Trümmer: Potenziell alle ansprechen

Fotos: Christian Werner

Paul Pötsch mag aussehen wie der junge Jochen Distelmeyer und so ähnlich singen. Auch mag seine Band aus Hamburg kommen, Gitarren verwenden und in deutscher Sprache texten. Alles unerheblich. Wer der Gruppe Trümmer im überkommenen Referenzrahmen der »Hamburger Schule« begegnet, übersieht, dass sie viel mehr sind als Wiedergänger des hanseatischen Indie-Hochadels – eine Band, mit der sich die heutige Generation identifizieren kann.

»Eure Generation ist eigentlich richtig am Arsch«, sagt die Frau, die mit Anfang zwanzig mal eben einen Nachtclub eröffnete, in dem sich bald Mick Jagger, David Bowie und Lou Reed die Klinke in die Hand geben sollten. »Diese Freiheit habt ihr heute nicht mehr, Spontaneität ist beinahe unmöglich geworden.« An einem leerstehenden Laden vorbei spazieren, reingehen, ihn anmieten, am nächsten Tag die Wände schwarz streichen und eröffnen? In den meisten westlichen Großstädten wäre so etwas heute unvorstellbar.

Trümmer sitzen in einem Berliner Verlagshaus und wirken nachhaltig begeistert von Romy Haag, die sie tags zuvor im Rahmen eines Fernsehdrehs trafen. Vor dem einsetzenden Platzregen hat man sich auf einen überdachten Vorsprung des Betonkeils gerettet, es gibt Zigaretten aus der Hand des Managers, während Sänger und Gitarrist Paul Pötsch mit euphorischem Blick von der Aura der Diva berichtet. »Sie hat uns das Substrat aus ihrem Künstlerleben mitgegeben, worauf es ihrer Meinung nach ankommt«, erinnert sich Bassist Tammo Kasper. Das Wichtigste? »Spiel für die Leute, die mit dir sind!« Von Kritik solle man sich nicht einschüchtern lassen, im Gegenteil. Macht einfach, was ihr wollt, so das Credo. Es gibt keinen anderen Maßstab als euch selbst! Aus dem Mund von jemandem wie Romy Haag klingt das natürlich wie eine letzte Weisheit: »Das zu hören, war für uns besonders schön«, sagt Kasper, »da wir genau deshalb damals diese Band gegründet haben. Um zu machen, was wir wollen. Uns selbst einen Freiraum zu schaffen.«

Damals, das war vor gut zweieinhalb Jahren. Die just gegründeten Trümmer spielen einige eindrucksvolle Konzerte in Hamburg und werden wenig später von SPEX als Pop-Hoffnung erkannt. Konsequent bis reaktionär verweigern sie sich zu diesem Zeitpunkt dem Internet. Es gibt keine Bandcamp-Seite, Facebook, Instagram oder Twitter schon gar nicht. Die einzigen digitalen Spuren? Zwei vereinsamte Songs, »In all diesen Nächten« und »Der Saboteur«. Später ein Video, für das sie die Goldenen Zitronen mimen – ein Ritterschlag für eine Band von der Waterkant. Im darauf folgenden Jahr schwillt der Hype weiter an, es wird Zeit, aus dem selbstgewählten Exil herauszutreten. Im Spätsommer hat die Band dann genügend Songs zusammen, um sich ins Studio aufzumachen, wo sie mit Helge Hasselberg und Janto Rößner ihr Debütalbum aufnehmen wollen.

Fünf Wochen schließt sich das Trio in ein Bauernhaus in der Nähe von Schleswig ein, eine Tour de Force, bei der die Band an ihre körperlichen und psychischen Grenzen gelangt: »Du wirst halb verrückt, weil es dort keine Ablenkung gibt. Du arbeitest 15 Stunden konzentriert durch und wirst am nächsten Morgen davon geweckt, wie jemand auf dem Schlagzeug rumkloppt«, sagt Schlagzeuger Max Fenski. Auch musikalisch verlangen sich die drei einiges ab, um ihrem hohen Anspruch gerecht zu werden. Das Ziel: alles live aufzunehmen. »Wir sind keine naturbegabten Supermusiker«, lacht Pötsch, »es war ein gutes Stück Arbeit, bis wir die Songs auf den Punkt aufnahmereif spielen konnten«.

Trümmer by Christian Werner in SPEX
»Wir wollten keine Platte über drei Straßen in Hamburg machen. Die Dinge, die wir ansprechen, passieren deutschlandweit.«

Die Rechnung geht auf. Trümmer klingt, wie ein Debütalbum klingen muss. Direkt, roh, jugendlich, mit einem gesunden Hang zum Pop, an dem sich Pötschs Zeilen von Protest und individuellem Aufstand emporziehen können. Nach Hamburger Schule der Neunziger etwa? »Das ist ein Lokalkolorit, das wir total ätzend finden«, sagt Kasper. Schon beim bloßen Klang jenes Sammelbegriffs wird die Band so sauertöpfisch wie bereits die Altvorderen vor 20 Jahren. »Erstens«, grätscht Pötsch dazwischen, »findet die Szene, wenn man das so nennen will, heute an verschiedenen Orten des Landes gleichzeitig statt«, und spielt damit auf Die Nerven aus Stuttgart, Messer aus Münster und Candelilla aus München an. »Zweitens wollten wir keine Platte über drei Straßen in Hamburg machen. Die Dinge, die wir ansprechen, passieren deutschlandweit.« Mit diesen Dingen meint er die typischen Probleme einer Großstadt in 21. Jahrhundert. Gentrifizierung, fehlgeleitete Kulturpolitik, neuer Biedermeier und so weiter.

