Trostlosigkeit und glasklarer Klang

Nicht langsamer, nur trostloser. Auf dem neuen Album »Dolores« arbeitet das Quartett Bohren & Der Club Of Gore an der sanften Verschiebung musikalischer Vorzeichen, der kompakteren Form. Raphael Smarzoch sprach mit Bohren-Bassist Morten Gass sowie dem Saxophonisten und Pianisten Christoph Clöser über den Klang, still am Tresen zu stehen.

Bohren & Der Club Of Gore

»Unser Ziel war es nicht, uns immer weiter zu minimieren, immer ruhiger und langsamer zu werden – auch wenn das oft in uns hineininterpretiert wurde, dass uns etwas am Etikett »langsamste Band« liegt. Das ist eine Diskussion, die von Außen kommt.« (Christoph Clöser, Bohren & Der Club Of Gore)

(Foto: © Alfred Jansen / Pias)

»Jede Musik erzeugt Bilder. Ob ich mir jetzt einen Scheißhaufen darunter vorstelle oder eine scharfe Perle, die sich an der Bar rekelt – dafür ist Musik ja da.« Bedenkt man, dass Bohren & Der Club Of Gore regelmäßig mit dem Begriff ›Kopfkino‹ oder Regisseuren wie David Lynch in Verbindung gebracht werden und zudem ihre musikalische Arbeit seit Jahren stumpfsinnig mit der von Angelo Badalamenti verglichen wird, so ist die nonchalante Antwort von Morten Gass durchaus vertretbar. Fakt aber ist: die Musik des Quartetts aus Mülheim an der Ruhr ist einer stetigen Entwicklung ausgesetzt, durch die sie sich einer derart engstirnigen Charakterisierung bisher konsequent zu entziehen verstand. Es ist die sanfte Verschiebung musikalischer Vorzeichen, die Bohrens geheimnisvollen Kompositionen, die dem Jazz ebenso zusprechen wie sie auch im Geiste des Metals verwurzelt sind, zur klanglichen Reife verhilft und nicht ihre bloße oberflächliche Erscheinung. »Wir entscheiden nicht nach BPM-Zahl, sondern nach musikalischen Kriterien. Hinsichtlich der Entwicklung von Klang stand bei jeder Platte ein neues Instrument Pate. Jedes Stück besitzt seinen eigenen Kosmos«, behauptet Pianist und Saxophonist Christoph Clöser und lehnt sich nachdenklich in seinem Stuhl zurück.

    Auf ihrem neuesten Album »Dolores« ist es die Orgel, die das erste Stück »Staub« anfangs mit einem zarten Bordunton prägt und eine sparsame, sakral anmutende Melodielinie stützt. Mit einem kräftigen Crescendo setzten kurze Zeit später Bass und Schlagzeug ein und geben dem Stück ein somnambules Metrum. Schließlich erklingt der glasklare Klang des Fender Rhodes, setzt fragile melodische Akzente, bis alles am Ende in tristen synthetischen Chorälen verblasst. »Das Konzept bei ›Dolores‹ war es, eine Art von Trostlosigkeit zu vertonen – still am Tresen zu stehen«, sagt Gass. Zwar thematisiert jedes Album von Bohren auf seine eigene Art und Weise die Idee der Trostlosigkeit, doch ging es diesmal bei »Dolores«, wie Clöser zu verstehen gibt, »um die Realität, etwas was zum Leben gehört und nicht um irgendeinen Fantasy-Kram. Titel wie ›Welk‹, ›Faul‹ oder ›Karin‹ wirken zunächst nicht besonders bedrohlich. Es ging bei diesen Stücken um die Metaebene: faul, welk, das kann ja auch ganz schrecklich sein. Ein Wort wie Mitleid, was da alles mitschwingt, oder Beileid. Wörter, die beim zweiten oder dritten Mal doch unangenehm werden, dabei sind sie alltäglich. Unsere Musik funktioniert auch so« –  versinnbildlicht sie doch eine klangliche Schönheit, die in zärtlichen, harmonischen Verläufen und delikaten Arrangements einen Kontrapunkt zu der desolaten Thematik setzt. Diesmal herrscht dabei eine kompaktere Form vor, zeitlich ausufernde Stücke sucht man auf »Dolores« vergeblich. »Das Album ist zugänglicher«, erklärt Morten. »Das ist trotzdem trostlos, keine Frage. Die Art und Weise wie diese Trostlosigkeit präsentiert wird, ist eine ganz andere als auf ›Geisterfaust‹. Realer und greifbarer, einfach nachvollziehbarer.«

    Verglichen mit »Geisterfaust«, dem unumstößlichen Klangmonolithen in Bohrens Diskographie – das Album, durch das sich die Band in einem neuen musikalischen Terrain verortete indem Strategien der Neuen Musik vorherrschend wurden und die Verwurzelung in den extremen Spielarten des Heavy Metals ersetzten – erscheint »Dolores« tatsächlich zugänglicher. Mancher bringt gar das Zauberwort Pop ins Spiel. Doch Zugänglichkeit sollte in diesem Fall nicht als Eingeständnis verstanden werden, als Ausweg aus einer ästhetischen Sackgasse, in die man sich mit »Geisterfaust« versehentlich verlaufen hatte. »Unser Ziel war es nicht, uns immer weiter zu minimieren«, stellt Clöser fest. »Immer ruhiger und langsamer zu werden – auch wenn das oft in uns hineininterpretiert wurde, dass uns etwas am Etikett »langsamste Band« liegt. Das ist eine Diskussion, die von Außen kommt.«

    Inwieweit die Rezeption von Bohren & Der Club Of Gore für fehlerhafte Etikettierungen sorgt, zeigt sich auch in der bereits erwähnten Verbindung zum Heavy Metal. Die Verwendung von Langsamkeit als kompositorisches Stilmittel, »die Zelebrierung einzelner Akkorde und Töne«, wie Clöser hinzufügt, muss nicht zwangsläufig aus der Beschäftigung mit dem Doom Metal entspringen – obwohl Gass im Laufe des Gesprächs amüsiert feststellt, dass »wenn der Ausdruck ›Doom‹ im Deutschen nicht schon verwendet würde« der Begriff Trostlosigkeit eine perfekte Übersetzung sei. Lakonisch fügt er hinzu: »In ›Dolores‹ steckt so viel Metal drin, als sei mein Hobby Golf zu spielen. Ich höre halt nebenbei gerne Heavy Metal Musik aber das beeinflusst eigentlich die Musik nicht groß.« Vielmehr ist es die Energie des Metals, seine klangliche Durchsetzungskraft und musikalische Autonomie, die nach wie vor Bohrens Sound maßgeblich prägen. Es ist der »Spirit des Metal« von dem Christoph Clöser fasziniert ist »ohne jetzt Metal by Nature zu sein – abgesehen davon, dass unsere Schlagzeugschläge zwar langsam und sehr spärlich kommen, besitzen sie dafür die nötige Attitüde, Konsequenz und Kompromisslosigkeit. Vom Gestus und vom Geist her ist das Metal, klar!«

»Dolores« von Bohren & Der Club Of Gore erscheint am 10. Oktober (Pias / RTD), das Stück »Unkerich« kann man nach Anmeldung für den Newsletter kostenlos als MP3 herunterladen. Spex präsentiert die am 17.10. startende Tournee der Gruppe, alle Termine dazu finden sich hier.

Anm. d. Red.: Eine frühere Fassung dieses Textes schrieb Morten Gass die Rolle des Bohren-Pianisten zu. Korrekt ist hingegen, dass Christoph Clöser seit »Geisterfaust« das Fender-Rhodes bedient. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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