Urban Homes – Alles ist Spiel / Feature & Albumvorabstream

Foto: Heide Prange

Stichwort: Trillerpfeife. Die Kölner Band Urban Homes wagt sich auf ihrem neuen Album auch an die cheesigsten Keyboard-Sounds. Jams ist das Ergebnis eines Findungsprozesses, der beim Punk begann und nun mit einem „Midnight Munchies Jam“ endet. Mit SPEX sprachen Oliver Bersin, Stephan Weinand und Benjamin Riedl über Distanz und Wege ihrer Überwindung.

Auch wenn die glorreichen Zeiten der Musikmetropole Köln, also die mit eigenem Sound und einflussreichen Traditionslinien, langsam im kollektiven Gedächtnis verblassen – zwischen Kraut und Techno wird hier immer noch experimentiert, gefrickelt und gejammt.

Die Verschmelzung von Kraut und Disco, die die Kölner Von Spar beispielsweise auf ihren letzten beiden Alben vorantrieben, haben die von vier auf drei Bandmitglieder geschrumpften Urban Homes auf Jams nochmals auf eine ganz andere Ebene transportiert. Das von Von-Spar-Mitglied Jan-Philipp Janzen gemischte Album ist eine freie Nacherzählung der Geschichte früher elektronischer Clubmusik der Achtzigerjahre zwischen Chicago, London und Ibiza – und das auf der Grundlage MIDI- und Hardwarebasierter Jamsessions, wie der Titel es ganz geradlinig schon vorwegnimmt.

Das Album ist eine freie Nacherzählung der Geschichte früher elektronischer Clubmusik der Achtzigerjahre zwischen Chicago, London und Ibiza.

Was hier nach stringent kalkuliertem Albumkonzept klingt, ist eigentlich den veränderten Lebensumständen der Bandmitglieder geschuldet: Mit Benjamin Riedl hatte es vor über drei Jahren ein Drittel der Band von Köln nach Berlin verschlagen, und während man sich beim Debütalbum Centres noch einem klassischen Bandkonzept inklusive klassischer Instrumentierung verpflichtet sah, begann mit den Arbeiten zu Jams „ein langer und schwieriger Findungsprozess“, wie Oliver Bersin, einer der Männer für alles, erzählt. „Wir haben uns gefragt, wie man dieses klassische Konzept weiterführen kann in eine Art des Musizierens, die nicht mehr derartig an Ort und Zeit gebunden ist. Daran sind wir auch das ein oder andere Mal gescheitert, haben aber nach und nach Wege gefunden, wie so etwas funktionieren kann.“

Einer dieser Wege: Einmal im Monat für einige Tage im Proberaum einsperren. Ein anderer: Es gibt keine Beschränkungen auf bestimmte Instrumente mehr. „Über die Auseinandersetzung mit elektronischen Instrumenten und elektronischen Aspekten im Allgemeinen kam so etwas Spielerisches rein. Das kannte ich nicht. Die ganzen Funktionen kannte ich nicht. Das ganze Prinzip kannte ich noch nicht. Aber über das Ausprobieren kamen meistens super Sachen raus. Das war so nicht planbar. Und total schön“, erinnert sich Stephan Weinand, und Bersin ergänzt: „Es war wirklich immer ein sehr unbewusstes Musizieren. Wir haben uns an gegenseitig den Instrumenten und Geräten gesucht. Was dabei herauskam, war für uns selbst auch oft sehr überraschend.“ Die entstandenen Songs, die sich an einzelnen Loops oder catchy Melodien entlang hangeln, wurden danach in einem langwierigen Produktionsprozess immer wieder neu beleuchtet und anders ausgerichtet, mal von Oliver Bersin allein, mal zu zweit, mal auch zu dritt.

„Bis zu einem gewissen Grad ist es auch gut, live Fehler zu machen und Fehler machen zu dürfen. Das macht Livemusik aus.“

„Einige Songs würde man, wenn man bei der Jamsession dabei war, nicht wiedererkennen“, meint Riedl, was die Tatsache umso faszinierender macht, dass die fertigen Songs nicht überproduziert klingen, sondern die Lässigkeit grooviger Jamsessions transportieren. Als gelte es, ihren unverfälschten Proberaum-Spirit noch zu unterstreichen, haben die Tracks ihre Arbeitstitel schlicht behalten, heißen „Tropical Jam“, „Sex Jam“, „Space Jam“ oder „Midnight Munchies Jam“. Auf durchschnittlich fünf bis acht Minuten Länge werden die eingangs erwähnten repetitiven Disco-, House- und Techno-Zitate mal von nebulösen Synthesizern umwabert, verlieren sich in Dub und Kraut oder werden von catchy Pop-Ansätzen umspült. Das alles so lässig und gekonnt, als kämen die Mitglieder von Urban Homes nicht aus Punk- und Post-Rock-Gefilden.

Früher habe man oft eine gewisse Skepsis gehabt, Sachen gut zu finden, weil sie zu poppig oder Mainstream waren. Heute feiere man das natürlich affirmativ ab, so Oliver Bersin. Diese Herangehensweise ermöglicht Urban Homes allerdings, selbst die cheesigsten Keyboard-Sounds – Stichwort: Trillerpfeife – auszupacken und sie in ein wattiges Soundumfeld einzubetten. Die stimmlichen Qualitäten von Gastsängerin Hanitra Wagner wiederum wurden zwar, anders als die der Keyboard-Trillerpfeife, nie in Frage gestellt. Dennoch ist es überraschend, wie passgenau die Stimme des Oracles- und Die-Heiterkeit-Mitglieds manche Songs vervollständigt.

Und wie stellt sich die Band nun eine Live-Umsetzung dieses Sounds vor? „Gute Frage«, gibt Bersin zurück. „Es ist auf jeden Fall so, dass wir die Platte, wie sie jetzt aufgenommen und abgemischt ist, live gar nicht umsetzen können. Es ist eine technische Notwendigkeit, das Ganze irgendwie reduzierter, hier und da freier zu interpretieren.“

Dass der Trend sich langsam wieder vom einsam auf der Bühne herum klickenden Laptop-Artist wegbewege, begrüße man in jedem Fall. „Unser Konzept war es ja bislang, komplett auf Computer zu verzichten und alles live mit Hardware umzusetzen. Das ist technisch immer sehr aufwendig und auch ziemlich fehleranfällig. Bis zu einem gewissen Grad finde ich das auch gut, live Fehler zu machen und Fehler machen zu dürfen. Das macht Livemusik aus“, meint Bersin. Die kommenden Wochen und Monate werden sich Urban Homes zwangsläufig konkreter mit dieser Frage befassen. Aber wenn man bedenkt, wie kongenial die Band das Problem der räumlichen Distanz gelöst hat, sollte das auch kein unüberwindbares Hindernis sein.

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