Verlosung und Feature zum Kinostart von Der Letzte der Ungerechten

Am 07. Mai kommt der neue Film von Claude Lanzmann in die Kinos, doch zuvor feiert Der Letzte der Ungerechten am 04. Mai in München Premiere. Mit 87 Jahren hat Lanzmann die Aufnahmen von 1975 wieder ausgegraben und ein Portrait über Benjamin Murmelstein geschaffen, das zeitlose Orte zeigt und Männer, an denen die Zeit nicht spurlos vorübergezogen ist.

Was kann Literatur? war der pointiert geniale Titel eines Rowohlt-Büchleins mit Reden und Interviews von Jean-Paul Sartre aus dem Jahr 1979. Was kann Film? wäre der passende Titel für ein noch zu schreibendes Buch über das filmische Gesamtwerk des französischen Publizisten und Regisseurs Claude Lanzmann, dessen Kino sich in einem Minenfeld bewegt: Es geht um den Versuch einer Rekonstruktion der Bedingungen und Implikationen jüdischer Identität im Angesicht des Versuchs der Vernichtung der europäischen Juden im Zweiten Weltkrieg. Nicht nur Lanzmanns Achteinhalb-Stunden-Monumentalfilm Shoah aus dem Jahr 1985, auch seine sechs weiteren um diesen herum gruppierten Filme changieren zwischen der Dokumentation und der Inszenierung von Dokumentation, sind zugleich Autorenfilme und Aktivierungen von Erinnerungen zentraler Zeitzeugen.

letztederungerechten06

Stets behandelt Lanzmann mit seinen filmischen Schnittstellen nicht nur einen weiteren Aspekt der komplexen Problematik, er förderte in zeitintensiven Recherchen immer auch neue Fakten zutage. Der Letzte der Ungerechten, uraufgeführt 2013 beim Filmfestival in Cannes, behandelt die Rolle des »Judenältesten« Benjamin Murmelstein im sogenannten »Vorzeige-Konzentrationslager« Theresienstadt. Murmelsteins selbstgewählte Mission war es, kurz gefasst, so viele Juden wie möglich vor der Deportation zu bewahren – in engem Austausch mit den NS-Funktionären, darunter Adolf Eichmann, was ihm den Ruf eines Kollaborateurs einbrachte. Mehrfach hatte Murmelstein die Möglichkeit, sich selbst in Sicherheit zu bringen, stattdessen kehrte er immer wieder zurück, um weiter im Sinne seiner Mission wirken zu können. Er wusste Bescheid, er sah Menschen in die Todeszüge steigen, er verhandelte hinter den Kulissen. 1946 stellte er sich einem Prozess, in dem er vom tschechischen Volksgericht in allen Anklagepunkten freigesprochen wurde. Die Skepsis gegenüber seinem ambivalenten Wirken war dennoch so tief, dass es Murmelstein nicht wagte, nach Israel zu emigrieren, wo ihm ein weiterer Prozess mit ungewissem Ausgang sicher gewesen wäre.

letztederungerechten04

Lanzmann bezeichnete sein Porträt über Murmelstein in einem Gespräch im Jahr 2013 für SPEX N°313 (siehe auch N°321 und N°325) als »Versuch, einen Helden zu Wort kommen zu lassen, der mit vielfältigsten Mitteln versuchte, den Mördern Menschenleben abzutrotzen.« Sein Film sei der Versuch einer »Ehrenrettung«. In Der Letzte der Ungerechten, wie sich Murmelstein mit bitterem Humor selbst bezeichnet, gibt es nur zwei Protagonisten: Murmelstein und Lanzmann. Ihre insgesamt elf Stunden auf Film gebannten gemeinsamen Gespräche von 1975 sind die Basis der im Film dreieinhalbstündigen Erzählung. Zudem besucht der um 37 Jahre ältere Lanzmann 2012 all jene Orte, die Murmelstein benennt, um gewissermaßen den Horror der Erzählung in sich und für den Zuschauer nachvollziehen zu können. Im besten filmischen Sinne ist Der Letzte der Ungerechten extrem konstruiert, poetisch, voller Empathie und zugleich verstörend. Wenn die Frage lautet: Was kann Film?, dann ist dieser Film, wie zuvor bereits Shoah, eine schockierende Antwort.

Der Letzte der Ungerechten
Frankreich, Österreich 2013
Regie: Claude Lanzmann

Für die Premiere von Der Letzte der Ungerechten, die am 04. Mai in München stattfindet, verlost SPEX.de 5×2 Karten. Einfach bis zum 02. Mai eine Mail mit dem Betreff »Lanzmann« an gewinnen@spex.de schicken und den vollständigen Namen und die Adresse nicht vergessen. Viel Glück!

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.