Tyler, the Creator Cherry Bomb vs. Earl Sweatshirt I Don’t Like Shit, I Don’t Go Outside

Im Schatten von Kanye und Kendrick tummeln sich die verrücktesten Gestalten.

Tyler, The Creator ist einer der größten Schreihälse im Netz. Über seinen Twitter-Feed bombardiert er seine fast zweieinhalb Millionen Follower im Minutentakt mit mehr oder weniger sinnvollen Statusmeldungen – immer und ausschließlich in Großbuchstaben, dem Online-Äquivalent des Schreiens. Als nun plötzlich sein neues Album Cherry Bomb da war, lieferte Tyler auf Twitter die Liner Notes dazu. Oder besser: Er schrie seine Gedanken zu den Songs in die Welt hinaus. Genauso überdreht und ungebremst wie sein Macher klingt auch die neue Platte des 24-jährigen Rappers. Mit Goblin und Wolf etablierte sich Tyler als eigenständige Stimme im US-amerikanischen HipHop, seine Rolle als Chef-Chaot der Odd-Future-Posse hat er nie abgelegt. Cherry Bomb ist eine knallvolle Bonbontüte geworden, ein grinsendes, janusköpfiges Monster. Zu gleichen Teilen süß wie explosiv.

Da ist der zuckrige Stevie-Wonder-Hüftenkreiser »Find Your Wings«: Der Synthie quengelt vor sich hin, im Hintergrund hängen tausend Geigen, dazu quasselt Tyler irgendwas von Flügel ausbreiten und wegfliegen. Da scheint einem die Sonne aus dem Arsch. Und was passiert dann? Unter einer dröhnenden Gitarre geht die Welt zugrunde. Der Titeltrack »Cherry Bomb« klingt in erster Linie nach Boxen kaputt. Bis man realisiert, dass der irre Creator seine Zuhörer in eine Industrial-Ödnis katapultiert hat. Das ist HipHop, zwei Jahre nach Kanye Wests Atombombenalbum »Yeezus«. West, die große Lichtgestalt des Genres, taucht auf Cherry Bomb auch als Gast auf, im wunderbar großkotzigen »Smuckers« – an der Seite von Lil Wayne übrigens. Der irre Trip von Cherry Bomb lohnt die Aufmerksamkeit, zementiert hier doch eine Stimme ihre abseitige Sonderstellung im Business.

tylerthecreator

Ein zweiter großer Rap-Außenseiter mischt ebenfalls mit beim Überraschungswettkampf im Plattenraushauen. Die vergangenen Wochen waren der blanke Wahnsinn für HipHop-Fans, neben Drake, Kendrick Lamar, Action Bronson und eben Tyler, The Creator hat auch Earl Sweatshirt, Tylers alter Odd-Future-Buddy, mit I Don’t Like Shit, I Don’t Go Outside ein Album veröffentlicht – eines, das ganz anders ist als Cherry Bomb. Aber nicht minder interessant.

Man muss sich Earl Sweatshirts zweite Platte als Gegenstück zu Kendrick Lamars Instant-Klassiker To Pimp A Butterfly vorstellen. Während der eine imaginäre Reden in seiner Heimatstadt Compton hält und gesellschaftliche Missstände anprangert, probt der andere den Rückzug ins Private. Wie schon der Titel verrät, ist I Don’t Like Shit, I Don’t Go Outside eine düstere, deprimierende Platte geworden. Schwere Beats schleppen sich durch die klaustrophobische Enge der Tracks, während Earl Sweatshirt davon rappt, dass er es nicht einmal mehr schafft, zu Hause anzurufen (»Faucet«). Hier ist nichts mehr aufbrausend und überbordend. Ein erdrückender Schleier hat sich über die Songs gelegt. Das Tagebuch eines beinahe Verlorenen. So beklemmend wie erhaben. Erkenntnis: Im Schatten von Kanye und Kendrick tummeln sich die verrücktesten Gestalten.

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