Verdichtung in jeder Szene

Die Berlinale 2009 ist in vollem Gange, die großen Premieren locken in die Kinos. Abseits des roten Teppichs sah Alexis Waltz Catherine Breillats faszinierende Verfilmung des französischen Märchens vom vielweibernden und mordenden König Blaubart. Die Berliner Regisseurin Maren Ade zeigt hingegen die Zerissenheit von Beziehungen in der Gegenwart, beobachtet dabei psychologisch, sprachlich und gestisch so präzise, wie man es im deutschen Film und Fernsehen nur sehr selten erlebt.

La Barbe Bleue Catherine Breillat
»La Barbe Bleue« ist ein in einem vagen Mittelalter verorteter Kostümfilm, und hat den Production Value einer Fernsehproduktion des Jugendprogramms.

(Still: © Catherine Breillat / Arte France)

Keine Filmemacherin hat das Thema der Geschlechterdifferenz so entschieden zum Thema ihrer Filme gemacht wie Catherine Breillat. Weil es für die französische Regisseurin keine Emanzipation von der eigenen Geschlechtlichkeit gibt, kann sie wohl kaum eine Feministin genannt werden. Wie jedem großen Filmemacher gelingt es ihr, einen wesentlichen Teil des Lebens ganz anders als bisher bekannt darzustellen: Bei Breillat erscheint die heterosexuelle Liebe als abseitiges, bizarres Ritual, dem jede Selbstverständlichkeit fehlt, dem jede normative Kraft abhanden gekommen ist. Ihr neuer Film »La Barbe Bleue« erzählt das französische Märchen von König Blaubart, der – je nach überlieferter Version – mit sechs, sieben oder acht Frauen verheiratet war.

    Jeder neuen Ehefrau vertraut er als Prüfung einen goldenen Schlüssel zu einem Zimmer an, das nicht zu betreten sie ihrem Gatten versprechen müssen. Von der Neugier getrieben, finden die Frauen dort die Leichen ihrer Vorgängerinnen – um ihnen als Verräterinnen folgen zu müssen. »La Barbe Bleue« ist ein in einem vagen Mittelalter verorteter Kostümfilm, und hat den Production Value einer Fernsehproduktion des Jugendprogramms, seine Nüchternheit erinnert an Historienfilme des Nouvelle-Vague-Helden Eric Rohmer. Zwingend wird der Film durch die präzise Bildkomposition und die Fokussierung auf die etwa zwölfjährige Marie-Catherine (Lola Creton).

    Ihre Schwester Anne (Daphné Baïwir) und Marie-Catherine erfahren vom Tod ihres Vaters und müssen die Klosterschule, die sie besuchen, verlassen. Aus dem Fenster der fahrenden Kutsche erblickt Marie-Cathrine das Schloss Blaubarts. Schlagartig wird ihr klar: dort will sie leben. Die Brutalität Blaubarts fürchtet sie nicht. Tatsächlich begegnet sie dem König, er ist von ihrer eigentümlichen Gelassenheit angezogen und heiratet sie. Indem Regisseurin Breillat den materiellen Mangel der Mädchen hinzuerfindet, macht sie sie zu dramatischen Helden. Ausgehend vom Objekt von Blaubarts Mordlust entwickelt Breillat die Rolle der Marie-Catherine zu einer Figur, deren Sehnsucht nach einem Leben in Wohlstand und deren kindliche Liebe zu dem dämonischen Sonderling einen undurchdringlichen Charakter aufzeigt: »Du hast die Unschuld einer Taube und den Stolz eines Adlers«, erklärt Blaubart Marie-Catherine. Breillats Erzählung entfernt sich von den moralischen Fragen, die sonst für Märchen entscheidend sind – das Thema der Kindesheirat interessiert sie dabei ebenso wenig. Sie lässt die Fixierung des Märchens auf Ereignisse hinter sich, ohne in melodramatische Muster zu verfallen. In einer Parallelhandlung lesen sich zwei Mädchen auf einem Dachboden in der Gegenwart das Märchen vom König Blaubart vor. Die Jüngere der beiden – sie ist vielleicht vier oder fünf Jahre alt – erklärt die Entscheidungen der Figuren und die unauflösbaren Widersprüche, in denen sie sich befinden. Dieses kindliche, wissende Sprechen gehört zu den faszinierendsten Monologen dieser Berlinale.

