Trümmer »Interzone« / Review

Einfache Bilder, Pop-Phrasen, für jedermann verständlich und doch auch in verschnörkelter Schrift denkbar: Paul Pötsch sing neuerdings von Neonröhren, swag und leuchtenden Skylines.

Als es für Bands längst normal war, Fotos ihres Essens mit den Fans auf Instagram zu teilen und Neuigkeiten über Facebook zu verbreiten, tauchten Trümmer in verrauchten Kneipen auf, spielten kleine Konzerte und entzogen sich der digitalen Welt. Der Hype fand sie trotzdem. Man feierte Trümmer als neue Stimme der deutschen Gitarrenmusik, als nächste Stufe der Hamburger Schule. Die junge Band hatte jedoch mehr im Sinn. Ihr Sänger und Songwriter Paul Pötsch wollte nicht nur Texte für den intellektuellen Elfenbeinturm schreiben, seine Umstürzlergedanken zu selbst gedrehten Zigaretten formulieren und am Lob des Feuilletons ersticken, während ihn niemand wirklich verstand. Das zweite Trümmer-Album heißt Interzone und versucht den Richtungswechsel vom introvertierten Schrammel-Rock zur Popmusik der großen Hallen.

Trümmer sind noch lange nicht Revolverheld, das ist die gute Nachricht.

Von Neonröhren singt Pötsch jetzt, von swag, betrunkenen Astronauten und leuchtenden Skylines. Einfache Bilder, Pop-Phrasen, für jedermann verständlich und doch auch in verschnörkelter Schrift denkbar. Trümmer sind noch lange nicht Revolverheld, das ist die gute Nachricht. Was sind sie dann? Im schlimmsten Fall eine Hintergrunddudelversion von Ja, Paniks letztem Album Libertatia, im besten noch immer eine Band mit subversiven Absichten. Interzone hat mehr Dreck als gedacht unter den Sohlen, Pötsch hat weiterhin seine rauchige Stimme, mit der er mehr ausprobiert, Richtung Rausch und Verführung schielt. Sein wahres Interesse jedoch gilt wieder den Startseitenthemen der Gegenwart, Verlorenheit, Alkohol, »optimieren, optimieren«.

So wird das zweite Trümmer-Album zum zweifachen Richtungswechsel: Es schmiedet Pläne von größerer Zugänglichkeit und allgemeiner Verständlichkeit – nur um sie gleich wieder zu Grabe zu tragen. Die Gitarren werden lauter und ruppiger im Verlauf der Platte, Funk wird Stoner-Rock, Pötschs verqualmter Gesang artet aus in dissonantes Geschrei. Trümmer finden zurück in ihre Ursprungsrolle als Gegengewicht zu jedem Deutschrock-Beamtentum. Bis ihnen das gelingt, ist Interzone beinahe verpufft in seiner Zwischenwelt.

Ein ausführliches Interview mit Trümmer-Sänger Paul Pötsch ist hier zu lesen.

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