Unknown Mortal Orchestra „Sex & Food“ / Review

Ruban Nielson hat die Schlaffheit abgelegt und klingt auf Sex & Food wie Childish Gambino. Ist das eine gute Nachricht?

2003 war es, die Musikwelt befand sich im Retro-Gitarrentaumel, und manche fragten sich, ob es überhaupt noch möglich sei, genuin neue Musik zu machen. Der Schwede Anders Wendin veröffentlichte damals nach dem Ende der Ska-Punk-Band Monster sein Solodebüt unter dem Namen Moneybrother. Darauf zu hören: zuckrig schmachtender Soul und spitze Funknummern, die an ganz andere Ecken der Popgeschichte anknüpften als der große Rest aller damals angesagten Bands – und trotzdem einen Nerv trafen.

Nun ist Moneybrother schon lange vergessen, und Retro-Gitarren leisten zwar nicht mehr im breiten Mainstream, aber weiterhin in diversen Nischen der eklektisch-postmodernen Musikgegenwart ihren Dienst. Aus einer dieser Nischen, dem Psychedelic-Rock, emanzipierte sich die neuseeländische Band Unknown Mortal Orchestra um Ruban Nielson bereits mit ihrem dritten Album Multi-Love (2015). Lallende Gitarren und breite Synthesizer waren hier nur noch gleichberechtigte Mitwirkende neben Dance-Beats, Bläsern und funky Basslines.

Etwas ist mit Nielsons Stimme passiert.

Drei Jahre später haben Unknown Mortal Orchestra mit Sex & Food diese Emanzipation vollendet. Die neuen Verbindungen, die auf Multi-Love entstanden waren, sind inzwischen fest zu einem vielschichtigen, organischen Ganzen verwachsen. Was hier noch an Psychedelic-Rock erinnert, macht ganz andere Referenzrahmen auf als es heutige Hörgewohnheiten erwarten ließen. So changiert „Major League Chemicals“ zwischen Garage und Prog und erinnert mit einer Kombination aus Flanger-Gitarre und E-Orgel an die guten alten Euroboys. „American Guilt“ hingegen reproduziert den krachig-dreckigen Stoner-Sound von Neunzigerjahre-Bands wie Kyuss.

Mit „Ministry Of Alienation“, dem zweiten Song der Platte, stellt sich ein weiterer Überraschungseffekt ein, der das gesamte Album trägt: Etwas ist mit Nielsons Stimme passiert. Nicht nur, dass er akzentuierter singt, die Schlaffheit ein Stück weit abgelegt hat. Nein, hier wurde auch anders aufgenommen und produziert als bisher. Die Stimme liegt hinter einem Schleier und ist gleichzeitig klar definiert, erinnert stark an die letzte Platte von Childish Gambino. So kommt es, dass die meisten abgehangenen Funk- und Soul-Nummern auf Sex & Food wie eine Kombination aus dem pointierten R’n’B-Gesangsdrive ebenjenes Musikers und einer schluffigen Produktionsattitüde wie etwa bei Washed Out klingen. Gar nicht zeitgeistig, und doch voll den Nerv getroffen. Money, brother.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here