„Unzerstörbar, dunkel, opak“ – Claude Lanzmann im Interview

Claude Lanzmann ist tot. Der französische Autor und Regisseur verstarb im Alter von 92 Jahren, hinterlassen hat er unter anderem einen neuneinhalbstündigen Dokumentarfilm, in dem er Überlebende des Holocaust interviewte und damit das Unaussprechliche ansprach. Mit den SPEX-Redakteuren Jan Kedves und Max Dax sprach er im Jahr 2008 über die Entstehung von Shoah. Aus aktuellem Anlass ist das komplette Interview aus SPEX No. 313 nun online zu lesen.

Mit seinem Film Shoah besiegte Claude Lanzmann 1985 die Zeit. Der Weggefährte von Jean-Paul Sartre und spätere Mann von Simone de Beauvoir brauchte zwölf Jahre, um, wie er es ausdrückt, „die Toten sprechen zu lassen“. Der zweiteilige, insgesamt neuneinhalb Stunden lange halb dokumentarische, halb inszenierte Film hat die systematische Vernichtung der Europäischen Juden durch die Nationalsozialisten zum Thema – Lanzmann wählte das Stilmittel des Interviews, um sich den Tötungsprozess von Augen- und somit Zeitzeugen bis ins letzte Detail schildern zu lassen. Das Ergebnis ist einerseits niederschmetternd. Andererseits verwirrt Shoah dank seiner ruhigen Inszenierung, dank seiner kinematografisch beeindruckenden Aufnahmen wunderschöner Landschaften – die Filmbilder zeigen die Tatorte, aber man sieht (vermeintlich) unberührte Wälder, idyllische Dörfer, friedliche Natur.

Claude Lanzmann wurde 1925 in Paris geboren und ging 1940 im Zuge der Besatzung Frankreichs durch die Deutschen als 15-Jähriger Jude gemeinsam mit seinem Vater in die Résistance. Von seinem Vater lernte Lanzmann, „den Menschen zu misstrauen und mich selbst unsichtbar zu machen“. Zwei Eigenschaften, die es dem jungen Mann ermöglichten, den Zweiten Weltkrieg ohne Deportation zu überleben.

„Ich habe eine dunkle Seite in mir, die mich unerklärlicherweise das Unheil suchen lässt“, erklärt uns Lanzmann, als wir ihn im Dezember 2007 in seiner Pariser Stadtwohnung in der Nähe des Place d’Italie besuchen. Das Interview findet in zwei Etappen zu je zweieinhalb Stunden an zwei aufeinanderfolgenden Tagen statt. Lanzmann: „Diese dunkle Seite ließ mich vermutlich direkt nach dem Krieg in Deutscland Philosophie studieren, und vermutlich drehte ich auch deswegen Shoah.“

„Ich habe eine dunkle Seite in mir, die mich unerklärlicherweise das Unheil suchen lässt.“

Der heutige Herausgeber der von Sartre und de Beauvoir 1945 gegründeten Politik- und Kulturzeitschrift Les Temps Modernes drehte Shoah allerdings nicht vollkommen aus eigenen Stücken. Tatsächlich wurde er Anfang der siebziger Jahre von einer Gruppe israelischer Privatleute darum gebeten, nachdem er 1972, mit 38 Jahren (!), sein Regiedebüt Pourquoi Israël / Warum Israel, einen Dokumentarfilm über jüdische Identität nach der sogenannten Endlösung und dem Zweiten Weltkrieg fertig gestellt hatte. Vielfach wurde das Werk gar als „bester Film, der je über Israel gedreht wurde“ bezeichnet.

Oberflächlicher Anlass unseres 16-seitigen Spex-Gesprächs mit Claude Lanzmann sind die DVD-Erstveröffentlichungen von Pourquoi Israël / Warum Israel und Shoah, die pünktlich zum 60. Jubiläum der Staatsgründung Israels am 14. Mai 1948 erscheinen. Schwerer wiegt allerdings, dass heute nur noch sehr wenige Augenzeugen des Holocaust leben – und gerade ein Film wie Shoah die Erinnerung wachzuhalten imstande ist, weil er irritierenderweise ungeachtet seiner Thematik eben auch ein Meisterwerk des Kinos ist.

Denn Claude Lanzmanns filmhistorisches Verdienst ist es, die Lehren der Psychoanalyse auf die journalistische Form des Interviews anzuwenden, wenn er die Protagonisten seines Films, Opfer wie Täter, dazu zwingt, sich nicht bloß zu erinnern, sondern das Erlebte ein zweites Mal zu durchleben. Eben dieser Umstand macht es unmöglich, von Shoah als einem reinen Dokumentarfilm zu sprechen.

Wenn Sarte 1947 die Frage stellte: „Was ist Literatur?“, dann beantwortete Lanzmann diese vierzig Jahre später mit Shoah für den Film. Er dehnt die Grenzen des Kinos bis an ihre Belastbarkeitsgrenze: Indem er Bilder für das Unzeigbare und Worte für das Unaussprechliche findet, zeigt er, was Film kann.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.