Polen feiert 100 Jahre Wiedererlangung der Unabhängigkeit. Die Unabhängigkeit der Justiz und der Medien wird allerdings von der nationalkonservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) seit ihrem Regierungsantritt 2015 konsequent ausgehöhlt. Doch wie steht es um die Kulturlandschaft Polens? Nachgang einer Stippvisite beim OFF-Festival.

Wer zuletzt die Nachrichten aus Polen verfolgt hat, könnte meinen, der große Nachbar im Osten sei auf dem besten Weg, sich in ein von der Regierung zensiertes, von Europa isoliertes Land zu verwandeln. Seit 2015 stellt die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) die polnische Regierung und sie hat keine Zeit verloren, mit ihren Gesetzen die Unabhängigkeit der Justiz auszuhöhlen, die staatlichen Medien unter ihre Kontrolle zu bekommen und zu versuchen, ihre Vorstellung von einem starken, konservativen Polen auch in der Kulturszene zu propagieren.

Geschasste Theaterintendanten in Wrocław und Kraków, eine entlassene Direktorin des Filmförderinstituts und Führungswechsel in den Polnischen Instituten – das ist bislang die Bilanz der personellen Umstrukturierung durch die PiS. Doch es gibt ihn, den Widerstand der polnischen Gesellschaft gegen diese versuchte Einflussnahme. Im Fall des Teatr Polski in Wrocław zum Beispiel bildete sich aus dem gemeinsamen Protest von Publikum und Schauspieler_innen gegen die Absetzung des Intendanten Mieszkowski das Teatr Polski w Podziemiu, also das Polnische Theater im Untergrund.

Keine Frage – die Entwicklungen in Polen müssen unbedingt weiterhin mit einem kritischen Blick beobachtet werden. Ebenso ist es aber auch wichtig zu sehen, wie vielfältig und subversiv die Kulturszene noch immer ist und wie stark sich die Zivilgesellschaft für die Freiheit der Künste einsetzt. Denn Kultur wird nicht ausschließlich mit staatlichen Geldern finanziert, sondern floriert häufig sogar dort am meisten, wo niemand so genau hinschaut.

Hier fördert eine staatliche Institution ein Festival, das zumindest von außen betrachtet nach wie vor eine unabhängige und politisch nicht angepasste Programmgestaltung betreibt.

Zum Beispiel kann sich Polen mit dem Unsound in Kraków, dem Tauron Nowa Muzyka und dem OFF in Katowice einige der feinsten Musikfestivals in Europa auf die Fahne schreiben. Während Unsound und Tauron Nowa Muzyka vor allem im Bereich elektronische Musik ein ehrgeiziges Programm verfolgen, setzt das OFF Festival auf ein eklektisches Line-Up, in dem Größen wie M.I.A. und Jon Hopkins auf Folklore-Truppen und japanischen Power-Punk-Pop treffen. Auf der fantastisch kuratierten Experimentalbühne spielten in diesem Jahr Acts wie Wednesday Campanella und Sensation’s Fix während nebenan obskure Nostalgie-Bookings wie … And You Will Know Us By The Trail of Dead oder Clap Your Hands Say Yeah stattfanden.

Vor allem aber legt Festivalgründer und Musiker Artur Rojek bei der Zusammenstellung des Programms viel Wert darauf, polnischen Künstler_innen eine Plattform zu bieten. Das Konzept ist interessant. Während die international angesagten Headliner das große Publikum ziehen, finden auf den kleinen und großen Bühnen immer wieder auch unbekannte Acts aus Polen statt.

Unterstützt wird er darin unter anderem vom Instytut Adama Mickiewicza (IAM), einem staatlichen Kulturförderungsinstitut, das dem Kulturminister unterstellt ist und dessen Aufgabe laut Statut hauptsächlich die Repräsentation von polnischer Kultur im Ausland ist. Unter anderem im Rahmen seines Programms „Don’t Panic! We’re From Poland” unterstützt das Institut Aufenthalte in Polen von ausländischen Journalist_innen, indem es wie im Fall des OFF-Festivals die Finanzierung ihrer Anreise und Unterkunft im Gegenzug für Berichterstattung in den jeweiligen Medien trägt.

So viel vorab: das OFF ist natürlich in erster Linie ein Musikfestival und liefert als solches eine solide Performance. Es verfolgt keine Agenda, solidarisiert sich nicht mit einer Sache, sondern präsentiert sich als Sammelbecken für Musikliebhaber_innen aller Genres. Vor Ort wirkt das Publikum sehr heterogen. Etwa zehn bis 15 Prozent der Besucher_innen sind international, der Rest kommt aus Polen. Ein so eklektisches Line-Up zieht natürlich die unterschiedlichsten Musikfans und Subkulturen an. Hier tummeln sich die Turbo-Jugend ebenso wie polnische Normcore-Teenager_innen, junge Familien, Hipster, die üblichen Musikfans und Gelegenheitsbesucher_innen. Obwohl man einige der progressiveren Programmpunkte sicher auch als subversive Gegenhaltung zur allgemeinen politischen Stimmung im Land verstehen kann, handelt es sich beim OFF keineswegs um ein ausgesprochen politisches Festival. Auch an Nebenschauplätzen wie dem Marktplatz gibt es an Politik allenfalls noch den polnischen Verlag Krytyka Polityczna, der eine Auswahl von Büchern zum Themenkomplex Klimawandel anbietet. Wirklich anstößig fände das wohl nur Polens Außenminister Witold Waszczykowski, der eine „Welt aus Radfahrern und Vegetariern” für den Untergang der traditionellen polnischen Werte hält.

