Tristan Garcia „Wir“ / Review

Mit Büchern voll von modernistischem Existentialismus hat sich der französische Philosoph und Autor Tristan Garcia als jugendliche Lichtgestalt der intellektuellen Elite hervorgetan. Seiner Linie folgend zeigt er in der Neuerscheinung Wir, die heute bei Suhrkamp veröffentlicht wird, warum der Mensch, um das eigene Ich zu definieren, stets auf andere angewiesen ist.

Es gibt kein Ich, sagt Tristan Garcia. Der Mensch sei kein abgeschlossenes Subjekt, sondern nur eine Anhäufung vielfältiger Wir, also Identifikationen mit Kategorien wie Gender, Religion oder Musikgeschmack. In seinem neuen Buch Wir versucht der französische Philosoph der formalen Struktur dieser Identitätsbildung auf die Spur zu kommen. Wie bilden wir ein Wir aus? Und wieso sind wir mitunter
nicht in der Lage, selbst mit Gleichgesinnten einen vernünftigen Streit zu führen? Hochaktuelle Fragen.

Garcias Buch beginnt mit einer Analyse der Wir-Struktur. Das Wir sei keine Schnittmenge biologischer oder kultureller Eigenschaften, sondern eher eine Gruppe an Einteilungsfolien, die wie transparente Bildschichten übereinander liegen. Der Mensch setze dabei Prioritäten. Ist es mir wichtiger, von meiner Nationalzugehörigkeit, Sexualität oder sozialen Stellung her verstanden zu werden? Jede bevorzugte Identitätsschicht verdunkle dabei notwendig andere. Im zweiten Teil interpretiert Garcia dieses Modell historisch: Er zeigt, wie sich Zuschreibungsprozesse und Klassifikationsmethoden von der Aufklärung bis in die Postpostmoderne von ihren anfänglichen Grundlagen entfernten. Das Wir heute sei vor allem eine leere Hülle, ein strategischer Begriff im politischen Kampf.

Nicht alles ist neu an Garcias Essay, doch liegt der große Reiz in seiner Nüchternheit. Ohne dezidierte Agenda thematisiert er die politischen Effekte des Identitätsbegriffs. Gerade in dieser überparteilichen Genügsamkeit liefert Wir das lange ersehnte analytische Mittel gegen die allgegenwärtige Polemik identitätstrunkener Meinungsmache.

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