MS: Wenn ich an meine Jugend in LA denke, dann denke ich automatisch an die Shows von Miss Davis. Ich bin praktisch in ihren Clubs aufgewachsen. Und wenn es mal vorkam, dass ich wegen eines Tests am nächsten Morgen oder ähnlichem nicht ausgehen wollte, hat mich mein damaliger Partner Daniel Hendrickson immer überzeugt, indem er entrüstet gesagt hat: „Aber Marc, es ist doch Vaginal!“. Im Nachhinein war ich auch jedes Mal dankbar, weil ich dort wichtige Eindrücke für meine eigenen Projekte und auch für meinen Alltag gesammelt habe.

„Es gibt zwei gründe, warum ich nichts dokumentiert habe: erstens war ich keine karrieristin und zweitens hätte ich niemals erwartet, so lange zu leben!“

VD: Marc und Daniel waren die größten Unterstützer meines Clubs Sucker At The Garage in Silverlake, der eine Mischung war aus nachmittäglicher Punkrock-Bar sowie Kunst- und Performanceraum. Dort fanden der Vaginal Davis-Kosmos und der Prä-Cheap-Kosmos zusammen. Obwohl ich damals bereits an so vielem gearbeitet habe, habe ich nichts davon dokumentiert! Ich habe keine Kopien gemacht! Nicht einmal von meinen Nobudget-Filmen – ja, keine Lowbudget, sondern Nobudget-Filme –, die ich in den Achtzigern und Neunzigern gedreht habe. Ständig habe ich gedreht und gedreht, und sobald ein Projekt fertig war, bin ich zum nächsten gesprungen und habe das vorherige vergessen. Allerdings gibt es zwei Gründe, warum ich nichts archiviert oder dokumentiert habe: Erstens war ich einfach keine Karrieristin und zweitens hätte ich niemals erwartet, so lange zu leben! Das war schließlich die Zeit der AIDS-Epidemie und die Menschen um mich herum sind einfach gestorben…

MS: Ja, ich erinnere mich an meinen 40. Geburtstag. Der war ein richtiger Schock für mich! Glücklicherweise war ich aber trotzdem Nerd genug, um mit dem Archivieren deiner Sachen anzufangen!

VD: Du warst kein Nerd, du warst eher ein Knallkopf, aber klar – zum Glück gab es Knallköpfe wie dich, die den Wert meiner Projekte erkannt haben. Mittlerweile ist die Nachfrage nach meinen frühen Arbeiten so groß, dass meine Galleristinnen und Galleristen fast schon um die ganze Welt reisen müssen, um Kopien aufzutreiben! Meine alten Arbeiten erheben sich wie ein Phoenix aus der Asche. „Schuld“ an dem großen Interesse ist unter anderem José Esteban Muñoz, der zu seinen Lebzeiten darüber geschrieben hat. Mit ihm habe ich ja auch die (W)rap-Reihe entwickelt. Doch nur ein Jahr nach unserem ersten Gespräch zum Thema Race ist er gestorben. Aus Trauer um ihn habe ich fünf Jahre gewartet, bis ich die Reihe wieder aufgenommen habe. Der (W)rap-Teil des Titels entstammt übrigens einem unserer Insiderwitze, in dem wir uns über die kulturelle Aneignung des Burritos lustig gemacht haben. Und dass der plötzlich Wrap genannt wurde.

MS: Ach, das wusste ich gar nicht!

VD: Doch doch. So kamen wir auf den Titel! Und No One Leaves Delilah ist ein Zitat aus dem Hollywoodblockbuster Samson und Delilah von 1949 mit Hedy Lamarr und Victor Mature. Wenn nämlich Samson Delilah verlassen will, ermahnt sie ihn, dass sie eine Frau ist, die niemals verlassen werden würde. Über diese Goldene Ära des Hollywoodfilms werden ich und Marc auch sprechen.

MS: Wir werden nicht nur darüber sprechen, sondern auch eine Reihe von Clips und Bildern zeigen. Dieses titelgebende Zitat stellt nämlich nicht nur den Bezug zur biblischen Figur der Delilah her, sondern zeigt sie gefiltert durchs Hollywoodkino.

VD: Ganz genau! Es geht nicht um die Bibel in ihrer Religiosität, sondern darum, wie sie durch die bröselnde Patina des Goldenen Hollywoodkinos betrachtet wird.

MS: Ganz so leicht lassen wir das Publikum dann also doch nicht davonkommen. Wir sind vielleicht nicht so entspannt wie die meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, wir sind eher sogar ziemlich stressig, aber auch schlauer, als sie vielleicht denken…

VD: …vielleicht aber auch einfach dümmer, als wir denken!