„Unzerstörbar, dunkel, opak“ – Claude Lanzmann im Interview

Monsieur Lanzmann, Sie wurden nach dem Krieg Journalist und in den Sechzigern Herausgeber der von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir gegründeten Zeitschrift Les Temps Modernes. Wie trafen Sie auf Sartre?
Er wurde auf mich über eine Artikelserie, die ich wenige Jahre nach dem Krieg für Le Monde über Ostdeutschland geschrieben hatte, aufmerksam. Umgekehrt waren es Bücher von Sartre, die mir in der schweren Zeit nach dem Krieg den Glauben an die Menschheit zurückgegeben hatten. Denn meine Jugend in der Résistance ließ mich nach einer Literatur suchen, die diese dunkle, gerade zurückliegende Zeit in einer angemessenen Sprache reflektierte. Es war dann das erste große philosophische Buch von Jean-Paul Sartre, das mich aufweckte und mir zeigte, dass es noch aufrechte Franzosen gab. Es trug den Titel Das Sein und das Nichts. Ich mochte damals noch nicht jeden Satz wirklich verstanden haben, gleichwohl aber bedeutete dieses Buch einen moralischen Neuanfang meines Vaterlandes, das so umfassend mit den Nazis kollaboriert hatte. Ein Buch von Sartre war für mich besonders wichtig, es erschien 1946 und hieß „Überlegungen zur Judenfrage“. Das war ein brillantes, wichtiges Buch, das ein komplexes Bild des Antisemiten zeichnete. Es erlaubte mir und vielen anderen, in Frankreich zu bleiben. Sie müssen sich vorstellen, dass die Luft nach dem Krieg und nach der sogenannten „Endlösung“ verpestet war – in Frankreich wie im Rest Europas. Sartres Buch gab uns, die wir überlebt hatten, Luft zum Atmen. Wir konnten nach diesem Buch wieder lächeln.

Gibt es eine spezifische Nachkriegserinnerung an Paris, die sich Ihnen ins Gedächtnis eingebrannt hat?
Ich habe die Trümmer von Berlin zu Gesicht bekommen, als ich Ende der vierziger Jahre an der Berliner Freien Universität lehrte. Da fiel mir auf: Paris war wie ein Dampfer, der weitgehend unversehrt den Sturm des Krieges überstanden hatte. Paris ist niemals bombardiert worden. Paris blieb unberührt vom Krieg. Das ist schön, wenn Sie heute auf diese Stadt blicken, aber das war gewissermaßen der Dank der Deutschen dafür, dass weit mehr als zwei Drittel der Franzosen überzeugte Kollaborateure gewesen waren. Ich will damit sagen, dass es nicht leicht ist zu urteilen. Sartre jedoch fand in dieser schwierigen Situation die richtigen Worte. Sartre wurde von uns als größter und wichtigster Literat und Philosoph der Gegenwart angesehen. Weil er die Frage der Moral nach dem Krieg stellte. Sartre symbolisierte die Wiederkehr der Gedankenfreiheit und somit der Freiheit.

1971 veröffentlichten Sie mit Pourquoi Israël Ihren ersten Film, nachdem Sie zuvor zwölf Jahre für Les Temps Modernes geschrieben hatten. War das eine notwendige Ausweitung des journalistischen Spielraums? Dem Geschriebenen das Bild hinzuzufügen?
Ein interessanter Gedanke und sicher richtig. Ich muss aber weiter ausholen: Sartre hatte mit seinen „Überlegungen zur Judenfrage“ ganz richtig angemerkt, dass der Jude erst durch den Blick des Antisemiten zum Juden wird. Ich habe das geglaubt, und in gewisser Hinsicht stimmt es ja auch. Nach meiner Rückkehr aus Deutschland reiste ich 195x nach Israel. Ich wollte für Le Monde über Israel schreiben, stellte vor Ort aber fest, dass mir dies unmöglich war. Das Land war für mich ein echter Schock. Ich bin in Frankreich aufgewachsen, meine Eltern haben mich nichtjüdisch erzogen und mich auch nicht mit jüdischer Kultur konfrontiert – ich bin nicht religiös, ich kannte kein einziges Gebet, ich aß nicht koscher, und jiddisch habe ich auch nie gesprochen. Kurz: Ich stammte aus einer assimilierten Familie. Aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet, ist Assimilation ein Verbrechen. Assimilation bedeutet die Zerstörung gewachsener Traditionen und von Kultur.

