Über Flucht und die Flucht vor der Langeweile – Steirischer Herbst in der Rückblende

Club Panamur / Foto: Lena Prehal

Mit einem interdisziplinären Ansatz, der den Wortsinn in die Tat umsetzt, hat der Steirische Herbst seit seiner Erstauflage 1968 die Weichen für eine progressive Festivalkultur gestellt. Das älteste Festival für zeitgenössische Kunst in Europa findet im österreichischen Graz statt. Jedes Mal gibt es einen thematischen Überbau, an dem sich das Programm orientiert – in diesem Jahr auch hier unumgänglich: Migrationsbewegungen und die generelle Verschiebung kultureller Kartografien. SPEX war am letzten Wochenende von 24 Festivaltagen vor Ort.

„Wir schaffen das!“ ist im Grunde ein einfacher Satz. Und doch wirft das Zitat vom Zitat (Merkel zitiert Obama, der wohl Bob the Builder geschaut hat) gleich mehrere Fragen auf: Wer sind eigentlich wir? Was ist mit das gemeint? Wird das überhaupt aktiv geschafft oder verdankt sich ein großer Teil der europäischen Tradition nicht ohnehin schon der Migration, die quasi selbst zur Tradition geworden ist?

Der Steirische Herbst, ein internationales Festival für zeitgenössische Kunst und bereits seit 1968 Hybrid der Festivalkultur, widmet sich in seiner diesjährigen Ausgabe der Verschiebung kultureller Kartografien. Verschiedenste Genres und Disziplinen sind im Programm des Festivals untergebracht: Live-Konzerte, Clubkultur, Theater, Performance und Bildende Kunst. Alle Beiträge setzen sich auf subtile oder offensive Weise mit Erfahrungen und Beobachtungen zum weiten Feld der Migration auseinander, thematisieren das eigene kulturelle Verständnis diesseits und jenseits des europäischen Raums, dessen politische Rolle dabei implizit und explizit erörtert wird.

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Szene aus En Alerte / Foto: W. Silveri

„Bei uns ging es stets um brennende Themen. Das Festival war immer ein Versuch, die Zeit lesbarer zu machen“, meint Veronica Kaup-Hasler, Intendantin des Steirischen Herbst. „Wir wollen dem konsumistischen Denken entkommen, dass ein Festival nur aus zufälligen Aneinanderreihungen besteht.“ In diesem Jahr „geht es um ein Nachdenken in möglichst unterschiedlichen und auch paradoxen Verhältnissen“, ergänzt sie auch mit Blick auf die Künstler, die zum Teil selbst in unterschiedlichen kulturellen Milieus aufgewachsen sind.

Exemplarisch dafür steht Choreograph Taoufiq Izeddiou, der die marokkanische und französische Staatsbürgerschaft besitzt und beide kulturellen Traditionen in seinem Stück En Alerte aufeinandertreffen lässt. Izeddiou performt einen rituellen Tanz, über den man sich durch schnell kreisende Bewegungen im Kopfbereich in eine Art Trance versetzt. Die Originalform des Tanzes ist Teil einer sufistischen Zeremonie, an der Izeddiou in seiner Kindheit teilnahm und die er als erstes spirituelles Erlebnis seines Lebens bezeichnet. Anders als im traditionell vorgesehenen Setting treffen in seinem Stück zwei Instrumente aufeinander: Auf der linken Seite spielt ein Musiker eine klassische Gambri, ein afrikanisches Holzinstrument. Auf der rechten hingegen wird eine E-Gitarre bedient.

„Wir wollen dem konsumistischen Denken entkommen, dass ein Festival nur aus zufälligen Aneinanderreihungen besteht.“

Izeddiou, einer der wichtigsten Protagonisten der zeitgenössischen Tanzkultur in Marokko, befindet sich somit im Mittelfeld von Glaube und Kunst, oszilliert zwischen Tradition und Moderne. Er lässt sinnbildlich beide Kulturen aufeinandertreffen, die Musiker nahezu gegeneinander antreten bis beide kollaborieren und sich gegenseitig in ihren Kabeln verheddern. Izeddiou illustriert so das Potential der interkulturellen Annäherung und Zusammenarbeit. Zwischenzeitlich schultert sich Izeddiou die Gambri aber auch selbst um, erzeugt feedbackgenährte, bedrohlich anmutende Klänge, die an Schüsse erinnern. Er inszeniert auf diese Weise auch die Ambiguität von Tradition und Spiritualität, die einerseits als Medien der Meditation dienen, sich aber ebenso auch in rohe Gewalt verwandeln können.

Die Inszenierung Empire, der letzte Teil der Europa-Trilogie des Schweizer Regisseurs und Journalisten Milo Rau, arbeitet hingegen konkreter und verbindet Vergangenheit mit Gegenwart. Eine Schauspielerin und drei Schauspieler mit sogenanntem Migrationshintergrund spielen ihre wohl schwierigste Rolle: Sich selbst. Entwaffnend offen und ehrlich erzählen auf engstem Raum die Rumänin Maja Morgenstern (deren prominenteste Rolle die Mutter Maria in Die Passion Christi sein dürfte), die syrischen Flüchtlinge Rami Khalaf und Ramo Ali sowie der Grieche Akillas Karazissis von ihren Migrationserfahrungen und den bitteren Schicksalen ihrer Familien, die sich sowohl während des Zweiten Weltkrieges als auch im derzeitigen Syrien-Krieg abspielen.

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Milo Raus Empire / Foto: Marc Stephan

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