Ihr Debüt ist eine echte Stadtplatte geworden. Die vielen spruchfertigen Sätze in Pötschs Texten kann man sich auf bereits von Generationen bemalten Wänden vorstellen, weniger auf der Sitzfläche der örtlichen Bushaltestelle. Die Metropole ist die Kulisse, vor der alles stattfindet. Sehnsucht, jugendliche Liebe, aber auch das Aufbegehren gegen verkrustete Strukturen. Die drei Mittzwanziger eint die Herkunft aus dem Ländlichen, sie sind in die Großstadt gezogen, um einen Sehnsuchtsort aufzusuchen, in dem alles möglich schien. Doch nach vier oder fünf Jahren Hamburg mussten sie feststellen, dass der Ort allein die Erwartungen nicht erfüllen kann. »Keine Stadt der Welt kann einen glücklich machen«, sagt Pötsch, »sie kann nur die Möglichkeiten bieten. Den Rest muss man selbst schaffen.«

Ein Gefühl, das gerade der aktuellen Generation zugezogener Großstädter bekannt vorkommen dürfte. Trotz jeder Allgemeingültigkeit hätte die Platte in dieser Form nirgendwo anders als in Hamburg entstehen können. Denn in der Hansestadt, einer der wirtschaftlich potentesten Städte der Republik, konzentrieren sich oben genannte Phänomene drastischer als andernorts. Gerade die letzten zwei Jahre waren in Hamburg alles andere als goldene Zeiten. Man erinnert sich an den Ausnahmezustand nach und während der Ausrufung eines Gefahrengebiets rund um die Sternschanze, das nach hanseatischer Gesetzeslage der Polizei erlaubt, jeden ohne Grundverdacht zu kontrollieren. »Man steht fassungslos auf der Straße und fragt sich, wo auf einmal die ganze Staatsgewalt herkommt«, erinnert sich Kasper.

Andererseits scheint es sich der Senat zur Aufgabe gemacht zu haben, Kultur in Hamburg zur Staatsangelegenheit zu erklären. Clubs werden durch selektive Subventionierung zu touristisch rentablen Massenveranstaltungen, während die durchs Raster gefallenen Veranstaltungsorte ums Überleben kämpfen müssen. Doch so sehr sich ihre Umgebung auch zum Schlechteren verändert, Trümmer sehen am Ende etwas Positives in der repressiven Atmosphäre um sie herum: »Es spornt einen an, noch härter zu arbeiten, um etwas zu verändern«, sagt Kasper, und Fenski fügt hinzu: »Es gibt keine Gemütlichkeit. Zurücklehnen und den Biedermeier pflegen, das geht hier als junger Mensch nicht.«

Diese Aufbruchsstimmung ist es auch, die Trümmer am meisten von der alten Indie-Aristokratie unterscheidet: Die Band ist über den Punkt hinaus, den Status Quo anzuprangern, sie will aktiv werden und die Dinge angehen. Schließlich weiß man, dass man in beschissenen Zeiten lebt, doch deshalb die Segel streichen? Das wäre zu einfach. »Klar ist alles scheiße, aber trotzdem! Lasst es uns angehen, und zwar lustvoll!«, ruft Pötsch mit spürbarem Optimismus. Mit Pop und Einfachheit möchte er komplizierte Sachverhalte zugänglich machen. »Das ist es doch, was gute Musik über die Jahrzehnte hinweg immer getan hat, oder?« Es ist der Band wichtig, sich nicht im Kreise Eingeweihter hinter Worthülsen zu verstecken. Was sie auf Trümmer sagen, meinen sie auch so. »Offene Türen einzurennen ist doch total uninteressant«, sagt Pötsch. Dann lieber potenziell alle ansprechen. »Macht euch keine Sorgen, Jungs«, hatte Romy Haag noch mit leicht verschwörerischem Ton gesagt, »die Revolte kommt. Von Frankreich aus. Die haben das Karma dafür.« Hamburg offensichtlich auch.

SPEX präsentiert Trümmer ab Ende Oktober auf Tour. Schon heute spielt die Band live bei der Uraufführung von Charles Manson: Summer of Hate – Das Musical am Hamburger Thalia Theater. Der musikalische Trip zwischen L.A. und dem Death Valley entstand in Zusammenarbeit mit u. a. Stefan Pucher, Christopher Uhe und Susanne Meister und zeichnet den Aufstieg und Fall des Charles Manson nach, den es gleichzeitig popkulturell nachforscht. Sieben Vorstellungen wurden bislang angesetzt. Für alle gibt es noch Karten.

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