Unter Strom: Sacrum Profanum / Rückblende

Folie à deux – Foto: Tomasz Wiech

Vom 1. bis 8. Oktober stand Krakau im Zeichen der musikalischen Experimente. SPEX war beim Festival Sacrum Profanum dabei.

Nanu! Von oben nach unten, von links und nach rechts rann das Wasser, ganz Krakau eine einzige Regenpfütze, und darin spiegelten sich die Wolken. Ein einsamer Schüler kam mit dem Fahrrad nicht weiter, die Wege überflutet von der Weichsel, es gab wohl Schnee, wo sie herkommt, oben in den Schlesischen Beskiden. Angesichts des Angebotes an Musikfestivals in Krakau von Alter Musik bis Unsound könnte auch das Sacrum Profanum leicht untergehen, das in diesem Jahr unter neuer Leitung und mit neuem Termin Anfang Oktober in sein 15. Jahr gegangen ist. Doch der Neustart klang vielversprechend, und wenn Objekte so etwas wie Omen bedeuten, dann wird alles immer besser werden in den kommenden Festivaljahren: Der Magnet war das Ding der Stunde.

Den gelungenen Beleg dafür, wie man Elektromagneten mit Klang-Ästhetik und dem Inhalt einer Oper zusammenbringen kann, lieferte die englische Komponistin Emily Hall. Die Bühne ihrer Kammer-Oper Folie à deux zeigte einen dunklen Raum, illuminiert durch Rasterprojektionen. Als die Komponistin selbst, wie alle von Musik und Technik seitlich der Bühne platziert, aufstand und zu einer der beiden Harfen im Hintergrund wanderte, schaltete sie die Elektromagneten an. Sie waren an der oberen Resonanzdecke der Harfe positioniert und brachten die eingebauten Stahlsaiten nun in Schwingung. Folge: ein Drone mit ausgeprägten Charakteristika von Metall und Umspannwerk.

Folie à deux – Tomasz Wiech.
Folie à deux – Tomasz Wiech

Über dieses Grundrauschen legte sich ein lieblicher Loop aus Beat und einer zweiten Harfe. Die Schlagzeugmuster kamen aus dem Computer der Londoner Produzentin Mira Calix, die bei Warp  für die experimentierfreudigen Veröffentlichungen verantwortlich ist und es mit Haltung auch zur Eröffnung der Olympischen Spiele geschafft hat. Als Tenor Andrew Dickinson seine Stimme erhob und umso mehr, als Sopranistin Sofia Jernberg ihren Part begann, ließ Hall erkennen: Ihre besondere Begabung liegt in den Singstimmen. Die beiden Figuren gaben ein romantisches Liebespaar: Wandten sich einander zu, verwoben ihre Stimmen, er nüchtern-pragmatischer Tenor, sie kindlich verliebt, mit einfachen Gesten hantierend.

Der Magnet war das Ding der Stunde.

So wurde selbst das Lied »Wonderful Things«, das von der Psychose dieses isländischen Bauern erzählt (das Libretto stammt von Björks Songtexter Sjón), zur weltumspannenden Ballade: »In West Virginia, police commander Alexandra rolls streaming curlers into her long hair«, weiß er. Im Verlauf der »Geistesstörung zu zweit« kniet sich die weibliche Figur in die Psychose ihres Geliebten. Nach seinem Zusammenbruch erst, der ihn aus dem Nichts ereilt, erkennt sie diesen Effekt. Und zieht in Frieden davon. Insgesamt wirkte diese Bühnenproduktion wie eine Skizze von etwas Größerem. Dank des souveränen Songwritings und Arrangements der Harfen und elektronischer Flächen wurde Folie à deux dennoch ein großer Wurf.

Virginal Co-Ordinates – Foto: Tomasz Wiech
Virginal Co-Ordinates – Foto: Tomasz Wiech

Magnetisches Surren auch bei der Aufführung von Virginal Co-Ordinates im Kongresszentrum Krakaus. Eyvind Kang hatte sie im Jahr 2004 geschrieben, in einer Zeit, an der er auch mit Animal Collective an deren Album Feels arbeitete. Dass mehr als 1200 Menschen kamen, lag vor allem an Mike Patton, dem Ipecac-Betreiber, dessen Prominenz aus den 1990er-Jahren mit Faith No More herrührt. Doch das eigentlich verhuscht-minimale Werk, seinerzeit von Ipecac veröffentlicht, kam hier nicht ins Fließen. Als Dirigent bekam Kang die »Sinfonietta Cracovia« nicht in den Griff, der Sound klang blechern, und so ging auch Pattons Gesangspart ziemlich unter. Während die beiden Sitars auch in Virginal Co-Ordinates für ein dronehaftes Grundrauschen sorgten, hatte zuvor im Studio des Kongresszentrums das polnische Trio Sono Genera um die Saxofonistin und Produzentin Anna Zaradny eine 45-minütige Performance von großer Energie gezeigt.

Zorn In A Chamber –Foto: Michał Ramus
Zorn In A Chamber –Foto: Michał Ramus

Ein laut abgenommenes Echoband-Gerät sorgte dabei für Impulse, stieß aber auch gerne mal in Harmonien mit Störgeräuschen hinein. Das Trio hatte ein Gespür für Ruhephasen und Noise. Fünfundvierzig dichte Minuten waren das. Nur das Arditti Quartet, ein in der Neuen und Neueren Musik gesetzer Name, kam ganz ohne Magneten und deren Klänge aus. Sie spielten höchst unterschiedliche Werke des New Yorker Improv- und Avantgarde-Meisters John Zorn, so das traurige »Carny« und das rauschend-ratternde »Necronomicon« derart voller Freude, als seien sie vier Rookies, die zum ersten Mal Zorn hören, in dem sie ihn spielen – und das mit der Präzision und Präsenz, die sich das Quartett in mehr als 40 Jahren seines Bestehens erarbeitet hat. Und so kam ein beachtlicher Jahrgang Sacrum Profanum zusammen, eine Hommage an den jüngst verstorbenen Pierre Boulez war dabei, ein Themenabend zu »Bruit«, dem Geräusch, und dazu vielen junge Namen aus zeitgenössischer Musik, Improv und Electronica – wie geschaffen auch für erste Einblicke in die Welt jenseits von Pop und Club.

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