„Dragqueens kommen nach Berlin, um zu sterben“ / Vaginal Davis und Marc Siegel im Gespräch

Foto: Assaf Hochman

Heute Abend heißt es an der Berliner FU: No One Leaves Delilah. A (W)rap On Desire. Der mittlerweile vierte Teil der 2012 von Vaginal Davis und dem verstorbenen Wissenschaftler José Esteban Muñoz initiierten (W)rap-Serie findet im Rahmen einer Vortragsreihe statt, die durch das Forschungsprojekt Ästhetik des Begehrens organisiert wurde. Im SPEX-Interview liefern Vaginal Davis, die Doyenne der intermedialen Künste, und Filmwissenschaftler Marc Siegel bereits einen Vorgeschmack auf heute Abend – sozusagen ungefragt.

„Nennen Sie mich Miss Davis, nicht Mrs., nicht Fräulein, sondern Miss Davis.“, bittet Vaginal Davis gleich zu Beginn des Interviews, während Marc Siegel (alias Marcuse Siegelstein) schnell das Du anbietet. Zu sehen sind beide leider nicht, die Skype-Kamera ist ausgestellt und so wird das Interview vor dunklem Bildschirm geführt. Wobei dieser Begriff irreführend ist: Ohne die erste Frage gehört zu haben, kommen Davis und Siegel auf Themen wie AIDS, Cultural Appropriation, die Goldene Ära des Hollywoodkinos und untote Dragqueens zu sprechen. Nach langen Jahren der Freundschaft und als Mitglieder des Performance-Kollektivs Cheap scheint es einiges zu bereden zu geben.

Vaginal Davis: Als allererstes muss ich etwas klarstellen: Viele denken, dass Marc und ich unter dem Titel (W)rap On Desire einen Vortrag halten oder eine Lesung geben werden, aber im Grunde genommen werden wir uns nur miteinander unterhalten. Eben so, wie wir es sonst auch tun. Allerdings wird es auch ein informatives und performatives Gespräch sein. Performativ insofern, als dass wir einen eigentlich recht privaten Moment öffentlich machen und uns das Publikum zuhören kann.

„Es ist häufig so, dass eine schwarze person als letztes kommen darf, oder eine, die performt.“

Marc Siegel: Ich muss zugeben, dass ich den Ausdruck performativ ziemlich satt habe, was vermutlich an meinen Erfahrungen als Akademiker liegt. Der Begriff wird viel zu oft benutzt, und soll dann wohl schlicht bedeuten, dass etwas besonders gut, also dynamisch und einnehmend war. Wie zum Beispiel eine performative Vorlesung. Aber so wie Miss Davis ihn in Vorbereitung auf unser Gespräch gebrauchte, half er mir tatsächlich, unser Ziel besser zu fassen: Dass wir eben keine exklusive Konversation führen wollen, sondern eine organische, die anderen zeigt, wie wir miteinander in Austausch stehen und wie sich unsere Gedanken entwickeln. Das wird sicher ganz anders als das, was die Studierenden bisher in der Veranstaltungsreihe mitbekommen haben. Sie haben schon einige interessante Vorträge gehört und viel Input bekommen, jetzt zum Schluss haben sie sich etwas Lockeres verdient. Es ist ja tatsächlich häufig so, dass eine schwarze Person als letztes kommen darf, oder eine, die performt.

VD: Und mit mir kriegen sie beides in einem! Vor Studierenden zu sprechen ist für mich im Übrigen nicht selbstverständlich, ich bin schließlich keine Akademikerin und wollte auch nie eine werden, weil ich kein Teil einer Institution sein will. Aber weil es sich trotzdem irgendwie richtig anfühlt zu unterrichten, gebe ich mittlerweile Workshops und vereinzelt Seminare. Ich habe das erste Mal vor einer Klasse gesprochen, als der inzwischen verstorbene Künstler Mike Kelley mich gebeten hat, seine Studierenden am Pasadena‘s Art Center College of Design zu übernehmen, weil er für ein paar Wochen wegen eines Kunstprojekts nach Europa musste. Ich glaube, er wollte damit die Administration der Uni schocken, aber es klappte alles ganz wunderbar! Dass ich dann später auch an europäische und sogar deutsche Unis eingeladen wurde, hat mich schon gewundert. Die Hierarchien sind ganz anders als in LA und meine praktische Art des Unterrichtens ist hier eher unkonventionell. Die Studierenden werden so mit Theorie überschüttet, dass sie direkt geschädigt davon sind. Daher ermutige ich sie, selbst künstlerisch und praktisch tätig zu sein, und auch mit mir an meinen Projekten zu arbeiten. Deshalb halte ich gern weiterhin Kontakt mit den ehemaligen Studierenden. Meistens schreiben wir uns Briefe – richtige, per Post!

MS: Wir profitieren sehr von jungen Menschen, von ihren Ideen und Energien. Einer von Miss Davis’ ehemaligen Studenten, Jonathan Berger, ist auch Teil einer meiner liebsten Festivalerfahrungen. Für Camp/Anti-Camp – A Queer Guide To Everyday Life, ein interdisziplinäres Festival, das meine Partnerin Susanne Sachsse und ich 2012 kuratierten, hat er einen Raum designt, in dem alle Kunstformen gleichwertig integriert werden konnten. Es gab weder räumliche noch chronologische Hierarchien zwischen Vortrag, Performance und Film. So wurde beispielsweise eine Lesung genauso kunstvoll beleuchtet wie eine Performance, und Filme wurden wider Erwarten bei Tagesbeginn gezeigt. Ausstellungen ohne Rangordnung gibt es im akademischen Kontext kaum, dabei ist die Art, wie Wissen vermittelt wird, das Entscheidende. Wissenschaft und Klugheit allein reichen nicht aus, die Ästhetik der Wissensvermittlung ist essentiell.

VD: Ich selbst performe seit einigen Jahren eher selten, denn wenn ich performe, gebe ich immer 350 Prozent und für eine Frau in einem bestimmten Alter wird das schon zur körperlichen Herausforderung… Deshalb verwende ich mein Makeup nun weniger für mein Gesicht und mehr für meine Bilder! Ich male gern mit Makeup. Eigentlich habe ich schon immer gemalt oder Skulpturen gefertigt, und doch war ich lange hauptsächlich wegen meiner Shows bekannt. Vor sechs Jahren fand dann die erste Ausstellung meiner Gemälde statt und es wurden immer mehr! Mittlerweile bin ich deshalb so viel auf Reisen und kaum noch in Berlin. Viele meiner Bekannten glauben ohnehin nicht so recht daran, dass ich hier wirklich wohne. Sie konnten nicht fassen, dass ich LA verlassen habe, eine Stadt, in der ich so vernetzt war.

MS: Hat Bruce „Judie“ LaBruce nicht mal gesagt, Dragqueens kämen zum Sterben nach Berlin?

VD: Oder aber, um wiederbelebt zu werden?

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