Unten klingt anders als oben

Im September letzten Jahres nahm die Pavement-Reunion Fahrt auf. Nachdem sich die prototypische Neunziger-Indie-Band um Sänger Stephen Malkmus vor zehn Jahren auflöste, um drohenden Altersausfallerscheinungen präventiv vorzubeugen, sammelten sie sich im Herbst doch noch einmal, um das Musikprogramm des britischen All Tomorrow’s Parties- Festivals zu kuratieren. Aus vier Anfangs geplanten Shows wurde letztlich eine ausführliche Tournee, am Mittwoch spielten sie das erste ihrer drei Konzerte im deutschsprachigen Raum. Michael Lutz besuchte die Berlin-Show in der C-Halle und erlebte zwischen Mischpult und Moshpit jede Menge Quasi-Mittzwanzigjährige.


Foto: © Keith Nealy

Die Pavement-Reunion sollte offenbar die Berliner Ticket-Mafia sanieren. Egal von welcher Seite man sich am vorgestrigen Abend des Berliner Pavement-Konzerts der C-Halle näherte – es begrüßten einen Heerscharen von Schwarzhändlern, die Karten gleich bündelweise feilboten. Aber der Schuss ging nach hinten los: Während die Konzerte in New York oder London binnen Stunden ausverkauft wurden, blieb die C-Halle nach der Konzertverlegung aus dem Astra Kulturhaus bis zuletzt nur locker gefüllt. Gegen 21:30 Uhr – kurz vor Stagetime – pendelte sich der durchschnittliche Kartenpreis auf 15 Euro ein, Originalwert: 33 Euro. Das hätte also das Schnäppchen des Jahres sein können – zum Beispiel für die Kids mit den engen Hosen und den großen Schuhen, die anscheinend immer noch nicht wissen, worauf ihr ach so fresher Schrammel-Indie eigentlich fußt – von ihnen fehlte aber an diesem Abend größtenteils jede Spur.

    Umso euphorischer strahlten die Gesichter der teils weit angereisten, beinahe durchweg älteren Konzertgäste, als Stephen Malkmus, Mark Ibold, Scott ›Spiral Stairs‹ Kannberg, Bob Nastanovich und Steve West – bis auf den früh ausgeschiedenen Schlagzeuger Gary Young die Pavement-Originalbesetzung – auf die Bühne schlurften und mit »Box Elder«, einem ihrer ganz frühen Stücke, ein vor Albernheit, Tightness und Juvenilität sprühendes Konzert lostraten. Vor allem Malkmus war bester Laune: Wie ein angeschwipster Aushilfs-Jongleur schleuderte er seine Gitarren umher, spielte überkopf und verzierte den zunächst äußerst krachigen Sound mit irren Feedback-Kunststückchen.

    Dem in Punkto Zusammenspiel etwas holprigen Anfang entsprachen die verhaltenen Reaktionen des Publikums, doch schon nach kaum einer Viertelstunde fand die Band in eine wunderbare Balance und Spielfreude. Auch die Sound-Abmischung verfeinerte sich im Lauf der Show, wobei – wie so oft in der C-Halle, vormals Columbiahalle – mitunter große Unterschiede herrschten: Unten klingt anders als oben, und oben rechts entspricht mitnichten oben links. Unterm Strich brach ab dem fünften Song aber ein wohlig-krachender Sound in den Publikumsraum herab, von dem vermutlich am meisten hatte, wer sich unten zwischen Mischpult und Moshpit aufhielt.


VIDEO: Pavement – Cut Your Hair / Father to a Sister of Thought / Gold Soundz / Grounded (Live at C-Halle, Berlin, 19.05.2010)

    Sound hin, Standort her: Die tragenden Säulen dieses Konzerts waren ohnehin die unkaputtbaren Songs an sich. Man sollte sich bei einer Band wie Pavement, die seit jeher gerade auch dank ihrer trashigen Klang-Ästhetik gefällt, nicht lange am Sounddesign aufhalten. Spätestens bei »Gold Soundz« schienen sich Publikum wie auch Band wieder wie Mitte Zwanzig zu fühlen. Und nicht nur das: Die fünf Musiker – inzwischen alle über die Vierzig hinaus – erschienen körperlich fit und äußerst agil, scheuten keine Wege und wirkten ganz und gar nicht wie die verkalkten Rock-Dinos, von denen es in ihrer Generation inzwischen mehr als nötig gibt. Allein die Interaktion mit dem Publikum geriet leidlich kurz – ein paar kurze Dankesworte und ein fieser Witz über Michael Ballack waren drin, mehr nicht.

    Im weiteren Verlauf der Show konzentrierten sich Pavement vor allem auf ihre Früh- und Mittelphase, wobei einige Stücke aus »Terror Twilight« immer wieder eingestreut wurden – »The Hexx« und »Spit on a Stranger« beispielsweise. Dass Stephen Malkmus erst nach gut anderthalb Stunden sein erstes ernsthaftes Solo zockte, konnte man indes begrüßen oder bedauern. Das war beim Stück »Stop Breathin’«, mit dem Pavement die Schlussphase ihres regulären Sets einläuteten. In den zwei Zugaben folgte zuerst die Pflichtnummer »Silence Kid«, bevor man mit »Range Life«, gleichfalls ein Klassiker aus dem streitbar besten Album »Crooked Rain, Crooked Rain«, in eine blass-graue Berliner Mainacht entlassen wurde. »Don’t worry / We’re in no hurry«: Wer zuvor schon strahlte, begann nun zu glühen.

 

Pavement spielen im Rahmen ihrer Reunion-Tour heute Abend in Wien (21.05., Arena, ausverkauft) und München (22.05., Muffathalle, mit Health), für die Münchener Show sind noch Tickets erhältlich. Ein neues Studio-Album ist derzeit nicht geplant, aber auch nicht explizit ausgeschlossen.

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