Tune-Yards, Königin des Regenbogens

tune-yards by Reinhard Bremach
​FOTO: Reinhard Bremach

Am Ende saß Merrill Garbus auf einem Berg aus Worten und fragte sich, was sie bedeuten könnten. Für Nikki Nack, ihr drittes Album als Tune­-Yards, schrieb die Sängerin und Multiinstrumentalistin mehr Texte und Musik als je zuvor. Herausgekommen ist dabei ein Protestalbum und gleichzeitig ein Album über den Beruf der Protestsängerin, im Schiffscontainerstudio umgesetzt mit Hilfe von haitianischer Schlagzeugtechnik. Walt Whitman und Charlie Chaplin gaben die Richtung vor, Lisa Simpson hängt auch noch irgendwie mit drin.

Merrill Garbus trägt, von oben nach unten: notdürftig drübergefärbte blonde Haare, grüngelben Lidschatten, einen Weltkugelohrring, zwei orangetürkise Häkelketten, eine mit Bommeln, eine mit Bändchen, braunes Top unter orangenem Cardigan, rote Jeans und gelbe Turnschuhe. Eigentlich fehlt nur noch ein Papagei auf ihrer Schulter. Die Musikerin aus Oakland ist zu Werbezwecken in Berlin, und so gesehen hat sie alles richtig gemacht – übersehen könnte man sie höchstens, wenn sie vor einem Jackson-Pollock-Gemälde stünde.

Es geht um Nikki Nack, die dritte Platte, die Garbus unter dem Künstlernamen Tune-Yards veröffentlicht, und dazu gehört ein Outfit in allen Farben des Regenbogens, weil es auf Nikki Nack darum geht, Aufmerksamkeit zu erregen, sich Gehör zu verschaffen. Eine Stimme, die gefährlich ist für Sektflöten, wurde der 34-Jährigen in die Wiege gelegt. Inzwischen erhebt sich diese Stimme immer lauter gegen die Menschen, die normalerweise an der Sektflöte dranhängen.

Nikki Nack ist ein postmodernes Protestalbum. Es gibt darauf ein Kinderlied über den Krieg um das Wasser, der in manchen Ecken der Erde längst ausgebrochen ist, ein kannibalisches Hörspiel und ein Selbsthass-lullaby. Die Platte nahm Form an auf einer Rückbildungsreise nach Haiti, die Garbus im vergangenen Jahr antrat, um das letzte bisschen westliche Musiktradition auch noch aus ihren Songs zu löschen. Die Percussion klingt folglich wie die 20 Sekunden auf Arcade Fires Reflektor, die nach haitianischer Musik klingen, der Rest wie ein elektronisches Album aus der Knochenbrecherphase von Tom Waits.

Es geht darum, was die Stimme einer Protestsängerin sagen und bezwecken kann, welche Privilegien, Pflichten und Bürden damit einhergehen, überhaupt eine Stimme zu haben, und wie man das alles aushalten soll, ohne verrückt zu werden. Trotz und Ausdauer halten Nikki Nack zusammen, »I’ve got something to say«, singt Garbus im abschließenden »Manchild«. Nur was und warum eigentlich?

Es kann natürlich nicht auf alles eine Antwort geben, weder von einer Tune-Yards-Platte, noch in einem Artikel über Tune-Yards. Es gibt aber immer einen Anfang, in diesem Fall in einer der feineren Gegenden von Connecticut. Merrill Garbus wächst dort in einer übriggebliebenen Hippie-Familie auf, den Rest der 20.000 Einwohner von New Canaan nimmt sie als »konservativ« und »whitewashed« wahr. Die Eltern sind halbprofessionelle Folkmusiker und bringen ihrer ältesten Tochter Klavier und Fiddle bei. In der Schule kommen Chorproben und klassischer Gesangsunterricht dazu.

Garbus wird auf Kreativität und Individualität gedrillt, jeder in ihrer Familie sehnt sich danach, etwas Besonderes oder wenigstens etwas Sonderbares zu vollbringen. »Auch ich wurde für meine merkwürdigen Einfälle immer beklatscht«, erinnert sie sich. »Als Teenager wusste ich gar nicht, wogegen ich rebellieren sollte. Um meine Eltern zu schockieren, habe ich Puff Daddy gehört.«

