U.S. Girls – Eine gigantische Lüge / Feature & SPEX präsentiert live

„A woman’s work is never done“, sagte Meg Remy vor gut zwei Jahren und entlarvte als U.S. Girls schon damals das gesellschaftliche Gleichstellungsversprechen als hohle Phrase. Dass ihre Musik nicht nur deswegen Aufmerksamkeit verdient, verriet bereits das Feature aus SPEX N° 363. Nun kommt Remy mit neuer Platte und achtköpfiger (!) Band auf Tour, SPEX präsentiert und das heute nicht weniger aktuelle Feature ist aus gegebenem Anlass komplett online zu lesen.

Im Moment arbeitet Meg Remy noch als Reinigungskraft. „Das gefällt mir, aber es nervt mich auch“, sagt die in Toronto beheimatete US-Amerikanerin, die nun erstmals versucht, von ihrer Musik zu leben. Auch deshalb sitzt sie Anfang Juli weit entfernt von ihrem Zuhause in einem Berliner Park. Remy ist auf Europatour und spricht erstmals über Half Free, ihr sechstes Album binnen sieben Jahren unter dem Namen U.S. Girls. Es könnte als erstes ein breiteres Publikum erreichen.

„Die Arbeit selbst wurde zur Frauenemanzipation umgemünzt“, schreibt die feministische Autorin Laurie Penny in ihrem neuen Buch Unsagbare Dinge. „So unbefriedigend und schlecht bezahlt der Job auch sein mag: Wenn du einen hast, bist du frei, Baby.“ Arbeitserfahrene Frauen wie Penny und Remy wissen: Das ist eine gigantische Lüge. Man ist eben nur halb frei, man unterwirft sich der Arbeit. „Im Feminismus geht es um Arbeit und um Liebe und um die Abhängigkeit des einen vom anderen“, heißt es bei Penny weiter. Es liest sich wie der ideale Klappentext zu Remys musikalischem Schaffen, das auf Half Free als Aneinanderreihung verspulter, kraftvoller Pop-Jams daherkommt. Diese wurden mit Bandmaschine, Samplern und Kassettendecks zusammengesetzt: harte Arbeit also, die ungemein leichtfüßig groovt und knistert. „Mit den neuen Liedern erreiche ich das nächste Level“, findet Remy, die früher noch viel verschachtelter vorgegangen ist. Für Half Free hat sie sich ein größeres Indielabel gesucht und die Welt der Handschlaggeschäfte verlassen.

Inhaltlich verhandelt die Platte das Leben der amerikanischen Durchschnittsfrau zwischen Lohnarbeit und dem Kampf um eigene Freiräume. Sie erzählt Geschichten von kleinen Bündnissen mit der Nachbarin und der Suche nach dem großen Lebenspartner, der als Soldat in Afghanistan verschwunden ist. Themen also, die in der Popmusik nicht oft zur Sprache kommen. „Ich interessiere mich für Frauen, die meistens nicht beachtet werden“, sagt Remy. „Prostituierte, Frauen, die abgetrieben haben.“ Die dadurch heraufbeschworene Verzweiflung bringt sie in grellen musikalischen Bildern zum Ausdruck. Im Zwischenstück „Telephone Play N° 1″, einem Gespräch über Kindheitserinnerungen, sagt Remy: „Gott sei Dank bin ich niemandes Sohn.“ Die Freundin am anderen Ende der Leitung pflichtet ihr bei: „Sonst wärst du womöglich ein weiterer faschistischer Diktator geworden.“ Remy schließlich verwandelt die Vorlage: „Statt einer weiteren Frau ohne Selbstwertgefühl.“ Es folgen Sitcomlacher vom Band.

Auf die Frauen, die Remy da anspricht, warten im echten Leben: Büroarbeit, Hausarbeit und „Schönheitsarbeit“, wie es die Autorin und Politaktivistin Naomi Wolf nennt. Meg Remy, die singende, schreibende Collagen anfertigende, hoffentlich bald nicht mehr putzende Allroundarbeiterin findet:„Der Begriff Arbeit hat durch den Kapitalismus einen schlechten Beigeschmack erhalten. Für mich ist er aber enorm wichtig. Ich muss immerzu an etwas arbeiten.“ Half Free legt Zeugnis davon ab, es ist ein Quantensprung für U.S. Girls – und kann doch nur ein Zwischenstand sein. Wie heißt es so treffend am Ende der Platte?„A woman’s work is never done.“

Dieser Text ist in der Printausgabe SPEX N° 363 erschienen, die versandkostenfrei im Onlineshop geordert werden kann.

SPEX präsentiert U.S. Girls live
03.05. Berlin – Kantine am Berghain
05.05. Hamburg – Turmzimmer
08.05. Köln – Gewölbe

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