Various »Every Song Has Its End: Sonic Dispatches From Traditional Mali« / Review

Die von Paul Chandler zusammengestellten Compilation versammelt Roots-Musik abseits anschmiegsamer Popversionen bekannter Mali-Stars.

Seit mehr als zehn Jahren streift Paul Chandler durch das riesige westafrikanische Land Mali und hält in abgelegenen Dörfern Musikpraktiken fest, die von der Moderne eher unberührt sind. Aus seinem umfangreichen Archiv ist nun diese Compilation samt DVD entstanden. Sie ist ein zweischneidiges Vergnügen.

Einerseits sind diese Roots-Musik-Varianten, die oft zu ganz bestimmten Lebenslagen, Riten oder Kasten gehören, ein notwendiges Gegengewicht zu den im globalen Norden so gern gehörten Mali-Stars wie Salif Keïta oder Amadou & Mariam und ihren anschmiegsamen Popversionen malischer Traditionen. Zusammen mit diesen Aufnahmen ergibt sich ein dreidimensionales Bild der unvergleichlichen Musiken dieses Landes, von den hypnotisch-arabesken Mehrstimmengesängen der Wüstennomaden des Nordens zu den opulenten Ngoni- und Balafon-Jams aus dem grünen, bergigen Süden. Viele der Aufnahmen dokumentieren verschwindende Praktiken, etwa das Spiel der dreisaitigen Krieger-Harfe Bolon, die früher mit dem Blut geopferter Gegner gesalbt wurde, oder das Besingen des Buschdämonen Djinèni. Sie werden zerrieben zwischen der Modernisierung, die zahlreiche Instrumente durch Computer ersetzt, und einem zunehmend streng ausgelegten Islam.

Es ist eine Sehnsucht nach einem Früher, das – in Mali nicht anders als hierzulande – meist nur in der nachträglichen Idealisierung lebt.

Chandler und seine Musiker beklagen, dass sich die Traditionen veränderten oder sich die jungen Leute gar nicht mehr dafür interessierten. Und das ist denn auch das Andererseits: Zugleich beschwören diese Zusammenstellung und die zugehörige Kurzfilmsammlung jene gute alte Zeit, als in den Dörfern die Welt noch in Ordnung war, Rituale und Rhythmen für Einklang mit der Natur sorgten und man den Älteren den sich geziemenden Respekt entgegenbrachte. Nur: War es damals wirklich so? Es ist eine Sehnsucht nach einem Früher, das – in Mali nicht anders als hierzulande – meist nur in der nachträglichen Idealisierung lebt. Man muss Traditionen festhalten, bevor sie verschwinden, ja. Aber es fließt nun mal alles, in den meist sehr pragmatischen afrikanischen Kulturen ebenso wie im globalen Norden.

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