Tatsächlich ist Garbus mehr Lisa Simpson als Miley Cyrus: eine stille und subtile Rebellin, die auch am renommierten Smith College in Massachusetts eher durch Übereifer als Querulantentum auffällt. Absolventinnen der Frauen-Uni werden für gewöhnlich Feministinnen, First Ladies oder tragische Figuren der Literaturgeschichte. Garbus bleibt brav, kommt aber zeitweise von der elterlich vorgezeichneten Musikkarriere ab, weil sie Schauspielerei und Puppentheater für sich entdeckt. Ihr Lieblingskünstler ist zu dieser Zeit Charlie Chaplin, ein weiterer stiller Mensch, der viel zu sagen hat und später noch wichtig wird für Garbus. »Chaplin hatte eine Stimme«, sagt sie, »selbst als er noch keine Stimme hatte. Dann fing er an zu sprechen, und es hat nicht mehr funktioniert.«

Es braucht noch ein paar Jahre, einen Umzug nach Montreal und das Scheitern der Post-Punk-Gruppe Sister Suvi, bis Garbus bei Tune-Yards ankommt. Als die Ein-Personen-Band schließlich mit Ukulele, Mini-Drumkit, Loop-Pedalen und donnernder Stimme auf der Bühne erscheint, springt Chaplin einem aus jeder Note und Geste entgegen.

Die eckigen, aufgekratzten Bewegungen, der scheinbare Dilettantismus, die Kindlichkeit und die Nähe zu Dada – all das manifestiert sich in frühen Tune-Yards-Performances und dem Debütalbum Bird-Brains, auf dem man nigerianisch inspiriertem Jodelgesang und Garbus’ Computer beim Kaputtgehen zuhören kann. Chaplin ebnet außerdem den Weg zu anderen kämpferischen Träumern und Regelbrechern wie Walt Whitman, dessen moderne Poesie den Schreibstil und die Denkweise von Garbus auf den Kopf stellt. »Ich begann, ganz grundlegende Lebensentwürfe zu hinterfragen. Wofür sollte ich einen soliden Job brauchen? Warum auf Geld und Sicherheit setzen? All diese Konzepte leuchteten mir plötzlich überhaupt nicht mehr ein.«

Garbus entscheidet sich für Expansion und Unvernunft. Tune-Yards werden mit dem Bassisten Nate Brenner zum Duo, für das zweite Album Who Kill kommen noch drei Saxofonisten und eine Ahnung von professionellen Aufnahmebedingungen dazu. Die Band findet so zu ihrer eigenen Stimme. Sie spielt eine Art Bubblegum-Pop, bei dem einem die Kaugummiblasen im Gesicht zerplatzen. Garbus’ Schlafzimmerlieder sind plötzlich Hits, Arrangements und Instrumentierung werden noch internationaler. Gleichzeitig zeigen sich eine neue Angriffslust und ein geschärftes Protestsängerinnen-Bewusstsein. Mehrere Songs handeln von Machtgefügen und Gewaltausbrüchen in modernen Mann-Frau-Beziehungen. Es gibt Afrobeats und das Stück »Gangsta« über die Frage, was passiert, wenn weiße Musiker ihre Nase zu tief in schwarze Angelegenheiten stecken. Garbus sagt: »Bevor mir jemand die Ausbeutung wehrloser Kulturen vorwirft, mache ich das lieber selbst.«

Man müsse seine Quellen offenlegen und vor allem kennen, findet sie. Es reiche nicht, sich Graceland von Paul Simon aus dem Plattenschrank der Eltern zu angeln. Also schreibt Garbus nach Who Kill Tanz und Percussion aus Haiti auf ihren Lehrplan, erst im Workshop in der neuen kalifornischen Wahlheimat, dann auch als Vororterfahrung zur Rara-Saison, die sich als durchgängiges Straßenfest von Aschermittwoch bis Ostern erstreckt.

Für Tune-Yards wird die Reise zum reality check: Garbus stellt das gesamte Projekt in Frage, ihre Bereitschaft zur künstlerischen und vor allem zur körperlichen Aufopferung für die Musik, ihr Anspruchsdenken in Bezug auf nicht-westliche Einflüsse, ihre Bedingungslosigkeit und ihren Enthusiasmus. »Während der Rara-Zeit wird Haiti von einem Chaos ergriffen, das jederzeit in echte Gefahr umkippen kann«, sagt sie. »Das ganze Land strahlt dann eine ungeheure Energie aus, einen Optimismus, den ich so ungebrochen noch nie erlebt habe. Ich frage mich noch immer, wo das herkommt. Ist das Enthusiasmus? Glück? Oder eher eine Art Gusto, mit der die Menschen ihren Alltag vergessen und sich in die Feierlichkeiten fallen lassen?«

Garbus erhofft sich weniger handfeste Antworten als unverbrauchte Denkansätze von solchen Fragen. Ziel ihrer Haitireise war »eine komplette Neuverdrahtung meines Gehirns«. Dazu gehört nicht nur die Weiterbildung, sondern auch das Verlernen: Die Ukulele und alle 4/4-Takte fliegen nach Who Kill aus ihrer Musik, für den Nachfolger stellt sie neue Regeln und Arbeitsabläufe auf. Ein Großteil von Nikki Nack entsteht im vergangenen Sommer in einem Hafenbezirk von Oakland. Garbus und Brenner richten dort in zwei Schiffscontainern provisorische Studios ein, lassen sich »zwei Monate lang in der Hitze backen« und gehen getrennt voneinander ihre Checklisten durch. An einem Tag stehen Drumbeats auf dem Plan, am nächsten Melodien, dann vielleicht wieder Drumbeats oder etwas anderes.

