Review: TV On The Radio Dear Science

Zitieren, modulieren, collagieren: Mit diesen Methoden wird heutzutage Pop gemacht. Auf  eine neue, stilistisch autonome Musik, die – so wie Hiphop in den Achtzigern oder später Grunge und Techno – in der Vergangenheit meistens verlässlich zum Ende der Jahrzehnte aufblühte, hofft in den ausklingenden nuller Jahren wohl niemand mehr. Und gäbe es nicht Bands wie TV On The Radio, die bewiesen haben, dass auch aus dem Stilmosaik ein neuer Geist aufsteigen kann, wäre es wohl eine traurige Angelegenheit zu beobachten, wie Retro- und Zitatpop uninspiriert vor sich hin dümpeln, Innovation mit Recycling verwechselt wird und die meisten Protagonisten gar nicht bemerken, dass sie sich um Kopf und Kragen copypasten.

Seit ihrer Gründung vor sieben Jahren gehören TV On The Radio aus Brooklyn also zu den wenigen Guten in diesem verrückten Style- und Mash-Up-Zirkus. Auf ihrem letzten Album »Return To Cookie Mountain« (das dritte, zählt man die zaghafte Spaß-Veröffentlichung »OK Calculator« mit) krachten Welten aufeinander: Dave Sitek, Kyp Malone und Sänger Tunde Adebimpe verschweißten darauf Art- und Glamrock, Kraut- und Shoegaze-Feeling mit tiefschwarzen Stilen wie Gospel, Soul und dreckigem Funk zu einem weirden Psych-Rock, der derart viel Response und Nachahmer fand, dass mitunter schon von einem neuen »Sound of Brooklyn« die Rede war. Sie katapultierten sich damit an die Spitze der New Yorker Indie-Avantgarde, wo sie seither ein einsames Dasein fristen und höchstens mal durch Dave Siteks eifrige Produzententätigkeit für Gesinnungsgenossen wie Celebration oder Dragons Of Zynth etwas von dem Glanz abgeben, der ihren einzigartig anachronistischen Sound umgibt. Was das für »Dear Science«, das neue TVOTR-Album bedeutet, ist klar: Erwartungshaltungen, höher als die örtliche Kriminalitätsrate!

Um es vorweg zu nehmen: »Dear Science« kann neben »… Cookie Mountain« bestehen, weil TVOTR das einzig Richtige machen: Sie zeigen einen unbändigen Willen zum Progress und verfolgen ihr ganz und gar egoistisches Erkenntnisinteresse weiter. Verschwenderisch fahren sie die Instrumente auf: Dumpfe Toms, spröde Sythesizer, tribalistische Percussions und erhabene Blechbläser aller Art kommen in den elf oppulenten Tracks zum Einsatz, ohne jedoch die Songstrukturen mit zu viel Input zuzukleistern. Sie crossen die Rhythmen, verdoppeln die Bassdrum und schmeißen das Equipment mitunter orchesterweise ineinander. Eine auffällige Neuerung ist der vermehrte Einsatz von Funkgitarren und -rhythmen in Stücken wie »Crying«, »Red Dress« oder der ersten Single »Golden Age«. Die Vocals werden nicht mehr in zig Spuren übereinander geschichtet, dafür scheint sich Sänger Tunde Adebimpe noch eine weitere Oktave nach oben antrainiert zu haben: so hoch steigt seine Stimme in Stücken wie »Stork And Owl« oder »Halfway Home«, dem atmosphärisch-treibenden Eröffnungsstück. In »Dancing Choose«, ein mit dunklen Synthieflächen unterlegter Uptempo-Track, zeigt Adebimpe zudem, dass er jetzt auch aggressive Raps ausspucken kann – um dann im Refrain wieder auf weich umzuschalten und mit seiner Falsettstimme die tiefen Tenor-Saxophone zu konterkarieren. Bei »DLZ«, dem späten Höhepunkt des Albums, schieben sich verstörende Backgroundgesänge und mächtige Paukenschläge über einen dunklen, mit bedrückenden Synthies unterlegten Hiphop-Beat, alles zugunsten einer dumpfen, halligen, fast sakralen Stimmung.

Mit »Dear Science« schlagen TVOTR die Schneise durch die Zitatmuckerei und verpassen dem zeitgenössischen Indierock ein weiteres umfassendes Update. Und wenngleich sich viele ihrer Neuerungen von Bekanntem ableiten, so arbeiten sie doch insofern stilistisch autonom, als dass sie auf ihre ganz eigene Weise Tradition und Moderne zu einem herrlich stimmigen Sound-Anachronismus verquicken. Die Kollision der Stile, das ist ihre Methode. Und überhaupt: TV On The Radio. Der Clash beginnt doch eigentlich schon mit dem Namen.

LABEL: 4AD / Beggars Group

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 19.09.2008

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