Unzerstörbar, dunkel, opak

Shoah
Verwucherndes Gelände rund um das Vernichtungslager Treblinka
(Foto: © Eva Beth / Torsten Oelscher / SPEX)

Nach vielen Jahren kann man »Shoah«, Claude Lanzmanns tief bewegende Auseinandersetzung mit dem Holocaust, erstmals wieder im Kino sehen. Auf Initiative von Spex zeigt das Arsenal Kino Berlin »Shoah« auf zwei aufeinanderfolgende Tage verteilt, Claude Lanzmann wird auf Einladung von Spex an beiden Abenden anwesend sein und einleitende Worte sprechen.

   In unserer aktuellen Ausgabe, Spex #313, berichtet Claude Lanzmann ausführlich von der Motivation für und der Entstehung von »Shoah«. Unsere in Paris lebenden Fotografen Eva Beth und Torsten Oelscher reisten Anfang dieses Jahres im Auftrag von Spex über Warschau nach Treblinka, um dort, ähnlich wie es Claude Lanzmann in seinem 1985 erschienenen Film unternommen hatte, Bilder der grasüberwucherten Überreste des Vernichtungslagers und der angrenzenden Landschaften zu fotografieren – diese gerade wegen ihrer sachlichen Sprache erschütternden Bilder illustrieren unser 14-seitiges Interview.

   Wir bedanken uns für wertvolle Unterstützung beim Bureau Claude Lanzmann, der Französischen Botschaft / Bureau du Cinéma, Absolut Medien, für die logistische Hilfe von Cineclick.de, Alexander Lacher und dem Kino Arsenal / Freunde der deutschen Kinemathek e.V.

   Auf der folgenden Seite: die Einleitung des Interviews aus Spex #313.

»Shoah« von Claude Lanzmann
Regie: Claude Lanzmann, Frankreich, 1974 – 1985, Originalton mit Untertitel, 274 / 292 Min.
04.03., 19:00 Uhr /// 05.03., 18:30 Uhr
Berlin – Arsenal Kino (Potsdamer Str. 2)


VIDEO: »Shoah« (Trailer)

Mit Dank an unsere Partner:
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Mit seinem Holocaust-Film »Shoah« besiegte Claude Lanzmann 1985 die Zeit.

    Der Weggefährte von Jean-Paul Sartre und spätere Mann von Simone de Beauvoir brauchte zwölf Jahre, um, wie er es ausdrückt, »die Toten sprechen zu lassen«. Der zweiteilige, insgesamt neuneinhalb Stunden lange halb dokumentarische, halb inszenierte Film hat die systematische Vernichtung der europäischen Juden durch die Nationalsozialisten zum Thema – Lanzmann wählte das Stilmittel des Interviews, um sich den Tötungsprozess von Augen- und somit Zeitzeugen bis ins letzte Detail schildern zu lassen.

    Das Ergebnis ist einerseits niederschmetternd. Andererseits verwirrt »Shoah« dank seiner ruhigen Inszenierung, dank seiner kinematografisch beeindruckenden Aufnahmen wunderschöner Landschaften – die Filmbilder zeigen die Tatorte, aber man sieht (vermeintlich) unberührte Wälder, idyllische Dörfer, friedliche Natur.

    Claude Lanzmann wurde 1925 in Paris geboren und ging 1940 im Zuge der Besatzung Frankreichs durch die Deutschen als 15-Jähriger gemeinsam mit seinem Vater in die Résistance. Dort lernte der Jude Lanzmann, »den Menschen zu misstrauen und mich selbst unsichtbar zu machen«. Zwei Eigenschaften, die es dem jungen Mann ermöglichten, den Zweiten Weltkrieg ohne Deportation zu überleben.

    »Ich habe eine dunkle Seite in mir, die mich unerklärlicherweise das Unheil suchen lässt«, erklärt Lanzmann, als wir ihn im Dezember 2007 in seiner Pariser Stadtwohnung in der Nähe der Place d’Italie besuchen. Das Interview findet in zwei Etappen zu je vier Stunden an zwei Tagen statt. Lanzmann: »Diese dunkle Seite ließ mich vermutlich direkt nach dem Krieg in Deutschland Philosophie studieren, und vermutlich drehte ich auch deswegen ›Shoah‹.«

    Der heutige Herausgeber der von Sartre und de Beauvoir 1945 gegründeten Politik- und Kulturzeitschrift Les Temps Modernes drehte »Shoah« allerdings nicht völlig aus eigenen Stücken. Tatsächlich wurde er Anfang der siebziger Jahre von israelischen Privatiers darum gebeten, nachdem er 1972, mit 38 Jahren (!), sein Regiedebüt »Pourquoi Israël« (»Warum Israel«), einen Dokumentarfilm über jüdische Identität nach der sogenannten ›Endlösung‹ und dem Zweiten Weltkrieg, fertiggestellt hatte. Vielfach wurde das Werk als »bester Film, der je über Israel gedreht wurde« bezeichnet.

    Aktueller Anlass unseres Gesprächs mit Claude Lanzmann sind die DVD-Erstveröffentlichungen von »Pourquoi Israël« (»Warum Israel«) und »Shoah«, die zeitnah zum 60. Jahrestag der Staatsgründung Israels am 14. Mai 1948 erscheinen. Schwerer wiegt allerdings, dass heute nur noch sehr wenige Augenzeugen des Holocaust leben – und gerade ein Film wie »Shoah« die Erinnerung wachzuhalten imstande ist, weil er irritierenderweise ungeachtet seiner Thematik eben auch ein Meisterwerk des Kinos ist.

    Denn Claude Lanzmanns filmhistorisches Verdienst ist es, die Lehren der Psychoanalyse auf die journalistische Form des Interviews anzuwenden, wenn er die Protagonisten seines Films, Opfer wie Täter, dazu zwingt, sich nicht bloß zu ›erinnern‹, sondern das Erlebte ein zweites Mal zu ›durchleben‹. Eben dieser Umstand macht es unmöglich, von »Shoah« als einem reinen Dokumentarfilm zu sprechen.

    Wenn Sarte 1947 die Frage stellte: »Was kann Literatur?«, dann beantwortete Lanzmann diese vierzig Jahre später mit »Shoah« für den Film, indem er Bilder für das ›Unzeigbare‹ und Worte für das ›Unaussprechliche‹ fand.

(Dieser Text eröffent unser 14-seitiges Spezial zu Claude Lanzmanns »Shoah«, aus SPEX #313)

»Shoah« von Claude Lanzmann
Regie: Claude Lanzmann, Frankreich, 1974 – 1985, Originalton mit Untertitel, 274 / 292 Min.
04.03., 19:00 Uhr /// 05.03., 18:30 Uhr
Berlin – Arsenal Kino (Potsdamer Str. 2)


VIDEO: »Shoah« (Trailer)

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