»Ich bin gut darin, meine Regeln zu befolgen«, sagt Garbus. »Es sei denn, ich bin gerade mal schlecht darin. Nikki Nack hat mich gelehrt, dass Kreativität nicht durch Stundenpläne und Selbstbeschränkung entsteht. Sie entsteht, wenn ich verheult und erschöpft auf dem Studioboden liege, weil ich nicht mehr weiter weiß. Sie sickert durch die Risse, die sich irgendwann in meinen eigenen Regeln abzeichnen.«

Dinge gehen kaputt und werden neu zusammengesetzt, Ideen reißen irgendwo ab und tauchen irgendwo anders wieder auf, nichts ist unverrückbar, alles ist unberechenbar. Nikki Nack ist die erste Tune-Yards-Platte, die das Chaos umarmt, statt es bändigen zu wollen. Es ist grober und derber als Who Kill, sprunghafter, rasender, herausfordernder, ein Album im Komparativ.

Garbus versucht erst gar nicht, es mit ihrer Stimme zusammenzuhalten. Sie lässt sich von der Musik zu den Themen treiben, von ihrer Aggressivität anstacheln. Sie klingt noch angriffslustiger als auf Who Kill und zieht doch mit letzten Selbstzweifeln in den Kampf. »Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich dieses ganz klassische Künstlerbedürfnis, eine Ersatzstimme für Menschen zu sein, denen niemand Gehör schenkt. Und dann habe ich gemerkt, wie schwierig das ist. Ich kann meine eigene Perspektive ja nicht ausblenden. Ich kann machen, was ich will – am Ende geht es doch wieder um mich.«

Tatsächlich nimmt Nikki Nack niemanden härter in die Mangel als seine Schöpferin. Das Album beginnt mit einem Lied darüber, wie schwer es ist, ein gutes Lied zu schreiben. Skeptische Blicke auf die eigene Künstlerexistenz ziehen sich danach als wiederkehrender Nebenkriegsschauplatz durch die Platte. Immer wenn Garbus zu sich selbst kommt, überrascht sie mit einem Tonfall, der eher sarkastisch als verständnisvoll über ihre Kunst und ihren Körper urteilt. Er will nicht recht passen zu der übersprudelnden, selbstbewussten Frau, die einem im Gespräch gegenübersitzt. Dahinter könnte eine Legitimationsstrategie stecken: Dass sich Garbus immer wieder selbst hinterfragt, gibt den Momenten Gewicht, in denen sie ihre Ersatzstimmen-Stimme tatsächlich zu finden scheint.

Erstaunlicherweise passiert das vor allem in den leichtfüßigen und verspielten Momenten von Nikki Nack. Der Song »Water Fountain« etwa klingt wie die erste Sinfonie eines Krabbelgruppenorchesters, mit dem zugehörigen Text über eine Community, der die Wasserknappheit bis zum Hals steht, gelingt Garbus aber die klarste Äußerung des ganzen Albums. Sie sagt: »Kunst, die von Kindern erschaffen wird, interessiert mich, weil unter ihrer Einfachheit oft viel tiefere Bedeutungsebenen versteckt liegen als in sogenannter erwachsener Kunst.«

Diese Bedeutungen können anarchisch sein wie der Amerikaabgesang, den Garbus in »Left Behind« anstimmt, vielleicht auch so blutig und brutal wie der Spieluhren-Blues von »Sink-O«. Für die Sängerin ist das keine Überraschung: Schließlich besitzt niemand eine größere Vorstellungskraft als ein Kind, das mit seinen Gedanken allein gelassen wird. Das beste Beispiel, findet Merrill Garbus, ist Merrill Garbus selbst: »Als ich sechs oder sieben war, ist meine Familie mehrmals in kurzer Zeit umgezogen, und jedes Mal dachte ich, dass meine Kindheit jetzt vorbei sei. Ich habe mich schon als Achtjährige alt gefühlt.«

SPEX präsentiert Tune-Yards live
06.07. Köln – King Ludwig
12.11. Berlin – Postbahnhof neu


Tune-Yards »Water Fountain«