Various »Mykki Blanco presents C-ORE« / Review / Deutschlandtermine

Mykki Blanco will die talentierten Leute aus »den dunklen Ecken von Soundcloud« herausholen und verlässt sich beim Signing in erster Linie auf seinen guten Geschmack.

Alle Welt wartet auf Michael. So soll das lang angekündigte »echte« Debütalbum von Michael David Quattlebaum Jr. alias Mykki Blanco heißen. Doch der profiliert sich vorerst lieber als Labelgründer. Seine Dogfood Music Group ist kein Prokrastinationsobjekt oder Nebenschauplatz, vielmehr befand sich der Rapper und Performer – man kann ihn hier grammatisch männlich adressieren, Blanco ließ durch seine Pressestelle verkünden, dass er momentan in der maskulinen Form agiert – in einer Krise, nachdem er vor einigen Monaten öffentlich machte, dass er seit 2011 HIV-positiv ist. Blanco befürchtete aufgrund einiger Äußerungen in sozialen Netzwerken, dass sein Bekenntnis die Leute polarisieren könnte, dass niemand mehr Interesse an seiner Musik haben würde, sondern nur noch an seinem gesundheitlichen Zustand.

Doch Blanco transformierte Angst in Energie. Zunächst beschloss er, investigativer Journalist zu werden (wie Michael ist dieses Projekt derzeit aufgeschoben), um dann ein Label zu gründen, das queeren Künstlerinnen eine Plattform bieten soll – weg vom Ego-Tripping in verschiedenen Inkarnationen, hin zum Networking. Blanco will nach eigenen Angaben die talentierten Leute aus »den dunklen Ecken von Soundcloud« herausholen und verlässt sich beim Signing in erster Linie auf seinen guten Geschmack.

Mykki Blanco presents C-ORE ist keines der von Blanco geliebten Mixtapes (siehe Gay Dog Food aus dem vergangenen Jahr), kommt dieser Form aber ziemlich nahe. Die erste Veröffentlichung der Dogfood Music Group ist inspiriert von Epitaphs Punk-O-Rama-Compilations und versammelt neben Blanco selbst drei weitere befreundete queere Künstler, die jeweils mehrere Tracks beisteuern: Yves Tumor (a.k.a. Sean Bowie), Psychoegyptian (a.k.a. Devin Kyle Cuthbertson a.k.a. Hola Zygote) und Violence (a.k.a. Palmtrees Caprisun). Dass nur biologisch männliche Acts vertreten sind, sei Zufall, betont Blanco, künftig dürfe man auch mit schwedischen Rapperinnen und chinesischen Kids aus NYC rechnen. Die vier diesmal Beteiligten stehen für spektakuläre multimediale Shows, explizite Lyrics und die Konterkarierung dessen, was die Öffentlichkeit üblicherweise von schwarzen Künstlern erwartet. Blanco ärgert es maßlos, dass deren Musik mit Soul, R’n’B und HipHop gleichgesetzt wird, und nennt Riot-Grrrlism, Punk und Techno als seine wichtigsten Einflüsse – »freak shit«, wie er sagt. Deswegen ist C-ORE auch alles andere als ein klischeehaftes Black-Music-Album.

»This Is Going To Be Disgusting, Unholy, And Pleasurable«, raunt Violence im gleichnamigen Opener. Dunkle, kalte Industrial- und Noise-Sounds dominieren die Tracks, dazu erklingen verzerrte Stimmen, hammerharter, technofizierter Grime mit Punk- und Hardcore-Ausbrüchen. »Histrionic II« von Violence ist ein lärmendes Gewitter aus Kreissägen auf Blech, dessen zerfetzten Metallfaden er in »Histrionic III / Skunk Of The Earth« wieder aufnimmt und um ghulige Geisterstimmen erweitert; Yves Tumors Tracks sind vergleichsweise zugänglich, doch den freundlichen schwarzen Knuddelbär gibt auf C-ORE keiner. Die Lyrics drehen sich um Drogen, Sex, Politik und treiben den Stachel tief ins gemarterte Fleisch. In Kürze will die C-ORE-Truppe gemeinsam auf Tour gehen – be prepared for unholy pleasurable freak shit!

Mykki Blanco live
31.10. Berlin – CTM Festival at Prince Charles
01.11. Darmstadt – Centralisation
02.11. Hamburg – Uebel & Gefahrlich

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