. Auf dröhnende Synthies schichten sie Gitarren und ein tollwütiges Schlagzeug. Sänger Daniel Thornhill hat den Wuschelkopf von Wolfmother-Kasperl Andrew Stockdale und auch sein Krächzen, das war’s dann aber auch schon mit der Ähnlichkeit – Junk Machine sind direkter und überraschender. So bringen sie zum Schluss eine Nummer wie von Dylan: Die Gitarre hält sich diesmal zurück, bis das Schlagzeug streifschießt, dann wird auch der Reverb wieder losgelassen, und wieder kommt so ein mauerbrechendes Riff. Eine Band mit deutlich definierterer Zielgruppe ist Boy Pablo. Deren Konzept: Mac-DeMarco-Stibitzerei und ein Comeback des Nick-Carter-Gedächtnis-Mittelscheitels. Dennoch haben die fünf Minderjährigen eine ansteckende Spielfreude, was vor allem den Teenie-Fanclub vor der Bühne in Wallung bringt.

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Electric Eye von Kristoffer Øen

Viel unerwarteter sind da Daisy. Das Duo aus Oslo funktioniert mit einem Zwiegesang aus zwei Mikrophonen und einem Song-tragendem Schlagzeug. Das klingt manchmal wie Tune-Yards, doch ohne die diebischen Dissonanzen – skandinavischer meinetwegen. Die Filzschlägel des Schlagzeugers treffen Kuhglocken und Minigongs, die filigrane Stimme der Sängerin Thea Emilie Wang erzählt vom letzten Typen. Stimme und Schlagzeug – meist braucht es nicht mehr, um den ganzen Raum einzunehmen. Bei Daisy wird das Ganze manchmal noch mit fiependem Keyboard durchsetzt.

Einen weniger bleibenden Eindruck hinterlässt Bloody Beach – trotz der Vorschusslorbeeren, auf dem texanischen Showcase-Festival South By Southwest gespielt zu haben. Der Schmalspur-Entertainer mit Lastwagenfahrerschnauzer in knallfarbiger Seidenjacke ist ja ganz amüsant. Aber der schüchtern-psychedelische Weichspühl-Rock bleibt uninteressant, wenn er nicht in Richtung World tapst. Wenn schließlich auch noch über das verlorene Mojo gesungen wird, ist alles einfach ein bisschen zu platt. Dem Publikum scheint es dennoch zu gefallen, genauso wie die psychedelischen Electric Eye. Das Schlagzeug schlägt im Dauersprint, die Riffs sind trocken, woraus sich ein erstaunlicher Sog entwickelt.

Das Vill Vill Vest zeigt mit seinem Programm die erstaunliche Vielfalt der westnorwegischen Musikszene. Es ist neben dem By:Larm in Oslo und dem Trondheim Calling in Mittelnorwegen das jüngste der nationalen Showcase-Festivals. Die Stadt, die schon Kings of Convenience, Röyksopp und Kaizers Orchestra hervorgebracht hat, wird auch in Zukunft erfolgreiche Bands von der Peripherie Europas ins Zentrum des Musikgeschehens hieven. Wenn man sich dann noch in Erinnerung ruft, dass Bergen als zweitgrößte Stadt des Landes gerade mal so viele Einwohner hat wie zum Beispiel Münster, ist das umso bemerkenswerter.

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