„In Israel stellte ich fest: Der Jude kann auch ohne den Antisemiten zu seiner jüdischen Identität finden.“

Was genau hat Sie an Israel so schockiert?
In Israel stellte ich fest: Der Jude kann auch ohne den Antisemiten zu seiner jüdischen Identität finden. Das jüdische Volk besteht aus echten Menschen – aus Alten und Jugendlichen, mit einer wirklichen Kultur. Zu entdecken, dass es eine jüdische Welt gibt, hinterließ mich verstört.

Es hört sich an, als wäre es ein logischer Schritt, vom Schreiben zum Filmen zu gelangen. Als ob es etwas gäbe, das nur die Kamera einzufangen imstande wäre.
Ich verbrachte viel Zeit in Israel. Und je länger ich blieb, desto klarer wurde mir, dass ich nicht mit der gleichen Selbstverständlichkeit über Israel schreiben konnte wie beispielsweise zuvor über Ostdeutschland. Israel war für mich zu persönlich. Es berührte zu intime Gefühle. Die Existenz Israels und dieser jüdischen Welt stellte mich als Mensch zu sehr infrage. Mit dem Dampfer reiste ich über das Mittelmeer zurück nach Frankreich und geriet in einen vier Tage andauernden, apokalyptischen Sturm. Während dieser vier Tage fasste ich den Entschluss, dass der zum Scheitern verurteilte Versuch einer „objektiven“ Reportage über Israel, die am Ende doch auf meinen persönlichen Fragen basiert hätte, absolut obszön gewesen wäre. Jeder Versuch eines „objektiven“ Reports über dieses Land, das mir seit meinem Aufenthalt so unglaublich viel bedeutete, wäre aus meiner Hand obszön gewesen.

Warum „obszön“?
Obszön, weil oberflächlich. Weil die „objektive‹ Autorenposition des berichtenden Reporters in meinem Falle eine bloße Behauptung gewesen wäre, möglicherweise sogar Eitelkeit. So kam ich zurück nach Paris mit dem gefassten Entschluss, keinen Artikel für Le Monde zu schreiben. Ich traf mich zum Abendessen mit Sartre und Simone de Beauvoir und teilte ihnen meine Gedanken mit. Sartre, der meine Skrupel sofort nachvollziehen konnte, empfahl mir, ein Buch über Israel zu schreiben. So auf alle Fälle hätte er es an meiner Stelle getan. Und auch ich dachte, dass dies die Lösung meines Problems wäre. In kurzer Zeit schrieb ich einhundert Seiten – allerdings hatte ich keinerlei Antworten auf die Fragen anzubieten, die sich mir so bohrend stellten. Vielleicht war ich einfach zu jung? So stand ich da mit der ungeschriebenen Reportage und einem abgebrochenen Buch.

Es dauerte dann fast ein weiteres Jahrzehnt, bis Sie den Schritt gingen und den Text durch das Bild ersetzten.
Ich musste vielleicht wirklich erst erwachsen werden. Den Film habe ich dann übrigens in fast keiner Zeit gedreht. Er fiel mir geradezu leicht, denn im Film durfte ich subjektiv sein. Denn die Kamera sorgte für eine ausgleichende Objektivität. Sie gab mir die Gesichter der Menschen, ihre Augen. Pourquoi Israël ist zu gleichen Teilen ein Film über mich wie über Israel. Der Film thematisiert die Frage, was der Staat Israel für einen Juden wie mich bedeutet. Ich zeige jüdische Normalität in einem jüdischen Staat. Was bedeutet das? Schließlich zeige ich eine Normalität, die doch eigentlich eine Abnormalität ist!

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