Wohin mit dem Fisch?

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Ausschnitt Still — Underwater Love – A Pink Musical, Regie: Shinji Imaoka, 84min, Japan / Deutschland 2011
(DVD) Rapid Eye Movie / Alive — 02.03.2012

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Die Makrele zappelt noch – aber wohin mit ihr? In der Hand der hochgradig aufgeregten Asuka schnappt der kleine Fisch nach Luft. Die 35jährige, unverheiratete Angestellte stolpert irritiert durch ihre Fischfabrik. Plötzlich Musik, Asuka und ihre Kollegen nehmen Haltung an, tanzen nach einer eigentümlichen Choreographie. Sobald eine Stimme ertönt, die nicht ohne Grund nach Françoise Cactus von Stereo Total klingt, bewegt Asuka ihre Lippen, synchron zum fröhlichen Popsong über eine »hungrige alte Frau.« Ein Mann mit Kochtopf und Käscher sitzt in einer Plastiktonne, er wird ins Bild geschoben und – offenbar hat er nichts Appetitstillendes zu bieten – gleich wieder hinaus. Plötzlich bricht die Musik ab, alle gehen wieder an ihren Platz.

   So beginnt Underwater Love – A Pink Musical, die erste Eigenproduktion des vor allem auf den asiatischen Film spezialisierten Kölner Verleihs Rapid Eye Movies, die nun auf DVD erscheint. Eingeweihten dürfte sofort klar sein, was es bedeutet, dass der Regisseur hier Shinji Imaoka heißt: das Trashmusical entwickelt sich binnen weniger Minuten zum skurillen Sexfilm. Asuka (Sawa Masaki) fühlt sich zu alt, um ein Liebesleben in der bloßen Theorie zu führen und zu jung, um aus reiner Bequemlichkeit den penetranten Umwerbungen ihres Chefs nachzugeben. So kommt ihr das Wiederauftauchen ihrer alten, unerfüllten Jugendliebe Aoki (Yoshirô Umezawa) gerade recht. Der war zwar vor vielen Jahren bei einem Badeunfall ums Leben gekommen, eine Affäre macht das jedoch keinesfalls unmöglich: Er wurde als Kappa wiedergeboren, als amphibisches japanisches Fabelwesen, das sich vor allem von Gurken ernährt. Ansonsten unterscheidet sich Aoki von dem menschlichen Mann, der er hätte werden können, vor allem durch seinen schnabelähnlichen Mund und einem primären Geschlechtsmerkmal, das in Form und Robustheit an erzgebirgische Drechselarbeiten denken lässt. So weit, so praktisch. Leider gilt der Kappa aber auch als Bote des Todes, demzufolge sich der skurrile Sexfilm zunehmend in ein Abenteuer verwandelt, das treffenderer Weise »Die Jagd nach der lebensrettenden Analperle« heißen könnte.


   Keine Frage: Underwater Love – A Pink Musical gehörte zu den auffälligsten Kinofilmen des letzten Jahres, nicht zuletzt weil neben Stereo Total für die Filmmusik auch der australische Kameraberserker Christopher Doyle engagiert wurde, um etwa regennasse Gurkenfelder in stimmungsvolle Bilder zu bannen. Von besonderem Interesse ist diese Low-Budget-Variante eines High-Concept-Films allerdings, weil er vortrefflich als Marketingtool für das hierzulande noch viel zu wenig beachtete Genre der japanischen Pinku Eigas funktioniert – und wohl nicht zuletzt als ein eben solches produziert wurde. Eine internationale Popularisierung des Pink Cinema würde nämlich sowohl Rapid Eye Movies ein weiteres Standbein verschaffen als auch Shinji Imaoka die Existenz sichern – der japanische Regisseur gehört zu den entschiedensten Fortführern der auf die Sechziger Jahre zurückgehenden Tradition der Pink Movies. Diese Softcorefilme zeichnen sich durch ihre preiswerte, aber unabhängige Produktion aus, sie werden üblicherweise auf 35mm gedreht, die Schauplätze sind auf drei bis vier Schauplätze beschränkt, die Drehzeit geht nicht über eine Woche hinaus. Jenseits dieser marktorientierten Erfordernisse herrscht erzählerische Freiheit, was das Genre auch zum ersten Experimentierfeld für junge, später international etablierte Filmemacher machte, siehe etwa Running In Madness, Dying In Love (1969, Regie: Kōji Wakamatsu) oder Groper Train: Sexy Time Trip Ninjas (1984, Regie: Yōjirō Takita). 

   Zur Geschichte des Pink Cinema gehört freilich auch seine Aneignung durch das japanische Major-Studio Nikkatsu, das mit seiner Serie Roman Porno in den Siebzigern und Achtzigern in Konkurrenz zu den Pinku Eigas trat. Es brachte etwas aufwendigere, an Roger Corman's B-Movies erinnernde Produktionen hervor. Woods Are Wet (1973, Regie: Tatsuao Kumashiro) etwa, eine Adaption von Marquis de Sades Justine, die mittlerweile auf Festivalretrospektiven für Verstörung und Amüsement sorgt. Denn hier wurde das wesentliche in Hardcore-Szenen nicht durch kunstvolle Arrangements und Kamerawinkel verdeckt sondern im Nachhinein schlicht mit Balken zensiert, was im Falle von Orgien-Szenen zu einer bizarren, aber ästhetisch durchaus reizvollen Kinoleinwand führt, die gefüllt ist von lauter zuckenden, schwarzen, geometrischen Figuren.

   Auch jüngere Pink Movies wie Hiroshi – The Freeloading Sex Machine (2005, Regie: Yûji Tajiri) können allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch das Pink Cinema in seiner Existenz bedroht ist. Wurden in seinen besten Zeiten in den Sechziger Jahren weit über 200 Pink Movies pro Jahr gedreht, waren es im Jahr 2003 nur noch knapp 70. Seither gehen Bemühungen um eine Revitalisierung und Internationalisierung des Genres mit seiner zunehmende Historisierung einher, das entsprechende Standardwerk Behind the Pink Curtain: The Complete History of Japanese Sex Cinema von Jasper Sharp erschien 2008, im letzten Jahr legte der französische Regisseur Yves Montmayeur seine Dokumentation Pinku Eiga: Inside the Pleasure Dome of Japanese Erotic Cinema vor. Die Zeichen stehen auf Pink – möchte man also sagen; dass das nicht zuletzt auch mit Underwater Love – A Pink Musical angefachte internationale Interesse am Pink Cinema von nachhaltiger Dauer sein wird, ist vorerst allerdings kaum mehr als eine zarte Hoffnung.

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1 KOMMENTAR

  1. […] Die Makrele zappelt noch – aber wohin mit ihr? In der Hand der hochgradig aufgeregten Asuka schnappt der kleine Fisch nach Luft. Die 35jährige, unverheiratete Angestellte stolpert irritiert durch ihre Fischfabrik. Plötzlich Musik, Asuka und ihre Kollegen nehmen Haltung an, tanzen nach einer eigentümlichen Choreographie. Sobald eine Stimme ertönt, die nicht ohne Grund nach Françoise Cactus von Stereo Total klingt, … Originalartikel […]

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