TV On The Radio – Dieses Umz Umz Umz

Fotos: John Dark

Den Traum von einer allseits offenen Künstlerszene in Brooklyn hatten TV On The Radio längst ausgeträumt, als ihr Bassist Gerard Smith vor dreieinhalb Jahren an Krebs starb. Mehr Teppiche wollte sich die ehemals wegweisende Band der tüfteligen US-Rockmusik nicht unter den Füßen wegziehen lassen. Ihr fünftes Album Seeds geht mit hochglänzender Popmusik und geradezu provokantem Optimismus auf seine Hörer los. Es ist das neue Manifest einer Laborkittelband, die im pinkfarbenen Anzug wiedergeboren wurde.

Schon 2003 klangen TV On The Radio, wie sich das Leben im Jahr 2014 anfühlt. Im Hochsommer erschien damals ihre erste EP Young Liars, die Band bestand aus dem Multiinstrumentalisten David Andrew Sitek, Sänger Tunde Adebimpe und dem gerade dazugekommenen Gitarristen und Zweitsänger Kyp Malone. Sofort erklärte die Presse TV On The Radio auf Jahre hinaus für unschlagbar. Seit einer Ewigkeit, hieß es, sei niemand mehr seiner Zeit so weit vorausgewesen. Gemeint war damit der Glaube, TV On The Radio könnten sich im großen Stil durchsetzen mit ihrer schwer kategorisierbaren Musik zwischen Soulgesang, No-Wave-Noise, Shoegaze, Doo-wop und Saxofonsoli. Drei Männer aus Brooklyn sollten den Artrock in ein neues Zeitalter der Offenheit und breiten Akzeptanz führen.

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Schwer zu sagen, ob die Journalisten damals wussten, was sie schrieben. Recht hatten sie jedenfalls. Zwar wurden TV On The Radio nie zur Speerspitze einer Bewegung für die unplanmäßige Verwendung von E-Gitarren, Tapeloops und Beach-Boys-Harmonien. Ihre Musik aber war der Zeit wirklich voraus. Sie erahnte vier Jahre vor dem ersten iPhone das Gefühl, ein zweites Leben in der Hand zu halten, es managen zu müssen und darüber ein bisschen verrückt zu werden. Vor allem die deep cuts auf TV On The Radios Debütalbum Desperate Youth, Bloodthirsty Babes (2004) klangen, als hörte man mehrere Songs gleichzeitig. Der Tonspurenzähler ging hoch bis kurz vor dreistellig, die Texte ließen viele Leerstellen und Verkürzungen drin, Struktur und Textur stachen Melodie aus. Es war ein ganz schönes Rauschen, oft überwältigend, manchmal auch erdrückend. Im Rückblick kommen einem selbst Bandname und Albumtitel verdächtig vor.

»Habe ich nie so gesehen«, sagt Kyp Malone zehn Jahre später im New Yorker Büro seiner Plattenfirma. Er ist mit TV On The Radios Schlagzeuger und Bassist Jaleel Bunton, der seit 2005 zur Band gehört, für Interviews nach Manhattan gekommen. Geht man nach dem trostlosen Zimmer am Ende eines langen Ganges, in das sie dafür gesetzt wurden, könnte gleich aber auch George Clooneys professioneller Rausschmeißertyp aus dem Film Up In The Air reinkommen und die beiden aus ihrem Plattenvertrag entlassen. Die verbliebenen Brooklyner Mitglieder von TV On The Radio befinden sich im fünften Stock eines Gebäudes auf der Fifth Avenue, umgeben von vergessenen Topfpflanzen, ausrangierten Dell-Computern und gerahmten Plattencovern (Katy Perry, Beach Boys, Beastie Boys). Bunton trägt bunte Sneakers und passend-unpassende bunte Socken. Malone sieht aus, als seien Bart und Frisur bei ihm vertauscht worden.

Weiterlesen in der aktuellen SPEX °357.

Das komplette TV On The Radio-Album Seeds im Stream:

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