Review: Vetiver Tight Knit

Nach dem treffend mit »Thing of the Past« betitelten letztjährigen Album mit Coverversionen verehrter Americana-Helden hat der in San Francisco ansässige Singer und Songwriter Andy Cabic mit seiner Band für das vierte Full-Length-Werk wieder auf Eigenkompositionen zurückgegriffen. Seine sanfte, immer etwas belegt klingende Stimme erinnert einmal mehr an die des großen Robin Williamson von der psychedelischen Hippiefolksekte The Incredible String Band. Die traumverlorenen, lautmalenden »Du du du«-Scat-Verzierungen auf »Everyday« lassen gar kurz an die wunderschönen Phrasierungen des amerikanischen Enfant terrible Vincent Gallo denken (der sich diesen androgynen Vokalstil wiederum vermutlich von Chet Baker abgeguckt hat).

    Musikalisch sind Vetiver Nostalgiker: Der Akzent liegt auf countrifiziertem Westcoast-Folk der späten sechziger und frühen siebziger Jahre. Die Unaufgeregtheit, mit der hier operiert wird, ist ihrerseits aufregend. Der Verzicht auf ausmalende Effekte und Ornamentierungen wird nicht seinerseits schon wieder ausgestellt. Cabic musiziert einfach vor sich hin, in sich ruhend und ohne Aufhebens. Solche Zurückgenommenheit erwartet man nicht unbedingt von einer Band, die sich nach einer Grasart benennt, welche wegen ihres üppigen Wurzelwerks gegen die Bodenerosion angepflanzt wird und Ausgangsstoff für die Gewinnung von Räucherstäbchen und aromatischen Ölen ist.

    Wie immer bei großer Pop-Musik schmeckt man trotz allen kalifornischen Sonnenscheins im Abgang Aromen von Melancholie und Wehmut. Allerdings halten die eine angenehme Äquidistanz zu Weinerlichkeit auf der einen und Düsternis auf der anderen Seite. Manchmal funktioniert »Tight Knit« wie ein gutes Ambient-Album: Man kann es im Hintergrund laufen lassen und wird nie gezwungen, irgendwelche subjektiven Informationen zum Gefühlshaushalt des Singer-/Songwriter-Ichs zur Kenntnis zu nehmen. Man besitzt aber auch die Option des Genauer-Hinhörens, und da wird das Album ganz stark, weil es zeigen kann, dass sich hinter dem so leicht und mühelos daherkommenden Folk-Pop eine Fülle mit allen Auskennerwassern gewaschener Sounddetails verbirgt, bei denen nichts dem Zufall überlassen wurde.

    Bei allen Klangzutaten lässt man Behutsamkeit walten: Ein leis flirrender Krautrock-Space-Synthie (»Down From Above«) oder eine Drum Machine (»On the Other Side«) fügen sich nahtlos ins organisch-gediegene, von akustischer und elektrischer Gitarre getragene Klangspektrum ein. Selbst der sehr britisch klingende und an Aztec Camera, Lloyd Cole und The Smiths (»This Charming Man«) gemahnende Uptempo-Gitarren-Pop von »More of This« bewirkt keinen Bruch. Auch die mit Bläsersätzen und antiken Clavinet-Sounds garnierte Funk-Ballade »Another Reason to Go« und das mit dezent leiernden Orgeln versehene, psychedelisierende »Strictly Rule« werden äußerst stilsicher und wie aus dem Ärmel geschüttelt dargeboten. Die abgedroschene Wendung vom Gewinn mehrmaligen Hörens: Hier trifft sie wirklich einmal zu.

LABEL: Bella Union / Cooperative Music

VERTRIEB: Universal Music

VÖ: 20.03.2009

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.