Nun ist es ja generell kein Verbrechen, wenn ein Musikfestival eben einfach nur Musikfestival ist. Doch es macht wohl stutzig, wenn die amerikanische Sängerin Zola Jesus mit einer Populismus-kritischen Songankündigung beim Publikum eiskalt durchfällt. „Ich weiß ja nicht, wie das bei euch gerade ist,” sagt sie sinngemäß, bevor sie zum Song „Dark Days” ansetzt. „Aber bei uns in Amerika ist die politische Situation ziemlich beschissen.” Keine Reaktion. Kein Pfeifen. Kein Johlen. Kein Klatschen. Weder Zustimmung noch Ablehnung, eher Skepsis und Zurückhaltung. Zola Jesus, selbst etwas ratlos ob der mangelnden Reaktion, schiebt trotzig ein „Ich glaube, bei euch ist das auch nicht anders” hinterher und zieht die Nummer dann durch. Spätere Annäherungsversuche über die geteilte kulinarische Familiengeschichte stoßen auf deutlich mehr Gegenliebe. Einen solchen Leerlauf könnte man sich bei vergleichbaren, ebenfalls nicht ausgesprochen politischen deutschen Festivals nicht vorstellen.

Also was war da los? Ist das polnische Publikum wirklich so unpolitisch? Ist es ihnen unangenehm in dieser Atmosphäre Stellung zu beziehen? Oder sind sie einfach nur nicht wütend?

Tatsächlich erfährt die PiS-Partei im Land ja auch eine große Unterstützung – gerade in den ländlichen Regionen. Dort punktet sie vor allem mit ihrem Sozialprogramm: Kindergeld und früherer Renteneintritt. Schon möglich, dass dort in Katowice auch einige Gelegenheitsbesucher_innen zum Festival gefunden haben, um sich am Sonntagnachmittag die Zeit zu vertreiben. Möglich auch, dass durch die Heterogenität der Festivalbesucher_innen eben nicht nur die liberalen Großstadthipster im Publikum stehen.

Wenn ein Staat versucht, über die Vergabe von Fördergeldern und die Besetzung von strategisch wichtigen Institutionsposten Einfluss zu nehmen, ist das für die Freiheit der Kunst katastrophal.

Ein Kollege ist zum OFF gereist, um für ein deutsches Onlinemedium über die Auswirkung der aktuellen politischen Lage in Polen auf die Musikszene zu schreiben. Sein Fazit nach den Gesprächen ist eher durchwachsen. Als er nach einem Interview mit einer jungen Band zurückkommt, meint er fassungslos: „Die sind doch Anfang 20. Da hat man doch ‘ne Meinung!”

Festivalgründer Artur Rojek wollte sich auf Nachfrage nicht über die politische oder unpolitische Einstellung seines Festivalpublikums äußern. Auf die Frage, ob es in Zeiten der politischen Isolation die Aufgabe der Kunst und Kultur sei, Verständnis und Austausch zwischen Menschen zu ermöglichen, antwortet er recht ausweichend: „Es ist mir wichtig, eine Gemeinschaft durch unser Festival entstehen zu lassen und zu zeigen, dass wir auch nicht anders sind als alle anderen und die gleichen Gefühle haben. Wir gehen manchmal nur anders mit ihnen um.” Was auch immer das bedeuten mag.

Nach drei Tagen in Katowice ist das Fazit: Das OFF-Festival ist in erster Linie eine Kulturveranstaltung aus der freien Szene, die einerseits staatliche Kulturförderung erhält und doch andererseits mit einer entspannten Selbstverständlichkeit bunte, freakige, nonkonforme, queere Acts aus der ganzen Welt in das ehemalige polnische Industriebrachland im Südosten holt. Oder anders ausgedrückt: Hier fördert eine staatliche Institution ein Festival, das zumindest von außen betrachtet nach wie vor eine unabhängige und politisch nicht angepasste Programmgestaltung betreibt.

Wenn ein Staat versucht, über die Vergabe von Fördergeldern und die Besetzung von strategisch wichtigen Institutionsposten Einfluss zu nehmen, ist das für die Freiheit der Kunst katastrophal. In solchen Momenten lohnt es sich jedoch immer an die Orte zu schauen, an die auch der lange Arm der Regierung nicht reicht: die Off-Theater, die freie Kulturszene und den Untergrund.

Beim OFF Festival ist es am Ende übrigens ausgerechnet Big Freedia, die das Festivalpublikum in Ekstase bringt. Mit all der Exaltiertheit und der Flamboyanz der Gay Scene von New Orleans gewinnt die Drag-Rapperin mit ihrem energiegeladenen Bounce die Crowd im Bruchteil einer Sekunde. Es passiert hier zum ersten Mal, dass man die komplette Menge mitgehen sieht, tanzen, abgehen, feiern, statt nur zurückhaltendes Rumstehen und Zuhören oder versonnenes Wiegen zum Takt. Spätestens als Big Freedia eine Gruppe von Leuten aus dem Publikum auf die Bühne holt, um an ihnen die Grundregeln des Twerkens durchzuexerzieren, brennt in Katowices Tal der drei Teiche die Luft.