Videopremiere: Lafawndah mit neuer Single „Joseph“

Artwork zum Video von „Joseph“ / Lafawndah

Die heute erschienene Single „Joseph“ von Musikerin und Produzentin Lafawndah scheint nicht nur ihre vielen nationalen Einflüsse zu spiegeln, lebte die Kosmopolitin doch bereits in Ägypten, Großbritannien, Frankreich, Mexiko, dem Iran und derzeit in den USA. Sondern auch ihr Können, Unvorhergesehenes zu liefern und mit Konventionen zu brechen – eine Dekonstruktionsleistung eben, wie es eine_r unserer Autor_innen einmal umschrieben hat. Mit hohem, klaren Gesang, reduziert-ruhigen Elektrosounds, malerischen Bildern und ambigem Titel lässt „Joseph“ viel Raum für Spekulation. SPEX zeigt das dazugehörige Video in der Premiere.

Das Video zu „Joseph“ wirkt beinah wie ein Realität gewordenes biblisches Gemälde: eine hochschwangere inmitten vieler wartender Frauen, die einen im Gespräch, die anderen darum bemüht, die Schmerzen vor und während der Geburt zu lindern. Mehrere Generationen sind zusammengekommen, um dem Beginn einer weiteren beizuwohnen. Lafawndah (übrigens ihrerseits studierte Kunsthistorikerin) ist Betrachterin dieses intimen Moments, heißt das noch Ungeborene willkommen („I want you to know / You will be safe in this world“), und doch ist sie außerhalb dieser, zur totalen Einheit gewordenen Gruppe. So wie auch wir, die zwar für einen kurzen Augenblick von der werdenden Mutter hilfesuchend angeschaut werden, aber untätig bleiben müssen.

Trotzdem ist sie nicht allein. Und das nicht nur wegen der sie begleitenden Frauen – zumindest lässt das der Titel vermuten. Denn der scheint auf den, oder besser gesagt: einen Vater zu rekurrieren. Gebraucht Lafawndah den Namen der wohl bekanntesten und zugleich marginialisiertesten Vaterfigur christlich-religiöser wie kultureller Geschichte, um mit traditionellen Geschlechterrollen zu brechen? Um einem Vater ebenso wie der Mutter Emotionalitäten und elterliche Verbundenheitsgefühle zuzusprechen, die doch (und noch immer) in der hegemonialen Gesellschaft des Heute häufig als rein mütterlich verstanden werden? Übernimmt sie weniger Sprechrolle einer Mutter als die eines Elternteils?

Fragen über Fragen. Zumindest eines ist mit Sicherheit zu sagen: Inspiration fand Lafawndah in Struktur und Praxis der außerstaatlichen, matriarchalischen Gruppierung Artemis Response Coalition, kurz ARC. Die in die heilende Wirkung der Musik ebenso vertraut, wie in die der Medizin. So sind Krankenschwestern stets auch ausgebildete Sängerinnen. Und in eigens gebauten, abgedunkelten Geburtshäusern wird neues Leben durch Rhythmik und Gesang gegrüßt und gefeiert. Wenig ist bisher über ARC bekannt, durch die Single „Joseph“ und das zugehörige Video kommt man ihr aber wohl ein Stückchen näher.

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