Various Decon / Recon / 1 – Noise Manifesto

Schluss mit Klatsch, Personenkult, Geschlechter- und Herkunftsklischees: Die neue Reihe Decon / Recon des Noise-Manifesto-Labels von Paula Temple will Musik-Rezeption ohne Fokus auf ihre Urheberinnen ermöglichen – Techno als großer, gemeinsamer Spielplatz.

Im Club regiert aktuell das Acht-Hände-Prinzip. Nach Future Brown gibt es nun einen weiteren namhaften Zusammenschluss von vier Produzentinnen und Produzenten. Wobei das, was Olof Dreijer, Jam Rostron, Hermione Frank und Paula Temple hier nach einer Idee der Letzteren gemeinsam fabrizieren, offiziell ein gegenseitiges Remix-Projekt von vier Berliner Expats ist und keine Band. Temple, die hier unter dem Pseudonym Jaguar Woman auftritt, konnte Ex-The-Knife-Hälfte Dreijer unter dem Solo-Alias Oni Ayhun, Rostron als Aquarian Jugs (und nicht wie üblich als Planningtorock) und Frank als Rroxymore für den großen Umsturz gewinnen: Die neue Reihe Decon / Recon soll eine Rezeption der Musik ohne Fokussierung auf ihre Urheberinnen ermöglichen. Schluss mit Klatsch, Personenkult, Geschlechter- und Herkunftsklischees, die die Berichterstattung bisweilen bestimmen. Motto: Überbaut, was euch kaputt macht!

Das Noise Manifesto, nach dem Temple ihr Label benannt hat, existiert auch als solches. Quintessenz des Manifests: Lärm wird die Welt heilen, Instrumente und die sie bedienenden Subjekte sind einander ebenbürtig, dem Prinzip des Synthesizers entsprechend ist auch der Zusammenschluss von Musikerinnen eine Synthese. Allerdings funktioniert das mit dem Auslöschen der Identitäten nicht so richtig. Zumindest dieser Text macht bis hierhin alles falsch, was in dieser Hinsicht falsch gemacht werden kann. Deshalb zur Musik.

Die vier Stücke entstanden in digitaler Zusammenarbeit, Einzel-Credits gibt es nicht. Temple will sogar den Arbeitsprozess untereinander anonymisiert haben. Techno wird so zu einem großen gemeinsamen Spielplatz. Die Vielfalt der Sounds ist eine Wohltat. Es jackt, stampft und groovt, freundliche Aggressivität baut überraschende, aber konsistente Spannungsbögen. Doch bleibt die Frage, ob es die vier Producer eher ärgert oder ob sie doch diebische Freude empfinden, wenn man auf Decon / Recon / 1 beispielsweise die für Planningtorock typischen Saxofon- und Violinenmanipulationen oder Temples bekanntermaßen mächtige Perkussionen aufspürt. Solche detektivischen Erkenntnisse sind bei Future Brown ungleich schwerer zu erlangen. Allerdings: Vielleicht irrt man sich ja auch, Gewissheit ist eine Leerstelle. Am Ende bleibt nur die Musik. Und die funktioniert.

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