»La Barbe Bleue«, Frankreich 2009, Regie: Catherine Breillat, mit Daphné Baiwir, Lola Creton, Dominique Thomas, 80 Min., Arte France

Alle Anderen Maren Ade
»Alle Anderen« ist ein aufregender Film: Das Leben von Gitti und Chris als Paar ist psychologisch, sprachlich und gestisch so präzise beobachtet, wie man es im deutschen Film und Fernsehen nur sehr selten erlebt.

(Still: © Maren Ade / Komplizen Film)

Maren Ade gehört zur zweiten Generation der so genannten Berliner Schule. Nachdem von ihren Mitstreitern in der letzten Zeit nichts Neues zu sehen war, wurde ihr zweiter Film mit Spannung erwartet. »Alle Anderen« ist die Geschichte eines Paares und seiner Trennung. Gitti (Birgit Minichmayr) und Chris (Lars Eidinger) machen Urlaub im Ferienhaus von Chris’ Eltern auf Sardinien. Gitti scheint jeder sozialen Situation gewachsen zu sein, und ist sich ihrer Attraktivität und Souveränität voll und ganz bewusst. Jede Arroganz und Abfälligkeit in einer Unterhaltung bemerkt und ironisiert sie sofort. Der gehemmte Chris lebt weniger in Situationen und Momenten, sondern in einer Gedankenwelt. Beide befinden sich in einer Krise: Gittes Selbstbewusstsein wird von der Liebe erschüttert. Sie empfindet eine Lust auf Gebundenheit und Abhängigkeit, die sie bisher nicht empfunden hat. Chris leidet unter dem Misserfolg in seinem Beruf als Architekt. Die nicht stattfindende Karriere und die Stärke seiner Freundin scheinen ihn zu kastrieren. Er kopiert die machohafte Männlichkeit seines Bekannten Hans (Hans-Jochen Wagner), während Gitte Chris sich zu unterwerfen versucht, bevor sie dessen Charakterlosigkeit durchschaut.

    »Alle Anderen« ist ein aufregender Film: Das Leben der beiden als Paar ist psychologisch, sprachlich und gestisch so präzise beobachtet, wie man es im deutschen Film und Fernsehen nur sehr selten erlebt. In jeder Szene verdichtet sich das Bild der Beziehung Gittis und Chris’. Diese Präzision entsteht aus Ades persönlicher Nähe zum dargestellten Milieu. Diese Nähe zu den Protagonisten löst aber auch eine gewisse Beklemmung aus, sie impliziert einen Mangel an Distanz, eine Unfähigkeit zur Analyse. Es ist irritierend, die Figuren allein in der Isolation des Urlaubs zu erleben. Was ihre bürgerliche Existenz materiell und ideologisch ermöglicht, bleibt eine Leerstelle.

    Die Befindlichkeiten der beiden bestimmen den Film, Bezugspunkte nach Außen werden höchstens benannt. Jenseits von Hans und dessen Frau Sana (Nicole Marischka) gibt es keine Freunde, Kollegen, Verwandte. Chris’ »Idealismus«, der seine Karriere als Architekt hemmt, bleibt eine leere Behauptung. Nach eigener Aussage hat sich Ade an den Klassikern des Autorenfilms von Bergmann (»Szenen einer Ehe«) bis Godard (»Die Verachtung«) orientiert. Das Sujet der Trennung des Paares im Urlaub ist Roberto Rosselinis »Viaggio in Italia« entnommen – dort ist die soziale Positionierung des Paares aber durch dessen Habitus charakterisiert. Das offene Ende von »Alle Anderen« wirkt bedeutungsschwanger, weil es durch den Mangel an Kontext keine andere Ebene in der Auseinandersetzung mit den Figuren eröffnet.

»Alle Anderen« Deutschland 2009, Regie: Maren Ade, mit Birgit Minichmayr, Lars Eidinger, Paula Hartmann, Nicole Marischka, Atef Vogel, Hans-Jochen Wagner, 119 Min., Komplizen Film, ab 18.06. im Kino

Weitere Rückblicke auf die Berlinale 2009 folgen am Freitag.

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